"Kinder! macht Neues!"
7. November 2001Folge 2: Neubeginn
Sensationelle Parsival-Uraufführung 1882 und materieller Erfolg der Festspiele
Richard Wagner hatte - allen Widerständen zum trotz - sein Theater in Bayreuth geschaffen, und 1876 waren die ersten Festspiele über die Bühne gegangen, - mit technischen Pannen und auf nur mäßigem künstlerischen Niveau. Bei aller Sensation, die das Ereignis schon damals bei Publikum und Presse auslöste, hegte Wagner selbst angesichts eines großen finanziellen Defizits starke Zweifel, ob die Festspielidee tatsächlich realisierbar sei.
In der Londoner Royal Albert Hall dirigierte Richard Wagner 1877, im Jahr nach den ersten Bayreuther Festspielen, acht Konzerte mit Ausschnitten aus der "Walküre" und dem "Fliegenden Holländer". London war im Wagner-Fieber!
Der Höhepunkt der Ehren, die Wagner erwiesen wurden, war ein Empfang Queen Victorias auf Schloß Windsor am 17. Mai des Jahres 1877. Am Abend jenes Tages las Wagner einem kleinen Kreis von Freunden ein neues Projekt vor: die vollständige Urfassung des "Parsifal"-Textbuches. Er hatte es wenige Wochen zuvor erst, im April, geschrieben, nachdem er die Idee zu einem Parsifal-Drama schon seit 12 Jahren mit sich herumtrug. Wagners Lektüre des "Parzival"-Epos Wolframs von Eschenbach, die ihn auf den Gedanken eines "Parsifal"-Musikdramas brachte, lag indes noch länger zurück.
Sie datiert im Jahre 1845, in dem Wagner - während einer Kur im böhmischen Marienbad - die ersten Ideen auch zum "Lohengrin" und zu den "Meistersingern" fasste. Er hatte sich damals mit reichlich Reiselektüre, bestehend aus mittelalterlicher Literatur und philologischen Kommentaren, eingedeckt. Wie so oft im Leben Wagners, sollten Jahre vergehen, bis die Idee zum konkreten Kunst-Plan reifte, der nach Ausführung verlangte.
Die ersten Bayreuther Festspiele endeten mit einem gewaltigen Schuldenberg. Möglicherweise war es diese Erfolglosigkeit, die Richard Wagner animierte, die alte Absicht, einen Parsifal anzugehen, wieder aufzugreifen. Gedanken daran hatte er ja nie ganz aufgegeben. 1877 begann er fieberhaft, am "Parsifal" zu arbeiten. Unterbrochen wurde er nur von diversen Italien-Reisen, die ihn allerdings stimulierten. Am 13. Januar 1882 beendete Wagner die Partitur des "Parsifal". Der Schott-Verlag bezahlte ihm kurz darauf ein nicht nur für damalige Ver-hältnisse horrendes Honorar von 100.000 Mark. Auguste Renoir porträtierte Wagner in Palermo. Wagner war auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, der nur durch den Erfolg des "Parsifal" noch gesteigert wurde, denn selbst sein schärfster - aber nicht ungerechtester - Kritiker Eduard Hanslick hatte bei diesem Werk die Waffen gestreckt.
Wagner selbst war in Vorausahnung künftiger "Parsifal"-Aufführungen äußerst skeptisch gewesen: schon die Kostüme im "Ring des Nibelungen" schienen ihm fast lächerlich. Wie sollten sie erst im "Parsifal" überzeugen? So erklärt sich auch seine Bemerkung: "...nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden." Die zweiten Bayreuther Festspiele begannen am 26. Juli 1882. Im Gegensatz zu den ersten Festspielen, sechs Jahre zuvor, waren die Vorstellungen nahezu alle ohne Fehl und Tadel. Wagner war schon mit der Besetzung sehr zufrieden: Hermann Winckelmann sang die Titelpartie, Amalie Materna die Kundry, Emil Scaria den Gurnemanz, Theodor Reichmann den Amfortas. Das war erste Wahl. Der Dirigent Hermann Levi dirigierte die Uraufführung, der Maler Paul von Jukowski hatte die Bühnenbilder entworfen.
Fast alle der vielen Komponisten, die nach Bayreuth anreisten, waren zutiefst beeindruckt: Franz Liszt und Anton Bruckner, Leo Delibes und Camille Saint-Saëns, aber auch der junge Gustav Mahler, um nur die Wichtigsten zu nennen. Während der letzten Vorstellung der Uraufführungsserie, am 29. August 1882, dirigierte Wagner vom 23. Takt der Verwandlungsmusik im dritten Akt an den "Parsifal" selbst zuende.
Nach der letzten "Parsifal"-Vorstellung der zweiten Bayreuther Festspiele nahm der Beifall kein Ende. Richard Wagner, der, wie gesagt, die letzte Szene des Werks selbst dirigiert hatte, war aus dem mystischen Abgrund des Bayreuther Orchestergrabens heraufgestiegen und hielt eine Rede, "daß alles zu weinen anfing", wie Hermann Levi, der Dirigent der Uraufführung, berichtete.
Wagner hatte endlich jene öffentliche Reputation erlangt, die er zeitlebens ersehnt hatte. Auch die Kritikerreaktionen waren im ganzen höchst positiv. Man würdigte Wagners "Parsifal" als Höhepunkt seines Schaffens.
Auch finanziell waren die Festspiele ein Erfolg gewesen. Dank König Ludwig, der die Kosten für Orchester und Chor übernommen hatte, waren die Ausgaben auf ein Minimum geschrumpft. Es blieb ein einträglicher Nettogewinn von 135 000 Mark übrig. Man hätte zuversichtlich an die nächsten Festspiele im kommenden Jahr denken können. Aber Wagner schrieb Ludwig dem Zweiten in einem Brief, er plane, noch ein Jahrzehnt hindurch seine anderen Opern auf die Bühne zu bringen, bis dann sein Sohn Siegfried in dem Alter wäre, seine Nachfolge anzutreten. An seinen Freund, den Impresario des reisenden Wagnertheaters, Angelo Neumann schrieb er, niemand anderen könne er sich denken, in seine Fußstapfen zu treten. Überhaupt sah er für die Zukunft der Festspiele schwarz. Daß seine Frau Cosima, die ihn um 47 Jahre überlebte, nach seinem Tod die Bayreuther Festspiele fortetzen würde, hatte er weder für möglich gehalten, noch je für wünschenswert erachtet. Cosima gegenüber bezeichnete Wag-ner übrigens schon am 5. Januar 1882 den Parsifal als sein Meisterwerk. Womit er ihm den Charakter eines künstlerischen Vermächtnisses zuschrieb. Der "Parsifal" wurde zu Richard Wagners "Weltabschiedswerk". - Seine beängstigenden Herzanfälle häuften sich. Schon am 14. September machte er sich, begleitet von seiner Familie, auf ins milde Venedig, aus dem er nicht mehr lebend zurück-kehren sollte. Co-sima hatte Wagner am 4. April 1882 erklärt, ... - "... daß er sich "dieses Werk für die höchste Reife erspart habe und daß der Parsifal gewiß sein letztes Werk zu sein habe". Am 28. März 1881 hatte Wagner Cosima gegenüber den "Parsifal" auch seine "letzte Karte" genannt. Als Entgegnung auf den Rassenantisemiten Arthur Gobineau, der die Germanen als 'letzte Karte der Natur' bezeichnete. Der Parsifal ist tatsächlich Wagners "letzte Karte". Er ist es in mehrer Hinsicht: er ist vor allem persönlich-bekenntnishaftes Weltabschiedswerk im psychologischen Sinne.
Es geht im "Parsifal" um den Gegensatz von heidnischer Sinnlichkeit und christlicher Askese, von Triebhaftigkeit und Triebverzicht, von Eros und Agape. Die Eigenkommentare Wagners lassen daran keinen Zweifel. Der "Parsifal" Richard Wagners ist sozusagen ein "Gegengift gegen den Willen", um es mit Worten des Philosophen Arthur Schopenhauer zu formulieren. Und Wagner selbst hat sich immer wieder ausdrücklich auf Schopenhauer bezogen. Mit dem "Parsifal" schrieb Wagner vor allem ein Therapeutikum gegen den mächtigsten Trieb, auch und gerade seiner eigenen Person, gegen Eros! Eben dieser erotische Konflikt macht die fin de sièclehafte Faszination des Werks aus, aber auch das Unbehagen an der pseudosakralen, in christlichen Ritus eingekleidete Botschaft von der Erlösung der Welt durch Entsagung. Ironie des Schicksals, daß diese Entsagungs-Medizin selbst beim - zugegeben - erlösungsbedürftigen Erotomanen Richard Wagner selbst kaum eine Wirkung zu erzielen schien: Noch in seinen letzten Lebenstagen plante er offenbar in Venedig ein Abenteuer mit Carrie Pringle, der Sängerin eines Blumenmädchens im "Parsifal". Darüber kam es möglicherweise am 13. Februar 1883 zum Streit mit Ehefrau Cosima, der Wagners tödlichen Herzanfall ausgelöst haben könnte.
Noch am Tage des Todes Richard Wagners in Vendig verbreitete sich die Kunde dieses Ereignisses wie ein Lauffeuer durch die Welt, die sich erschüttert zeigte. König Ludwig der Zweite von Bayern brach in großes Klagen aus. Giuseppe Verdi schrieb an seinen Verleger Ricordi: "Triste, triste, triste! Wagner è morto!" Bruckner komponierte gerade am Adagio seiner siebten Symphonie, als die Depesche aus Venedig eintraf. Unter Tränen löste er die große Trauerklage der Tuben in den friedvollen Dur-Schluß des Satzes auf, eine letzte Hommage an den von ihm so verehrten Kollegen.
Man brachte den Leichnam Richard Wagners per Zug nach Bayreuth. Zu "Siegfrieds Trauermarsch" wurde der Sarg an der Spitze eines langen Konduktes nach Wahnfried getragen und in die vorbereitete Gruft im Garten der Villa gesenkt. Was folgte ist Nachwelt, ist Wirkungs-geschichte Wagners.
Die Welt trauerte um Richard Wagner. Man wußte, wer da gestorben war. Eine Epoche der Musik-, der Operngeschichte war zuende gegangen. Nicht nur Freunde Wagners waren unter den Trauern-den. Auch viele ehemalige Feinde, oder solche, die zu Feinden und Gegenspielern erklärt wurden, kondolierten. Johannes Brahms zum Beispiel sandte einen Kranz, was in Bayreuth übrigens nur als Hohn und Spott gedeutet wurde. Und selbst der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick - weiß Gott alles andere als ein Wagnerianer - schrieb in seinem Nachruf: - "Kein Musiker ist uns noch begegnet, so unfähig oder leidenschaftlich, die glänzende Begabung und erstaunliche Kunst Wagners zu verkennen, seinen enormen Einfluß zu unterschlagen, sich dem Großen und Genialen seiner Werke selbst bei eingestandener Antipathie zu verschließen." Am 22. Mai 1883, Wagner wäre siebzig Jahre alt geworden, drei Monate nach seinem Tod, schrieb Franz Liszt in Weimar noch einmal eine Trauer-Komposition für seinen Freund und Schwiegersohn: "Am Grabe Richard Wagners" nannte er das Klavierstück. Einzelne Klangfolgen erinnern an Wagners "Parsifal".