Kein Strom und kein Wasser
4. September 2002Moskau, 3.9.2002, THE MOSCOW TIMES, engl., Jewgenija Borissowa
Grosny - Die erste Prüfung für die Kinder, die am Montag (2.9.) in die Schule Nr. 41 in der tschetschenischen Hauptstadt zurückgekehrt sind, bestand darin, sich den Weg durch den Schutt von vier Schulgebäuden in das eine noch intakte zu bahnen. Die Schule, die als eine der besten in Grosny gilt, liegt inmitten der Stadt, wo die meisten Gebäude im Krieg zerbombt worden sind. Granaten schlagen hier immer noch ein, das Geräusch von Maschinengewehren und Mörsern unterbricht die Stille nicht nur des Nachts, sondern zuweilen auch in der Mitte des Tages.
Aber weder die kleinen Mädchen mit den riesigen Schleifen im Haar und mit Blumensträußen für ihre Lehrer in den Händen, die hübsch angezogenen kleinen Jungen, noch die älteren, salopp gekleideten Schüler konnte die Verwüstung um sie herum erschrecken. Sie hörten ihren Lehrern zu, die zusammen mit den Eltern der Schüler die Wände der Klassenzimmer angestrichen und versucht hatten, das heruntergekommene Gebäude für den ersten Schultag etwas zu verschönern. Am Montag hingen bunte Luftballons an den Decken.
Es gab das erste Klingelzeichen, und für die Erstklässler begann die Schulzeit mit einer "Friedenslektion" in russischer Sprache, die einige von ihnen nicht zu verstehen schienen. "Was könntet ihr tun, um den Krieg zu beenden?", fragte die Lehrerin Asja Metajewa, ernst und ohne ein Lächeln im Gesicht. Ein Mädchen gab zur Antwort: "Fleißig lernen."
"Und warum sollten wir fleißig lernen?", fragt Metajewa und gibt selbst die Antwort darauf: "Um später gut zu arbeiten. Wenn jeder gut arbeitet, wird es in unserer Republik niemals Krieg geben."
Die letzten Kämpfe dauern seit dem Herbst 1999 an, als Moskau erneut föderale Truppen entsandt hat, angeblich um Ordnung in der Republik zu schaffen. Trotz des Krieges, der ein Viertel der 600 Schulen in Tschetschenien beschädigt und 68 davon völlig zerstört hat, haben am Montag 458 von ihnen ihre Pforten für mehr als 190 000 tschetschenische Kinder wieder geöffnet.
Viele dieser Schulen sind aber in einem verheerenden Zustand, sagt Ilina Sadulajewa, Chefexpertin im Ressort Sozialpolitik bei der tschetschenischen Regierung. Die föderale Regierung habe lediglich für die umfassende Rekonstruktion von 14 Schulen Geld bereit gestellt, während an 48 Schulen kleinere Reparaturen durchgeführt worden seien, sagte sie. Nach Angaben ihres Ressorts erhielten tschetschenische Schulen 246,210 Tonnen Farbe, 60 000 Tonnen Nägel, 40 000 Quadratmeter Linoleum und andere Materialien. Wie viel tatsächlich gebraucht werde, darüber gebe es keine Zahlen.
Die Schule Nr. 41 in Grosny hat keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Innentoiletten. Die Toilette befindet sich auf dem Schulhof und die Unterrichtsräume werden mit Gasöfen beheizt, die von den Russen als Burschuiki bezeichnet werden.
In den meisten Schulen in Tschetschenien, auch in vielen der renovierten, sind die Zustände ähnlich, denn nur in bestimmten Teilen von Grosny gibt es wieder kommunales Wasser und kommunalen Strom. Die meisten Schulen haben keine Räume für den Naturkundeunterricht und vielen fehlt es an der Grundausrüstung.
Weder Licht noch Zentralheizung gab es auch in der wunderschön wieder aufgebauten Schule Nr. 7 im Leninskij-Bezirk, die zusammen mit der Schule Nr. 16 des Oktjabrskij-Bezirks von der Czech People in Need Foundation mit Mitteln von UNICEF und des U.S. State Department's Bureau of Population, Refugees and Migration renoviert worden ist. Der Schuldirektor Chamsat Kukajew sagte, nach den derzeitigen Standards in Grosny seien die Verhältnisse dort hervorragend, er führte jedoch darüber Klage, dass die Schule nur über ein Viertel des erforderlichen Unterrichtsmaterials verfügt.
Chasnabek Astamirow, der Direktor der Schule Nr. 10 im Staropromyslowskij-Bezirk, die erst von der örtlichen Filiale des Staatlichen Baukomitees der föderalen Regierung renoviert worden ist, war außer sich über die Gedankenlosigkeit bei den Renovierungsarbeiten. "Schauen Sie sich diese Türen an", sagte er. "Wie konnte man nur so dünne Glasscheiben in Schulen einsetzen? Es wird sich auf keinen Fall vermeiden lassen, dass die Kinder das Glas zerschmettern und sich dabei verletzen."
Astamirows Nachbarschule Nr. 11 - ebenso im Staropromyslowskij-Bezrik und benannt nach ihrem prominentesten Absolventen, dem ehemaligen Präsidenten Inguschetiens Ruslan Auschew - hatte viel weniger Glück. Ebenso wie die Schule Nr. 41 versorgte man sie mit Farbe, Tapeten, Deckenmaterial, Nägeln und Zement, die Lehrer und die Eltern mussten aber nahezu alle Reparaturarbeiten selbst ausführen. Die Stadt hat der Schule lediglich einen Schirmherrn besorgt, ein Gasunternehmen aus der Gegend, das eine Mannschaft abgesandt hat, um das Dach in Ordnung zu bringen.
Trotz der eindeutigen Probleme zeichnete Tschetscheniens Bildungsminister Ljoma Dadajew ein rosiges Bild. "Der Wiederaufbau unserer Republik erfolgt über den Wiederaufbau des Bildungswesens hier", sagte er am Freitag in einem Interview. Die Republik verfüge über all die Möbel, die für die Unterrichtsräume erforderlich seien und über 95 Prozent des notwendigen Unterrichtsmaterials und habe etwa 2500 Computer für die Schulen erhalten. Viele der fast 13000 Lehrer hätten eine Sonderausbildung hinter sich und "es gibt kein einziges Dorf in der Republik, in dem es keine Schule gibt", so Dadajew.
Sadulajewa erklärte hingegen, als Mitarbeiter ihres Ressorts die Berichte des Bildungsministeriums geprüft hätten, "haben wir herausgefunden, dass nicht alles so rosig ist".
Dadajew selbst gab zu, dass trotz der beachtlichen Zahl von Computern, die für die Schulen in Tschetschenien gedacht seien, die meisten davon sich noch auf Lager befänden. "Ich werde die Computer - etwa fünf pro Schule - nur den Schulen zuweisen, die Strom haben, eine gepanzerte Tür im Computerraum und Gitter vor den Fenstern", sagte der Bildungsminister. Diese Kriterien erfüllen in Tschetschenien nur wenige Schulen.
"Uns sind 20 Computer versprochen worden", sagt Chanum Umarowa, die Direktorin der Schule Nr. 11. "Aber ich habe Angst, ohne Gitter vor den Fenstern und eine besonders gesicherte Tür die Computer in Empfang zu nehmen. Ich hoffe, die Stadt wird mir dabei helfen und ich denke, wir brauchen auch einen Sonderwachposten."
Die Schule Nr. 3 in Argun, einer Stadt südöstlich von Grosny und bekannt für die brutalen Säuberungen, die föderale Truppen hier durchgeführt haben, wagt noch nicht einmal von Computern zu träumen. Ihre größte Sorge ist die Sicherheit ihrer Schüler.
Die Schule liegt in der Schusslinie zweier benachbarter Kontrollposten und wird recht häufig mit Granaten beschossen. Die föderalen Truppen benutzen sie auch gern als Stützpunkt für einige ihrer Operationen, erklärt die Schuldirektorin Zura Ismailowa. Weil die Schule es nun leid sei, dass Soldaten durch die Fenster eindringen, hat die Schule die Parterre-Fenster praktisch ganz zugemauert und lediglich einen Lichtspalt gelassen. Ismailowa und die Lehrer glauben aber nicht daran, dass die ungebetenen Eindringlinge nunmehr fern bleiben. "Vor kurzem, Mitte August, sind Soldaten hergekommen und haben die Türen eingeschlagen", so Ismailowa. "Ich rief ihnen zu, ich würde die Türen öffnen, man hörte aber nicht auf mich. Sie brachen die Schlösser mehrerer Klassenräume im Parterre auf und benutzten die Räume als Toiletten. Sie stahlen einen Teil unserer Ausrüstung und sogar eine große Uhr. Ich hoffe sehr, dass das aufhört."
Die Schule Nr. 3 in Zozin-Jurt im Bezirk Kurtschaloj südöstlich von Argun hat kein Baumaterial bekommen und die Direktorin Saret Garsijewa sagte, die Lehrer hätten ihr Geld zusammentun müssen, um Farbe und Tapeten zu kaufen. Am Sonntag stand Garsijewa immer noch auf Stühlen und klebte Tapeten. Die Fenster der Schule sind statt aus Glas aus Plastik. "Wir haben im letzten Jahr mehrmals Glas gekauft, es wurde aber immer wieder durch Explosionen zerstört. Es geht nicht so weiter. Es gibt jeden Tag Explosionen", sagt sie.
Im vergangenen Jahr wurden die Gasöfen, die die Lehrer mitgebracht hatten, um die Klassenräume zu beheizen, drei Mal von den Truppen beschlagnahmt. Garsijewa erklärte, für die Kinder sei es gefährlich, zur Schule zu kommen und auch für die Lehrer sei es riskant. Im letzten Jahr seien drei Lehrer bei Säuberungsaktionen festgenommen und zusammengeschlagen worden.
In diesem Jahr werden auch mehrere Hundert Kinder von Flüchtlingsfamilien, die in diesem Sommer aus Flüchtlings-Zeltlagern in Inguschetien in Heime in Grosny verlegt worden sind, ebenfalls die Schule besuchen. Sarema Sakrailowa, eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern in einem Flüchtlingszentrum in Majakowskij, einer Vorstadt von Grosny lebt, sagte, sie könne es sich nicht leisten, die zwölf Bücher zum jeweiligen Preis von 50 Rubel, die die Kinder haben müssen, zu kaufen. "Meine Kinder werden hingehen und einfach nur zuhören müssen, und ich kann daran nichts ändern", erklärt sie. Das Zentrum, das vom Föderalen Migrationsdienst betrieben wird, hat den Schülern lediglich einige Hefte und Füller zur Verfügung gestellt.
Die größte Sorge bereiten den meisten Tschetschenen aber nicht die Zustände in den Schulen und die Frage, ob Unterrichtsmaterial vorhanden ist oder nicht, sondern der Zustand des Bildungswesens in der Republik insgesamt. "In den letzten zehn Jahren hat es für unsere Kinder keine systematische Bildung gegeben", sagt Sadulajewa. "Es gibt viele Analphabeten. Eine ganze Generation ist aus dem normalen Bildungszyklus herausgefallen. Viele der 15- bis 17-Jährigen können nicht lesen. Ich denke, unsere Akademiker sollten sich dringend hinsetzen und zu überlegen beginnen, was mit diesen Kindern geschehen soll, denn sie sind die Zukunft unserer Republik."
Eine Lehrerin der zehnten Klasse in einer der Schulen von Grosny sagte, ihre Schüler hätten Schwierigkeiten, die Mathematik in der neunten Klasse zu verstehen. Für den Englisch-Unterricht benutzten sie im vergangenen Jahr ein Lehrbuch der sechsten Klasse.
Lehrer vieler Schulen erklärten, sie müssten einen Großteil ihrer Freizeit mit Nachhilfestunden für schwache Schüler verbringen, um ihnen zu helfen, mit dem Unterricht Schritt zu halten. "Alles, was wir zur Zeit haben, ist hauptsächlich Begeisterung und harte Arbeit unserer Lehrer", erklärte Bildungsminister Dadajew. (TS)