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GlobalisierungFrankreich

KI: Europa im Schatten der USA

Dirk Kaufmann
19. Juni 2026

Den Markt der Künstlichen Intelligenz beherrschen amerikanische Firmen. Das wollen deutsche und französische Konkurrenten ändern und jetzt gemeinsam durchstarten. Sie fragen sich: Was sind dabei 12 Milliarden Euro wert?

Die Worte "Intelligence Artificielle" auf einem Smartphone vor Weltkarte zeigt die globale Reichweite von KI
Die künstliche Intellligenz regiert die Welt - nur von den USA und China aus?Bild: Yassine Mahjoub/SIPA/picture alliance

Der Zugang zu KI-Modellen ist nicht nur eine Frage von wirtschaftlicher Autonomie sondern auch eine Frage der inneren und äußeren Sicherheit von Staaten. Das hat ein Ereignis vom 13. Juni 2026 einmal mehr deutlich gemacht.

Das US-Unternehmen Anthropic hatte mitgeteilt, auf Anordnung der Regierung allen Ausländern den Zugang zur Top-Software Fable 5 und Mythos 5 mit Künstlicher Intelligenz zu verweigern - unter Verweis auf die nationale Sicherheit. Diese KI-Modelle gelten als besonders geeignet, Sicherheitslücken in Software aufzuspüren

Nach Ansicht von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt müsse auch Deutschland jetzt dringend seinen Rückstand bei Künstlicher Intelligenz aufholen. In der gegenwärtigen Situation müsse man technologische Innovationen mitgestalten. Sonst könne es passieren, "dass man sehr schnell zu den Opfern gehört", zitierte ihn die Nachrichtenagentur dpa.

Erste Antworten

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) teilte der DW auf Anfrage mit, das bereits Bemühungen in dieser Hinsicht vereinbart worden sind: "Das DFKI und sein französischer Partner Inria (eine staatliche Forschungseinrichtung für Informatik und Automatisierung) werden am 18.6. in Beisein von Forschungsministerin Bär und ihrem französischen Kollegen Baptiste eine Vereinbarung zur Gründung eines deutsch-französischen KI-Zentrums unterzeichnen."

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Anschließend, so DFKI-Sprecher Andreas Schepers, werden ab Juli 2026 Büros an den jeweiligen Standorten in Deutschland und Frankreich eingerichtet und im vierten Quartal werde der operative Betrieb der Project Factory aufgenommen.

Ein Akteur aus Frankreich hat bereits seinen Hut in den Ring geworfen: die Mistral AI, ein französisches Softwareunternehmen, das sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt und in Europa führend im Bereich großer Sprachmodelle ist.

Für hiesige Verhältnisse ist Mistral ein Schwergewicht: Im September 2025 hatte Bloomberg berichtet, Mistral AI habe eine Investition in Höhe von zwei Milliarden Euro erhalten, wodurch es nun mit 12 Milliarden Euro bewertet wird. Vorher hatte das niederländische Unternehmen ASML, der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie, elf Prozent von Mistral erworben.

Warum Autarkie wichtig ist

"Europa muss eigene leistungsfähige KI-Angebote entwickeln, um wettbewerbsfähig und handlungsfähig zu bleiben", teilte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder der DW mit. Eine notwendige Selbständigkeit erklärt er so: "Ein Land ist digital souverän, wenn es über substanzielle eigene Fähigkeiten in Schlüsseltechnologien verfügt und selbst entscheiden kann, aus welchen Ländern es jene Technologien bezieht, die es nicht selbst entwickelt."

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Die Bundesrergierung sieht das offenbar auch. Sie hat am 11. Februar beschlossen, eine europäische KI-Verordnung umzusetzen. In einer Pressemitteilung seines Ministeriums kündigte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger an, "eine schlanke KI-Aufsicht mit klarem Blick auf die Bedarfe der Wirtschaft" zu schaffen. Er versprach, keine neue "Behörde mit Wasserkopf" einzuführen. So werde "für einen sicheren KI-Einsatz, stärkeres Wachstum und Innovationskraft unserer Unternehmen" gesorgt.

Was Deutschland beisteuert

Wird derzeit von möglichen europäischen Champions gesprochen, fällt immer der Name des französischen Aufsteigers Mistral. Doch Lennart Kuhn von der Öffentlichkeitsarbeit der DFKI nennt auch hochinnovative Unternehmen aus Deutschland, etwa "Black Forest Labs, Langdock, Codesphere und Aleph Alpha, NOXTUA oder Neura Robotics."

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Auch Bitkom-Chef Rohleder betont die hiesigen Kompetenzen: "In Deutschland arbeiten zahlreiche Unternehmen am Aufbau eigener KI-Angebote. Dazu gehören Basismodelle für Maschinen- oder Tabellendaten und KI-Anwendungsmodelle zum Beispiel in der Medizin oder der Bildung."

12 Milliarden: viel oder wenig?

Zum Aufbau neuer Strukturen braucht es Zeit, gemeinsame Anstrengungen und vor allem viel guten Willen auf allen Seiten. Aber auch Geld. Da war die Nachricht, dass Bloomberg Mistral inzwischen mit 12 Milliarden Euro bewertet, höchst willkommen. Doch was ist diese Summe wirklich wert angesichts des Geldes, das in der Branche weltweit umgesetzt wird?

Bernhard Rohleder sagt ganz entschieden: "Mit 12 Milliarden Euro lässt sich viel machen." Doch es gehe nicht nur um Geld. Ebenso wichtig sei, "ob es gelingt, Talente anzuziehen und ob die Rahmenbedingungen stimmen. Die KI-Unternehmen brauchen weniger Regulierung und einen Staat, der als Ankerkunde neue Technologien in die Anwendung bringt und ihre Skalierung unterstützt."

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"Die entscheidende Frage ist nicht, ob Mistral die USA kurzfristig überholen kann", schrieb Lennart Kuhn. Der Erfolg von KI-Modellen werde nicht nur über eine finanzielle Bewertung eines Wettbewerbers entschieden. Wichtiger seien "Datensouveränität, regulatorische Konformität, Transparenz und die Kontrolle über die Infrastruktur. In diesen Bereichen kann ein europäischer Anbieter wie Mistral durchaus Wettbewerbsvorteile entwickeln."

Europa ist noch nicht abgehängt

Will Deutschland, will Europa nicht abgehängt werden, wird die Zeit knapp. Zu einer echten Alternative zu den USA, so die DFKI, brauche es vier Dinge: "Deutlich mehr Wachstumskapital, massive Investitionen in souveräne Rechenzentren, Energieversorgung und Chip-Infrastruktur, einen europäischen Binnenmarkt, der schneller skaliert, weniger fragmentiert und einheitlicher reguliert ist, und viertens eine stärkere Nachfrage nach europäischen Lösungen durch Unternehmen und öffentliche Einrichtungen."

Könnten sich die europäische Unternehmen wie die angebahnte deutsch-französische Initiative erfolgreich etablieren, würde Bernhard Rohleder von der Bitkom recht behalten: "Europäische KI-Anbieter müssen und können eine Alternative zu den globalen Playern der KI werden."

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