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Kino zum Lesen

Jochen Kürten16. Juli 2012

Wo steht das deutsche Kino? Warum zieht es manche nach Hollywood? Und warum ist der deutsche Kinderfilm so erfolgreich? Drei neue Bücher geben Antworten.

Filmstill Fenster zum Sommer mit Nina Hoss Regie: Hendrik Handloegten (Foto PROKINO)
Bild: PROKINO

Was ist los mit dem deutschen Film? Das fragen die Herausgeber des schmalen Bändchens "Die Nuller Jahre". Die Organisatoren des Festivals des deutschen Kinos in Mainz (Filmz), das im vergangenen Jahr zehnjähriges Jubiläum feierte, wollten Bilanz ziehen. Die ersten zehn Jahre im neuen Jahrhundert, eine neue Dekade im deutschen Film - wie ist die zu bewerten? Übernommen hat diesen bilanzierenden Rückblick der Filmjournalist Rüdiger Suchsland mit zwei grundlegenden Artikeln. Einer davon hat es in sich.

Zwischen Stagnation und Aufbruch

Ein wenig erinnert Suchslands Essay "Die Nullerjahre: zwischen Stagnation und Innovation?" an das aufsehenerregende Buch des Filmjournalisten Joe Hembus von 1961, "Der deutsche Film kann gar nicht besser sein", das den Stand der Dinge im damaligen deutschen Kino auf den Punkt brachte. Nach jahrelangem künstlerischem Dahinsiechen, nach Heimatfilm und Operettenschnulze, musste sich etwas ändern beim deutschen Film. Hembus leistete eine radikale Bestandsaufnahme, subjektiv und ehrlich, schonungslos offen und mit dem vergleichenden Blick auf das internationale Filmschaffen der Zeit. Suchsland tut nun ähnliches, blickt auf die 80er und 90er Jahre - die Zeit der Stagnation - und setzt das letzte Jahrzehnt, in dem sich einiges zum Besseren entwickelte, dagegen.

Suchsland scheut nicht vor klarer Kante im Urteil. Vieles von dem, was sich vor der Jahrtausendwende tat, in der Zeit zwischen Rainer Werner Fassbinders Tod 1982 und dem filmischen Aufbruch (der immer wieder, auch von Suchsland, mit Tom Tykwers Film "Lola rennt" 1998 datiert wird), wird kritisch bewertet: "Fast alles, was zwischen 1982 und 1998 produziert wurde, lässt sich auf die Formel bringen: Mittelmaß und lukrativer Schrott". Der Autor ordnet diesem "Schrott" auch Namen zu: Regisseure wie Doris Dörrie und Sönke Wortmann kommen in das "Töpfchen mit den Schlechten". Das ist ein hartes Urteil, aber nachzuvollziehen.

Deutliche Worte zum deutschen Kino

Wenn ein paar Zeilen später aber das geistige Klima der Republik mit "offener Ausländerfeindlichkeit" und "rechtsradikalen chauvinistischen Parteien" in einen direkten Zusammenhang mit den Filmen der Genannten gesetzt wird, scheint die Kausalität der Argumente allzu gewagt. Man muss Suchsland, der Filme wie "Der Untergang" und "Das Leben der Anderen" ausgiebig verdammt, nicht in allem folgen. Eine etwas differenziertere Argumentation wäre an manchen Stellen sachdienlich gewesen. Doch die deutlichen Worte sowie das Engagement für Regisseure wie Christian Petzold und Dominik Graf und die große Kenntnis der Autors nehmen ein: Hier werden Ross und Reiter benannt. "Die Nuller Jahre" liest man gern, ist es doch der mit viel Emotion geschriebene Essay eines sachkundigen Autors.

Namen wie Martin Weisz und Christian Alvert, Lexi Alexander oder Josef Rusnak tauchen bei Suchsland nicht auf. Und selbst Kennern der deutschen Kinoszene dürften diese Regisseure kaum geläufig sein. Und doch haben all die Genannten schon in Hollywood gearbeitet oder drehen gerade dort. Es sind nicht die ganz großen Namen, die der Autor Marko Kregel in seinem Buch "Hollywood - Traum und Wirklichkeit" dem Leser vorstellt, nicht um Roland Emmerich geht es hier, auch nicht um Wolfgang Petersen oder Florian Henckel von Donnersmarck. Regisseure wie Alvert und Rusnak sind Leute aus der zweiten Reihe, Handwerker auf dem Regiesessel, Genrespezialisten, möglicherweise auch Talente, die noch auf den Durchbruch warten.

Bild: Schüren Verlag

Erfahrungen in Hollywood...

Kregel hat sie alle (außer den genannten noch Marc Schölemann und Mennan Yapo) in den vergangenen Jahren getroffen und ausführlich gesprochen. Aus diesen Interviews besteht sein Buch. Manchmal ist es ja auch spannender, gerade solchen Filmschaffenden zuzuhören, dürften deren Erfahrungen doch "typischer" für den "Betrieb Hollywood" sein, als die Aussagen eines Roland Emmerich, der mit 100-Millionen-Budgets arbeitet. Kregel fragt nach ersten Erfahrungen in Hollywood, nach Träumen und Visionen, nach realen Arbeitsbedingungen und Enttäuschungen. "Ich dache, Regisseure wären alte Männer mit Bärten" sagt da etwa Lexi Alexander, die über den Kampfsport (!) zum Filmen kam.

Christian Alvert resümiert, dass die Arbeit in Hollywood nicht die "sensationelle Erfahrungen" für ihn gewesen sei, und dass er derzeit alle ihm angebotenen Projekte absage. Es sei denn - und da merkt man dann doch noch, dass der Traum vom großen Durchbruch in Amerika weiter existiert -, es sei denn, es "ergibt sich ein spektakuläres Projekt". Interessant in den Interviews sind vor allem die Passagen, in denen die Filmemacher die deutschen mit den amerikanischen Arbeitsverhältnissen am Set vergleichen. "Du bist der Kapitän, Du gibst den Steuerkurs an", beschreibt Josef Rusnak die Drehbedingungen in Hollywood, "aber Du bis nicht derjenige, der den Sprit für das Schiff bezahlt. Es ist nicht so, dass Du hinkommst und alles andere knetet sich um dich herum, wie es in Deutschland oft der Fall ist."

Liefert Blockbuster aus Hollywood: Roland Emmerich (l.)Bild: picture-alliance/dpa

Deutscher Kinderfilm - eine Bilanz Im "Lexikon des internationalen Films“, seit Jahren verlässliches Kompendium zum zurückliegenden Filmjahr, geht es diesmal auch um deutsches Kino. Kinder- und Jugendfilme stehen diesmal im Mittelpunkt des Textteils, der (neben dem ausführlichen Datenteil mit allen 2010 in Deutschland angelaufenen Filmen). Die Autoren fragen nach dem Wert des boomenden Kinderfilms in Deutschland. Ist der angesichts der vielen Verfilmungen "bekannter Bücher und Marken" tatsächlich viel wert? Und: Bräuchte man nicht beides, also die großen bekannten Kinderliteraturverfilmungen ebenso wie die Filme, die nach Originalstoffen entstehen? An letzteren hapert es ganz gewaltig, so die Autoren der Texte. Das war übrigens einmal anders. Ausgerechnet das viel zitierte "Oberhausener Manifest" hatte enormen Einfluss auf den Kinderfilm. Die Kinderfilmregisseurin Arend Agthe: "Für uns war es damals sehr viel einfacher, Originalstoffe finanziert zu bekommen." Und so zitiert auch das "Lexikon des Internationalen Films" einmal mehr Joe Hembus, wenn ein Autor seinen Artikel (ironisch) übertitelt: "Der Kinderfilm kann gar nicht besser sein."

"Die Nuller Jahre", "Hollywood - Traum und Wirklichkeit" und das "Lexikon des internationalen Films" sind im Schüren-Verlag erschienen.