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Kinder trotz Karriere

Deanne Corbett /(kj)10. April 2005

Kinder gelten in Deutschland für viele Frauen als Karriere-Killer. Die Folge: Immer mehr hoch qualifizierte Frauen verzichten auf Kinder. Jetzt greift das Familienministerium ein - mit einem Wettbewerb.

Jungunternehmerin mit KindBild: Bilderbox

Beate Werhahn hat ihren persönlichen Weckdienst: ihre zwei Jahre alte Tochter Charlotte. Für Beate Werhahn, die als Personalmanagerin bei der Beraterfirma KPMG arbeitet, beginnt der Tag um sechs Uhr morgens mit Spielen. Dann folgt das Frühstück, bevor sie ihre Tochter am Kindergarten absetzt.

Der Arbeitgeber von Beate Wehrhahn lässt ihr bei der Einteilung ihrer Arbeitszeit viel Freiheit. So verlässt sie das Büro an manchen Tagen schon um 15 Uhr, um ihre Tochter abzuholen.

Kindergartenplatz von der Firma

Den Kindergartenplatz hat Beate Werhahn durch die Agentur "Familienservice" gefunden, die bei KPMG unter Vertrag ist, um den Mitarbeitern mit Kindern zu helfen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. "Normalerweise muss man sich ja um einen Kindergartenplatz schon neun Monate oder ein ganzes Jahr im Voraus bewerben. Ich hatte aber nur zwei Monate Zeit zwischen Jobzusage und Arbeitsbeginn. Daher war es unglaublich hilfreich, dass die Agentur das für mich geregelt hat“, sagt Beate Werhahn. Mit dieser Unterstützung schafft sie, wovon viele Frauen träumen: Karriere und Familie zu kombinieren.

Weltführer bei Kinderlosigkeit

Bild: Bilderbox

Nur wenig der gut ausgebildeten deutschen Frauen können von sich dasselbe sagen: 40 Prozent der Hochschulabsolventinnen verzichten auf Kinder - ein wichtiger Faktor bei der Überalterung der deutschen Gesellschaft. "Wir sind Weltführer, wenn es darum geht, keine Kinder zu haben", sagt Gisela Erler, Chefin von "Familienservice". "Es gibt viele Länder mit niedrigen Geburtenraten, aber dass so viele Menschen keine Kinder haben und dass so viele davon so hoch qualifiziert sind, das sieht man nur in Deutschland."

Druck aus der Gesellschaft

Teilweise ist das Bildungssystem an dieser Entwicklung schuld. Denn sobald Frauen ihren Hochschulabschluss gemacht und einige Jahre Arbeitserfahrung gesammelt haben, bleibt ihnen oft nur eine relativ kurze Zeitspanne von etwa fünf bis acht Jahren, in denen sie entscheiden müssen, ob sie Kinder haben wollen oder nicht. Aber auch gesellschaftliche Werte sind ein großer Faktor. In vielen Fällen zögern Frauen, ihren Job aufzugeben, weil sie Angst haben, dass sie wieder ganz unten anfangen müssen, wenn sie nach einigen Jahren Auszeit wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen. Die, die wieder arbeiten gehen, werden oft von Schuldgefühlen geplagt. In Deutschland herrscht noch immer der Gedanke vor, eine arbeitende Mutter könne keine gute Mutter sein, weil sie nicht genug Zeit für ihr Kind hat.

Wert der weiblichen Angestellten erkannt

Gisela Erler konnte mit ihrem Familienservice eine Marktlücke besetzen. Sie arbeitet für Firmen, die Mitarbeiter mit Kindern unterstützen wollen, aber Dienstleistungen wie interne Kindertagesstätten selbst nicht anbieten können. Laut Gisela Erler haben Firmen erkannt, wie wichtig ihre weiblichen Mitarbeiterinnen sind. Das trifft besonders auf den Bank- und Beratungssektor zu sowie auf Anwaltskanzleien. "Wenn Frauen sich dafür entscheiden, ihren Job aufzugeben, um eine Familie zu gründen, verlieren die Firmen dabei. Das ist unglaublich teuer und sinnlos. Daher beginnen Unternehmen, selbst etwas auf die Beine zu stellen", sagt Erler.

Um diesen Trend anzuspornen, veranstaltet das Familienministerium jetzt einen Wettbewerb. Gesucht: die familienfreundlichsten Unternehmen Deutschlands. 366 Unternehmen haben sich beworben, 35 Firmen sind noch im Rennen. Die Gewinner werden im Mai bekannt gegeben.

Wertewandel

Beate Werhahn ist optimistisch, dass Deutschlands Werte sich wieder mehr zum Familienleben orientieren und dass Familie auch im Arbeitsleben wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Für sie selbst sei es die beste Karriereentscheidung gewesen, ein Kind zu bekommen, weil sie dadurch glücklicher und ausgeglichener sei. Auch Gisela Erler vom Familienservice empfindet persönliche Zufriedenheit als wichtigen Faktor: "Erfahrene Chefs wissen, dass Mitarbeiter mit einem ausgeglichenen Familienleben glücklicher und damit produktiver sind als Workaholics."

Chef und zwei MitarbeiterinnenBild: BilderBox
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