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Politik

Klimaschutz in Brasilien: Gemischte Bilanz

Thomas Milz
3. Dezember 2019

Brasilien war lange Vorreiter beim Klimaschutz. Bei der Klimakonferenz COP25 in Madrid wird das nicht der Fall sein. Die Regierung unter Jair Bolsonaro dreht das Rad zurück. Thomas Milz aus Rio de Janeiro.

Brasilien Fridays for Future - Rio de Janeiro
SOS Amazonas - Fridays-for-Future-Protest in Rio de Janeiro im September 2019Bild: picture-alliance/dpa/S. Izquierdo

Brasilien ist der fünftgrößte Staat der Welt und der siebtgrößte Verursacher von Treibhausgasen. Die Klimabilanz ist widersprüchlich: Bei der Stromerzeugung ist das lateinamerikanische Land weltweit vorbildlich. Andererseits ist die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens für 70 Prozent der Emissionen verantwortlich - ein Großteil davon durch Waldvernichtung. Die Regierung möchte darum von den reichen Ländern mindestens zehn Milliarden US-Dollar jährlich für den Waldschutz haben. Im Gegenzug sollte die brasilianische Delegation eigentlich ihrerseits Vorschläge bei der Klimakonferenz COP25 unterbreiten - doch was sie anzubieten hat, ist selbst Insidern schleierhaft. 

Das war mal anders: Seit 1992 die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro ausgetragen wurde, bemühte das Land sich, beim Klimaschutz Vorbild zu sein. "Brasilien hatte sowohl die Voraussetzungen als auch den Willen, Vorreiter zu sein und ambitionierte Klimaziele anzustoßen", sagt Tasso Azevedo, einer der führenden Experten Brasiliens in Klimafragen, im Gespräch mit der DW. "Aber derzeit haben wir diesen Ehrgeiz verloren."

Umweltziele verfehlt - Brandrodung im AmazonasgebietBild: Reuters/R. Moraes

So sollte die COP25 eigentlich in Brasilien stattfinden. Doch der Ende 2018 gewählte Präsident, der Rechtspopulist Jair Messias Bolsonaro, nahm die Zusage zurück. Er ist misstrauisch gegenüber globalen Institutionen und kokettiert damit, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Zudem beschuldigte er das staatliche Weltrauminstitut INPE, das anhand von Sattelitenbildern die Abholzung dokumentiert, die Zahlen zu manipulieren und strich Gelder für Klimaschutzprogramme.

Die Konsequenzen sind offensichtlich. Brasilien werde die auf der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 gesteckten Ziele für 2020 nur teilweise erfüllen, warnt Azevedo. Zu den positiven Nachrichten gehöre, dass der Gesamtausstoß von CO2 wie angekündigt bei rund zwei Giga-Tonnen und der Anteil sauberer Energien bei 45 Prozent liegen wird.

Anders bei der Wiederaufforstung und der Abholzung. Diese sollte auf 3.900 Quadratkilometer pro Jahr reduziert werden. Doch in dem Jahr von August 2018 bis Juli 2019 wurden 9.762 Quadratkilometer abgeholzt, und in diesem Jahr wurde von August bis Oktober bereits so viel gerodet, wie insgesamt bis Juli 2020 veranschlagt war.

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"Wir werden die Abholzungsziele für 2020 um einiges verfehlen", so Azevedos logische Schlussfolgerung. Auch das in Paris gemachte Versprechen, die illegale Abholzung in Amazonien bis 2030 auf Null zu senken, sei bedroht. "Heute sind 90 Prozent der Abholzungen illegal."

Die Regierung versuche alles, um die in den vergangenen 30 Jahren erreichten Fortschritte rückgängig zu machen, urteilt Sérgio Leitão vom Öko-Think-Tank Instituto Escolhas gegenüber der DW. Sie gefährde etwa Naturschutzgebiete und Indigenen-Reservate. "Aktuell signalisieren wir der Welt, dass wir die Bad Guys sind."

Saubere Energiebilanz - bisher

Dabei hat Brasilien in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Klimabilanz. So stammen 47 Prozent der erzeugten Energie aus sauberen Quellen, bei der Stromerzeugung kommen gar 85 Prozent aus erneuerbaren Ressourcen. Ein globaler Spitzenwert. "Brasiliens Energiebilanz ist sauber", so Leitão. "Aber die Treibhausgasemissionen drohen zuzunehmen, weil der Anteil von Gas bei der Stromproduktion wächst."

Die Regierung plant, deutlich mehr Gas offshore zu fördern. "Das würde das Wachstum von Windenergie, Solarenergie und Biomasse blockieren", sagt der Experte. Escolhas hat errechnet, dass Brasilien in den nächsten 15 Jahren 68 Prozent mehr Energie aus Wind, Sonne und Biomasse erzielen könnte, ohne zusätzliche Kosten für den Energiesektor zu verursachen.

Bei der Stromerzeugung konnte das Land seine Emissionen vergangenes Jahr um weitere fünf Prozent reduzieren, sagt Azevedo. "Was die Stromproduktion angeht, kann es niemand mit Brasilien aufnehmen. Unter den großen Wirtschaftsnationen ist Brasilien mit Sicherheit ein Vorbild."

Zuckerrohrernte - Rohstoff für die brasilianische Ethanol-Industrie Bild: AP

In den vergangenen zehn Jahren gehörte Brasilien zu den drei weltweit führenden Staaten bei Investitionen in Windenergie. Die übertraf bei der Stromerzeugung 2018 erstmals Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen.

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Am Boden liegt dagegen die Ethanol-Industrie. Sie florierte, bis 2006 gigantische Offshore-Ölvorkommen entdeckt wurden. Brasilien hatte seit den 1970er Jahren in Agrartreibstoffe investiert. Eine PKW-Flotte mit Flex-Motoren kann Benzin und Ethanol in jeglichem Mischverhältnis tanken. "Weltweit gibt es kein zweites solches Programm", so Leitão. "Wir sind global die einzigen, die blitzschnell komplett umstellen könnten. Wenn wir es wollten."

Die Regierung aber lasse Dieselfahrzeuge zu, kritisiert Azevedo, und achte auch beim Anbau von Zuckerrohr - dem Hauptbestandteil von Ethanol in Brasilien - nicht auf den Umweltschutz: "Sie erlaubt das Pflanzen von Zuckerrohr in allen Ökosystemen mit staatlichen Zuschüssen." Dazu gehört die Förderung von Zuckerrohr-Pflanzungen im ökologisch wertvollen Pantanal-Sumpfgebiet und in Amazonien.

Brasiliens Achillesferse beim Klimaschutz bleibt die Landnutzung - ein Drittel davon Agrarproduktion, zwei Drittel Abholzungen und Brandrodung. Würde man die Abholzung auf Null senken, könnte Brasilien 44 Prozent seiner Emissionen einsparen - das ist so viel, wie Industrie und Stromsektor zusammen ausstoßen. Zudem sei es überhaupt nicht nötig, neue Flächen zu roden, betont Leitão. Auf einem Hektar Weidefläche steht derzeit im Schnitt weniger als ein Rind. Millionen Hektar Land liegen brach.

"Wir müssen der Welt zeigen, dass es unsere Berufung ist, auf schonende Art zu produzieren und dabei nicht alles zu zerstören", so Leitão. "Leider sagt unsere Regierung, dass die Abholzung eine Voraussetzung für das Wirtschaftswachstum und die Produktionssteigerung ist."

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