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Kiel wirft Bayern aus dem DFB-Pokal

Tobias Oelmaier
14. Januar 2021

Ein Zweitligist schafft die Sensation: Holstein Kiel schlägt den Triple-Sieger aus München in der 2. Runde des DFB-Pokals. Dabei enttäuschen die Bayern auf ganzer Linie.

DFB-Pokal | 2. Runde | Holstein Kiel vs. FC Bayern München | Endstand
Bild: Fabian Bimmer/REUTERS

Am Ende hüpften sie in einer Menschentraube über den Platz. Das Schneegestöber, der Wind, die Kälte, die fast drei Stunden Kampf - alles vergessen. Die Muskelkrämpfe und Blessuren - sie schienen sie nicht mehr zu spüren. Gerade hatte Fin Bartels den entscheidenden Elfmeter zum 6:5 verwandelt, nachdem Bayerns Marc Roca am Kieler Torwart Ioannis Gelios gescheitert war. "Vor dem Elfmeterschießen haben wir gesagt: 'wir hauen die Dinger rein'", berichtete ein glücklicher Bartels, was ja auch gelang: jeder Schuss ein Treffer.

"Wir wussten, dass die Chance sehr klein ist, aber je länger wir es offen halten, umso größer wird sie", freute sich Kiels Kapitän Hauke Wahl nach der Partie in der ARD: "Krasse Leistung der Jungs, besonders im Elfmeterschießen. Wir hatten nichts zu verlieren." In der regulären Spielzeit hatten Serge Gnabry (14. Minute), Fin Bartels (39.), Leroy Sané und Hauke Wahl (90.+5) zum 2:2 getroffen. Holstein spielt nun im Achtelfinale gegen den Ligarivalen Darmstadt 98. Bayern ist zum ersten Mal seit 2000 so früh im Pokal ausgeschieden.

Bayern-Torwart Neuer muss den Kielern beim Jubeln zusehenBild: Fabian Bimmer/REUTERS

Müde Bayern trotz Extrawurst

Die Begegnung der 2. Runde des DFB-Pokals war auf Antrag der Bayern auf diesen Termin Mitte Januar verlegt worden. Eigentlich hätte sie schon kurz vor Weihnachten stattfinden sollen, aber mit Rücksicht auf die kurze Sommerpause durch die Champions-League-Endrunde im August und die hohe Belastung der Spieler hatte sich der DFB erweichen lassen und den Münchenern diese Extrawurst gebraten.

Ein Erholungseffekt war beim Triple-Sieger dennoch nicht festzustellen. Schlimmer noch als beim 2:3 in der Bundesliga am vergangenen Wochenende in Mönchengladbach unterliefen den arrivierten Profis wie Joshua Kimmich oder Niklas Süle teils haarsträubende Fehlpässe, Stockfehler, verlorene Zweikämpfe. Die Helden sind müde.

Dabei hatte die Partie noch halbwegs nach dem Geschmack der Favoriten begonnen. Das 1:0 - geschenkt! Thomas Müller hatte aufs Tor geköpft, Gelios parierte zwar, bugsierte den Ball aber vor die Füße von Gnabry, der aus kürzester Distanz nur noch ins Tor schieben musste. Tragischerweise stand Gnabry deutlich im Abseits, das häufig unglücklich wirkende Schiedrsrichtergespann schritt aber nicht ein; einen Videoassistenten gibt es in der 2. Runde des DFB-Pokals nicht.

Da war noch alles gut für Bayern: Gnabry erzielt aus Abseitsstellung das 1:0Bild: Christian Charisius/dpa/picture alliance

Hohe Abwehr, hohe Fehlerquote

Wer nun dachte, dass dieser Treffer den Gästen ihre Leichtigkeit zurückbringen würde, musste sich schnell eines Besseren belehren lassen. Mehr als ein paar Halbchancen brachten sie nicht zustande, trotz des wie üblich hohen Ballbesitz-Anteils. Die Kieler machten die Räume dicht, waren stets wach und setzten die Titelverteidiger ständig unter Druck.

Die große Schwäche der vergangenen Wochen liegt bei den Bayern aber in der Defensivarbeit. Das legte der Ausgleichstreffer nach 37 Minuten schonungslos offen. Das 1:1 war eine Kopie der ersten beiden Gegentore vom Freitag gegen Mönchengladbach. Die Abwehr aufgerückt bis an die Mittellinie, in Unterzahl, auf Abseits spekulierend, und keiner da, der den langen Ball auf Fin Bartels verhinderte. Der langjährige Erstliga-Profi blieb cool vor Welttorhüter Manuel Neuer und schloss unten links ab. Neuer war fuchsteufelswild, schien aber seine rat- und hilflosen Kollegen kaum zu erreichen. Thomas Müller war sichtlich übel gelaunt nach dem Spiel: "Über diese Art von Gegentoren sprechen wir schon seit einiger Zeit. Den Schuh müssen wir uns anziehen." 

Ein wenig Glück beim späten Ausgleich

Die Münchener retteten sich mit dem Unentschieden in die Kabine und begannen die zweite Hälfte mit einem Traumtor: Leroy Sané zirkelte einen Freistoß aus 20 Metern halbrechter Position mit links in den Winkel. So etwas sollte eigentlich reichen, um einem Zweitligisten das Genick zu brechen. Tat es aber wieder nicht. Nur wenige Augenblicke später vergaben sie die große Möglichkeit zum erneuten Ausgleich.

Wahl (l.) trifft per Schulter über Torwart Neuer hinweg zum 2:2Bild: Christian Charisius/dpa/picture alliance

Die nutzte dann Abwehrmann Hauke Wahl, der eine Flanke von der linken Auslinie mit Kopf und Schulter ins lange Eck verlängerte. "Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich den Ball nicht richtig getroffen habe, habe mich schon geärgert", gab Wahl später zu. Spätestens jetzt, in der 5. Minute der Nachspielzeit, hätte man sich Zuschauer im 110 Jahre alten Kieler Stadion gewünscht. Es wäre ein Hexenkessel gewesen. Und die enttäuschenden und enttäuschten Bayern können vielleicht sogar froh sein, Anfang Februar ein Spiel weniger bestreiten zu müssen. "Es ist so, wir müssen es abhaken", sagte Bayern-Trainer Hansi Flick. "Es gibt viel zu tun."