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Politik

Warum der Irak für die USA so wichtig ist

8. Januar 2020

Das Parlament in Bagdad fordert einen Abzug der US-Truppen, aber die USA wollen ihre Stellungen im Irak nicht aufgeben. Für Trumps Regierung ist das Land aus verschiedenen Gründen von hoher strategischer Bedeutung.

US Soldat salutiert
Bild: picture-alliance/A. Widak

Es ist eine der wichtigsten außenpolitischen Entscheidungen der jüngeren US-Geschichte: Sollte die Trump-Regierung ihre Soldaten aus dem Irak abziehen? Nachdem das US-Militär den iranischen General Ghassem Soleimani durch einen Drohnenschlag am Flughafen Bagdad tötete, eskalieren die Spannungen zwischen Washington und Teheran - und der Irak steht zwischen den Fronten. Am vergangenen Wochenende stimmte das irakische Parlament für eine Resolution, die vorsieht, dass alle US-Truppen das Land verlassen. Ein mehr oder minder höflicher Rauswurf.

Angesichts des Ernstes der Lage wirkt das Vorgehen der USA in der Sache nicht wirklich angemessen - es scheint, als wisse die linke Hand nicht, was die rechte tut. Am Montag gelangte ein Brief des US Militärs an sein irakisches Pendant an die Öffentlichkeit. Darin hieß es, man werde US-Truppen "re-positionieren". Der Brief endet mit den Worten "Wir respektieren Ihre unumschränkte Entscheidung, uns zum Abzug aufzufordern." Doch nur wenig später gab es Widerspruch aus der Militärführung: Der Brief, so US-Generalstabschef Mark Milley, sei ein Versehen gewesen, eine erste Rohfassung, die nie hätte abgeschickt werden sollen.

Kampf gegen den Terror in Gefahr?

Ein Truppenabzug aus dem Irak wird also vehement bestritten. Die Präsenz im Land ist aus mehreren Gründen von hoher strategischer Bedeutung für die USA. "Zum einen können wir so persönlichen Kontakten zu irakischen Sicherheitskräften halten", sagt Michael O'Hanlon, Experte bei der US-Denkfabrik Brookings Institution. "Wir können direkt sehen, welche Führungskräfte stark und welche schwach sind. In der Vergangenheit wurden die Sicherheitskräfte in unserer Abwesenheit schnell von verschiedenen Seiten für politische Zwecke missbraucht." Das würde ein Risiko für US-Truppen in der Region darstellen.

Ein weiterer Grund ist der Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). "Der Irak kann besser gegen den IS vorgehen, weil wir Unterstützung aus der Luft oder in Form von Geheimdienstinformationen zur Verfügung stellen", sagte O'Hanlon, ein Experte für nationale Sicherheit, im DW-Gespräch.

Sollten sich die USA plötzlich aus dem Irak zurückziehen, sei es schwer vorherzusagen, wie der Kampf gegen den Terror dort weitergehe. "Es kann gut sein, dass die irakischen Kräfte erstmal auch so [Anm. d. Red.: ohne US-Unterstützung] gut weitermachen werden", schätzt O'Hanlon. Aber er schließt auch nicht aus, dass der IS sich ausbreiten könnte. Als US-Truppen im Oktober 2019 aus dem Norden Syriens abgezogen wurden, machte das den Weg für eine türkische Offensive frei. Die kurdischen Kämpfer, die sich dagegen verteidigen mussten, konnten nicht gleichzeitig militante Gefangene bewachen und so sollen mehrere hundert IS-Kämpfer aus Gefängnissen in der Region ausgebrochen sein.

Die Situation im Irak ist zwar eine andere. Aber ein Risiko, dass der Kampf gegen die Terrormiliz nach einem Abzug der US-Truppen leiden würde, besteht trotzdem. So könnte es beispielsweise zu einem "Zusammenbruch beim Sammeln von geheimdienstlichen Informationen über ISIS" kommen, warnte Brian Katz, ein ehemaliger CIA-Offizieller, vergangenes Jahr in einem Interview mit dem Atlantic Magazin. "Menschen sind die besten Quellen, wenn es darum geht, der US-Regierung die Strategien und Absichten terroristischer Gruppen zu vermitteln", sagte Katz. "Und Menschen brauchen Nähe und Vertrauen und den Aufbau von Beziehungen vor Ort."

Ein regionales Gegengewicht zum Iran

Ein weiterer Punkt, aufgrund dessen die Präsenz im Irak für die USA so wichtig ist: Washington bildet auf diese Weise ein Gegengewicht zum Iran in der Region. Gerade in der aktuellen Situation könne das für die Trump-Regierung von unschätzbarem Wert sein. "Die USA zeigen dem Irak, dass der Iran nicht die einzige Macht ist, an die er sich wenden kann", sagt O'Hanlon.

Bei einem Abzug der US-Truppen, so O'Hanlon, könnte es zu einer chaotischen Situation im Land kommen. "Der Iran ist erpicht darauf, von einem Konflikt zwischen den schiitischen, sunnitischen und kurdischen Bevölkerungsgruppen zu profitieren, der nach einem Abzug der US-Truppen ausbrechen könnte."

Das Gegenteil von Truppenabzug: Die USA schicken wegen der Spannungen zusätzliche Soldaten in den Nahen OstenBild: picture-alliance/dpa/M. Sue Gerrits

Ein so geschwächter Irak könnte für den Iran aus verschiedenen Gründen von Vorteil sein. Teheran "könnte dafür sorgen, dass die USA nicht zurückkehren, indem sie sicherstellen, dass zukünftige irakische Regierungen nicht genügend Rückhalt haben, um neue Abkommen mit den USA zu schließen", sagt O'Hanlon. "Oder [der Iran] könnte sich ins regionale Ölgeschäft einmischen und zum Beispiel den Irak dazu zwingen, Exporte zurückzufahren, um Ölpreise in die Höhe zu treiben."

Bis auf weiteres sieht es danach aus, als würden die USA jegliche negative Konsequenzen vermeiden wollen. Das betonte auch US-Verteidigungsminister Mark Esper noch einmal nach dem Brief-Debakel: "Es gibt keine Entscheidung [den Irak] zu verlassen, und wir haben auch keine Pläne zu gehen oder einen Abzug vorzubereiten."

Carla Bleiker Redakteurin, Channel Managerin und Reporterin mit Blick auf Wissenschaft und US-Politik.@cbleiker
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