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Politik

Bei den Puigdemonts

Nicolas Martin
13. Oktober 2017

Carles Puigdemont ist die Galionsfigur der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Von den einen gehasst, von den anderen verehrt. Nicolas Martin hat sich in Puigdemonts Geburtsort Amer auf Spurensuche begeben.

Spanien Carles Puigdemont bei einer Demonstration in Amer
Bild: picture-alliance/dpa/R. Townsend

"Als er jung war, hat er hier manchmal ausgeholfen", sagt die Frau in der Bäckerei. Seit 1928 fertigt die "Pastisseria Puigdemont" Croissants, Brot und Süßigkeiten in dem kleinen Örtchen Amer, knapp 120 Kilometer nordöstlich von Barcelona. Noch immer ist die Bäckerei in Familienbesitz. Auch die Frau hinter der hölzernen Verkaufstheke hat einen mittlerweile weltweit bekannten Verwandten: Carles Puigdemont, der umstrittene Chef der katalanischen Regionalregierung, wurde 1962 in Amer geboren und ist dort aufgewachsen. Weiter über "Puigdi", wie ihn manche nennen, möchte sie nicht sprechen und winkt mit einer sehr deutlichen Geste ab.

Der Ort Amer hat 2300 Einwohner Bild: DW/N. Martin

Amer liegt auf dem Land, umgeben von zwei mit Eichen, Kastanien und Pinien bestandenen Bergen. Die Luft ist klar und rein. Knapp 2300 Menschen leben hier. 30 Meter von der Bäckerei der Familie Puigdemont entfernt liegt der Hauptplatz des Dorfes: Der Boden ist aus Pflastersteinen, darum mittelalterliche, schön restaurierte Häuser, aus jedem Fenster hängt eine Katalonienfahne. In Amer haben 97 Prozent der Wahlberechtigten beim Referendum über die Unabhängigkeit mit Ja gestimmt.

"Er ist sehr mutig"

"Wir sind hier sehr stolz auf ihn." Die 39-jährige Biologielehrerin Anna strahlt. "Er vertritt unsere Interessen. Wir wollen endlich unsere Unabhängigkeit." Dann zieht sie schnell von dannen. Foto und Nachname? "Lieber nicht, sie haben uns schon so oft Dinge in den Mund gelegt", schimpft Anna und meint damit die Regierung in Madrid. Auch Jaume will seinen Nachnamen nicht nennen. "Wir haben diese Diktatur satt", sagt er, während er mit dem Handy das kleine Fahnenmeer am Hauptplatz filmt. "Das ist meine Fahne", murmelt Jaume zufrieden in seinen Bart. Gemeinsam mit drei Freunden hat er eine Motorradtour nach Amer gemacht. "Puigdemont ist sehr mutig", sagt er und setzt sich auf einen Stuhl im kleinen Café am Platz.

Die Konditorei besteht seit 1928Bild: DW/N. Martin

Daneben befindet sich auch der Amtssitz der Bürgermeisterin. Salvador Clara ist ihr Stellvertreter, und beim Namen Puigdemont leuchten seine Augen. Hinter seinem klaren Blick scheint sich ein Film abzuspielen. Er handelt von seinem Schulkameraden Carles und ihm. Wie sie gemeinsam den Übergang von der Diktatur Francos zur Demokratie erlebten und beide mit knapp 14 Jahren feststellten, dass sich an der schlechten Behandlung der Katalanen nichts geändert habe. "Bis 1985 haben sie uns eingesperrt, wenn wir Katalanisch sprachen", sagt der heute 55-Jährige mit erregter Stimme.

"Die Unabhängigkeit war immer sein Ziel"

Sein Schulkamerad habe schon immer für die Unabhängigkeit gestanden. "Ich war in der Schule Mitglied in einer linken Partei, Carles war in einer Gruppe, die als einziges Ziel die Loslösung von Spanien hatte." Nach dem Abitur trennten sich die Wege: Clara ging zum Studium nach Barcelona, Puigdemont ins 25 Kilometer entfernte Girona. Dort studierte er Philosophie, wurde Journalist einer katalanischen Zeitung, wo er am Ende als Chefredakteur arbeitete. Anschließend gründete er die offizielle katalanische Nachrichten­agentur. Politisch gilt er eher als Quereinsteiger, war von 2011 bis 2016 Bürgermeister Gironas. Nach der Wahl zum katalanischen Regierungschef sagte er zur Amtseinführung: "Es sind keine Zeiten für Feiglinge! "

Jaume ist mit dem Motorrad nach Amer gekommenBild: DW/N. Martin

"Er steht treu zu seinen Freunden, er ist intelligent, ein großartiger Redner und ein Mann des 21. Jahrhunderts", antwortet Clara auf die Frage, warum gerade Puigdemont den Katalanen nun zur Unabhängigkeit verhelfen werde. Dass es so weit kommen wird, davon ist Salvador überzeugt. Er habe mit der ausgesetzten Unabhängigkeit die Spannung aus der Situation genommen. Dennoch gibt Clara zu bedenken: "Die Sache wird früher oder später explodieren." Er zeigt auf ein Kunstwerk am Eingang des Rathauses. Ein in Amer ansässiger polnischer Künstler hat eine große Friedenstaube gemalt. Auf dem Körper der Taube prangen die Handabdrücke der Dorfbewohner. "Wir Katalanen sind friedfertige Menschen", kommentiert Clara das Kunstwerk.

Salvador Clara war Puigdemonts SchulkameradBild: DW/N. Martin

Hoffnung auf Dialog

Die Aggression gehe von Madrid aus. "Als wir gesehen haben, wie sie beim Referendum auf die Wähler einschlugen, haben wir hier geweint." Bevor Clara sich verabschiedet, zeigt er noch Fotos auf seinem Handy. Dort ist er mit seinem "Freund Carles" zu sehen: zu Studienzeiten und vor einigen Monaten bei einem seiner Besuche im Parlament in Barcelona. Seine Augen leuchten erneut. Diesmal ist es kein Film der Vergangenheit, es ist der Stolz der Gegenwart: "Er ist der Präsident, der den kollektiven Traum vieler Generationen wahrwerden lässt."

Nuri Soler macht sich Sorgen um die ZukunftBild: DW/N. Martin

In einer Seitenstraße des Hauptplatzes sitzt eine junge Frau auf einer Steintreppe und spielt mit ihrem acht Monate alten Kind. Nuri Soler ist aus Girona für ein Familienessen gekommen. In Girona wohnt Puigdemont heute mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern. Auch dort hat eine große Mehrheit für die Unabhängigkeit gestimmt. "Klar, sind wir stolz, dass ein Mann aus unserer Region die Dinge in der Hand nimmt." Kein Präsident habe sich jemals so weit vorgewagt. "Er verdient mehr Respekt", findet die 35-Jährige. Nach dem, was beim Referendum am 1. Oktober passiert sei, habe sie allerdings Angst, was die Regierung in Madrid unternehme, wenn die Unabhängigkeit dann wirklich ausgerufen werde. "Ich hoffe, es geht über den Dialog", sagt Nuri Soler und schaut zu ihrem Sohn.

 

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