UNICEF: Jeder fünfte Jugendliche digital sexuell belästigt
3. September 2026
Dass das Internet kein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche ist, ist längst bekannt. Soziale Medien binden mit ausgeklügelten Algorithmen die Aufmerksamkeit von Menschen jeden Alters - und spielen dabei immer wieder Inhalte aus, die für Heranwachsende gefährlich sein können. Studien haben Zusammenhänge zwischen dem sogenannten Doomscrolling und höherem Risiko für psychische Belastungen bis hin zu Suizidgedanken bei Jugendlichen belegt. Regelmäßig glorifizieren Tiktok-Trends selbstgefährdendes Verhalten sogar ganz unmittelbar.
In den USA hat Meta, der Betreiberkonzern von Instagram und Facebook, Ende August ein Gerichtsurteil per Vergleich abgewandt: Meta zahlt umgerechnet 14,3 Milliarden Euro an die klagenden Bundesstaaten und gewährt Jugendlichen täglich nur noch zwei Stunden auf seinen Plattformen; nachts wird der Zugang komplett gesperrt.
Eine Erhebung des UN-Kinderhilfswerks UNICEF legt nun den Fokus auf eine andere Gefahr, der Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt ständig ausgesetzt sind: Sexuelle Übergriffe sind dort ein Massenphänomen. Jeder fünfte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren hat im vergangenen Jahr einen sexuellen Übergriff erlebt - das ist eines der Haupterkenntnisse der repräsentativen Befragung in 21 Ländern.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Der UNICEF-Bericht, der der DW vorab vorlag, zeichnet ein detailliertes Bild, wie solche Übergriffe typischerweise ablaufen. "Es beginnt oft ohne Vorwarnung", schreiben die Autoren. "Aus einem Gespräch wird Zwang, und aus Zwang wird eine Falle."
Das Klischee des Wildfremden, der online Kinder und Jugendliche belästigt, trifft dabei nur in 16 Prozent der Fälle zu. Die meisten Täter, nämlich 57 Prozent, sind ihren Opfern schon vorher bekannt, etwa als Freunde, Familienmitglieder oder auch aus einer romantischen Beziehung. Dazu kommen 27 Prozent der Fälle, bei denen die Befragten keine Angaben machen konnten, wer hinter den Profilen steckt. Täter sind Erwachsene, aber auch Minderjährige - und in vielen Fällen finden Übergriffe nicht nur im digitalen Raum statt, sondern parallel dazu auch in der realen Welt.
Tatsächlich sind die großen Plattformen die Haupteinfallstore: In dem UNICEF-Bericht entfallen 60 Prozent der Übergriffe auf sie - zuvorderst die Plattformen Facebook, WhatsApp und Instagram des Meta-Konzerns, gefolgt von Snapchat, TikTok und YouTube. Immerhin 14 Prozent der Befragten nannten aber auch Online-Spiele, die oft eigene Kanäle für Direktnachrichten bieten, als Ort des Übergriffs.
Immer wieder üben Täter Druck auf ihre Opfer aus; dazu kommt in vielen Fällen Scham, die es den Betroffenen erschwert, sich jemandem anzuvertrauen. 41 Prozent der Befragten behielten ihre Erfahrungen komplett für sich, für andere waren Freunde, Geschwister oder Mütter die erste Anlaufstelle.
Wie wurden die Daten erhoben?
In den Bericht flossen Befragungen mit rund 21.000 Heranwachsenden im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren ein, die regelmäßig das Internet nutzen. UNICEF zufolge handelt es sich um einen repräsentativen Ausschnitt der Internetnutzenden in der Alterskohorte in ihren jeweiligen Ländern. Die Befragungen fanden in 21 Ländern statt, wobei die Datensätze aus zwölf Ländern (Äthiopien, Indonesien, Kambodscha, Kenia, Malaysia, Mosambik, Namibia, Philippinen, Tansania, Thailand, Uganda und Vietnam) bereits in den Jahren 2020 und 2021 erhoben wurden und in einem älteren Bericht ausgewertet wurden. Neu hinzu kamen demnach Angaben aus Armenien, Brasilien, Kolumbien, der Dominikanischen Republik, Mexiko, Montenegro, Nordmazedonien, Pakistan und Serbien.
Die Befragungen wurden ergänzt durch längere Interviews mit 100 jungen Menschen, die während ihrer Kindheit Missbrauch erlebt haben.
Decken sich die Daten mit anderen Erhebungen?
Wer die Studienlage zu dem Thema verfolgt, dürfte von der Größenordnung des Problems nicht überrascht sein. Der 2020 erschienene EU Kids Online Survey gab nach einer Befragung in 19 europäischen Ländern an, 22 Prozent aller Teilnehmenden hätten sexualisierte Nachrichten erhalten. In einer spanischen Untersuchung in sieben Sekundarschulen 2021/22 gaben die weiblichen Befragten an, 21 Prozent von ihnen würden online gelegentlich sexuell belästigt, fünf Prozent sogar häufig. Bei männlichen Teilnehmern waren die Werte jeweils ein paar Prozentpunkte niedriger.
Und einer Befragung des Pew Research Center von 2022 zufolge gaben 17 Prozent der 13- bis 17-Jährigen in den USA an, ihnen seien ohne Zustimmung online explizite Bilder geschickt worden. Ob es sich dabei um sexualisierte oder andere Inhalte, zum Beispiel Gewalt, handelte, wurde in der Befragung nicht differenziert.
Welche Empfehlungen gibt UNICEF, um das Internet sicherer zu machen?
Die Autorinnen und Autoren des UNICEF-Berichts fordern Regierungen, Technologiekonzerne und andere Beteiligte auf, Maßnahmen zu ergreifen, um Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt besser zu schützen. Dazu zählt unter anderem:
- Digitale Plattformen sollten sicherer designt werden, mit stärkerem Schutz der Privatsphäre von Minderjährigen.
- Nationale Regulierung und Gesetze zur Strafverfolgung sollten verschärft und Lücken geschlossen werden.
- Für Heranwachsende sollten vertrauenswürdige Melde- und Unterstützungssysteme geschaffen werden.
Der Bericht könnte, im Zusammenhang mit der Selbstverpflichtung von Meta in den USA, ein weiteres Argument in die in vielen westlichen Ländern andauernde Debatte über Social-Media-Verbote einspeisen. Australien hatte im Dezember 2025 als erstes Land der Welt eine mit dem Jugendschutz begründete Altersgrenze für Soziale Medien eingeführt: Wer jünger als 16 Jahre ist, darf kein Konto besitzen; Plattformen müssen dies überwachen. In Großbritannien greift eine solche Altersgrenze ab 2027. Als erstes EU-Land hat Frankreich eine Altersgrenze von 15 Jahren beschlossen; das bereits verabschiedete Gesetz wurde vor wenigen Wochen jedoch vom Verfassungsrat gestoppt.
In Deutschland hat eine Kommission im Juni ein abgestuftes Modell mit Altersgrenzen, Altersnachweisen und strenger Mitwirkungspflicht der Plattformen vorgeschlagen.