Klitoris-Anatomie: Neue Studie zeigt vernachlässigtes Organ
15. April 2026
Was denken Sie: Wie groß ist die Klitoris? Wo liegt sie genau? Wie ist sie aufgebaut? Wenn Sie damit überfragt sind, geht es nicht nur Ihnen so. Selbst für viele Medizinerinnen und Mediziner sind diese Fragen bis heute erstaunlich schwer zu beantworten. Das liegt weniger am mangelnden Interesse Einzelner als an einem strukturellen Problem. Zentrale Organe des weiblichen Körpers wurden in der Medizin lange deutlich schlechter erforscht als ihre männlichen Gegenstücke.
Das männliche Pendant zur Klitoris ist der Penis: Beide haben den gleichen embryonalen Ursprung, besitzen Schwellkörper, erigieren bei Erregung und spielen eine zentrale Rolle beim Lustempfinden. Doch Fragen wie "Wie groß ist ein Penis?" oder "Wie ist er aufgebaut?" können viele eher beantworten. Das steht schließlich in jedem Biologiebuch.
Anatomie der Klitoris in 3D
Eine neue 3D-Studie aus den Niederlandenschließt die Klitoris-Wissenslücken nun ein Stück weiter. Ein Forschungsteam um Ju Young Lee am Amsterdam University Medical Center in den Niederlanden hat dafür zwei Körperspenden mit einem speziellen Röntgenverfahren untersucht: Synchrotronstrahlung - eine extrem hochauflösenden Form der Bildgebung. Sie ermöglicht Aufnahmen, die bis ins kleinste Detail reichen. Herkömmliche Verfahren wie MRT können zwar grobe Strukturen zeigen, die räumliche Darstellung feinster Nervenverläufe war bislang jedoch nicht möglich.
In den Aufnahmen wird erstmals sichtbar, wie komplex das Nervensystem der Klitoris tatsächlich ist. Die Forschenden konnten den Verlauf des dorsalen Klitorisnervs, also des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris, vom Becken bis in die Klitoriseichel dreidimensional verfolgen. Innerhalb der Eichel verzweigen sich mehrere dicke Nervenstämme baumartig bis nahe an die Oberfläche - einige von ihnen bis zu 0,7 Millimeter stark. Entgegen früherer Annahmen verjüngen sich die Nerven nicht, sondern fächern sich weiter auf. Zudem zeigen die Bilder, dass Nervenäste nicht nur die Eichel versorgen, sondern auch in die Klitorisvorhaut und bis zum Schamhügel (Mons pubis) ziehen.
Organ im weiblichen Körper, das lange übersehen wurde
Dass die Klitoris so lange vernachlässigt wurde, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte auf ihre sichtbare Spitze reduziert wurde. Tatsächlich liegt der Großteil des Organs im Körperinneren. Diese anatomische Realität wurde erst Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre systematisch beschrieben.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die australische Urologin Helen O'Connell. Mithilfe von MRT‑Untersuchungen zeigte sie erstmals, dass die Klitoris kein kleiner äußerer Knubbel ist, sondern ein großes, komplexes Organ, das eine Gesamtlänge von acht bis zwölf Zentimetern erreichen kann: Die sichtbare Eichel ist nur der äußere Teil einer Struktur, die sich unterhalb des Schambeins erstreckt, die den Vaginaleingang umgibt und aus Schwellkörpern besteht, die sich bei Erregung mit Blut füllen.
Vergleichbar detaillierte Darstellungen des Penis existierten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten.
Klitoris bisher kein Forschungsschwerpunkt
Ju Young Lee ist ausgebildete Neurowissenschaftlerin, ihr Fokus lag lange auf dem Gehirn. In den vergangenen Jahren habe sich die Forschung jedoch zunehmend auch peripheren Nervensystemen zugewandt, etwa dem Darm. Auf einer großen europäischen Konferenz fragte sie einmal, ob jemand untersuche, wie Nerven in gynäkologischen Organen mit dem Gehirn kommunizieren. Die Antwort vom Podium: "Oh, darüber habe ich noch nie nachgedacht."
Lee ließ das Thema nicht los. Nach ihrer Promotion ging sie ans Amsterdam University Medical Center, das Teil des internationalen Projekts Human Organ Atlas Hub (HOAHub) ist - mit dem Ziel, den menschlichen Körper mithilfe von Synchrotron‑Bildgebung systematisch zu kartieren. Ein Google Earth für die Anatomie, gewissermaßen.
"Die Klitoris ist natürlich eines der menschlichen Organe", sagte Lee der DW. "Also war es wichtig, sie in das Projekt einzubeziehen."
Forschungsergebnisse helfen bei Entbindungen und gynäkologischen Operationen
Seit Veröffentlichung des Preprints haben sich laut Lee bereits Chirurgen gemeldet, die die Arbeit in ihrer Praxis als hilfreich empfanden.
"Das genaue Wissen über die Anatomie kann helfen, bei Operationen im Vulvabereich Nervenschäden zu vermeiden", sagt sie. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Ergebnisse vor allem bei Operationen im Vulvabereich helfen, wie bei der Entbindung, bei geschlechtsangleichenden Operationen und bei Rekonstruktionsoperationen nach Genitalverstümmelung.
Wie groß die Lücke zwischen Forschung und Alltag bislang ist, erlebt Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin. Als sie die neuen Bilder sah, war sie begeistert - nicht, weil alles neu war, sondern weil es nun bisherige Vermutungen belegt. "Es gibt viel zu wenig wissenschaftliche Beschäftigung mit der Klitoris", sagt sie. "Dass die Nerven bis zum Vulvahügel und zu den Vulvalippen ziehen, war plausibel - jetzt ist es endlich gezeigt."
Für Mangler ist das ein entscheidender Punkt, etwa für Operationen im Vulvabereich, für Sexualmedizin, aber auch für die Versorgung nach genitalen Verletzungen. Im Medizinstudium spiele die Klitoris kaum eine Rolle, sagt sie. Die Folgen: Ärztinnen und Ärzte operierten im Vulvabereich, ohne die Nervenverläufe genau zu kennen. Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder sexuelle Probleme werden so später oft nicht mit Eingriffen oder Geburten in Verbindung gebracht.
Vergleich zwischen Penis und Klitoris verdeutlicht Gender Health Gap
Mangler zieht einen direkten Vergleich zur Männergesundheit. In ihrem Klinikalltag teilt sie sich den OP‑Trakt mit Urologen. "Ich sehe live, wie viel Aufwand betrieben wird, um bei Eingriffen am Penis die Nerven zu erhalten", sagt sie. "Da gibt es viel Forschung, Training und Bewusstsein. Bei der Klitoris schert sich keiner drum."
Für sie eine große Ungerechtigkeit und ein klassisches Beispiel für die Gender Health Gap: medizinische Standards, die für Männer selbstverständlich sind, fehlen bei Frauen - nicht aus bösem Willen, sondern aus historischer Vernachlässigung. Ein Thema, dem sich Mandy Mangler auch in ihrem neuen Buch "Don’t miss the clitoris" widmet.
Die Klitoris ist kein Einzelfall: Frauenkörper noch immer vernachlässigt
Dass zentrale Organe des weiblichen Körpers lange unterschätzt wurden, zeigt sich auch anderswo. Kürzlich gab es neue Forschung zum Eierstock: Ein Gewebe, Rete ovarii, das vor mehr als 100 Jahren beschrieben wurde, dann aber als funktionslos galt und aus Anatomiebüchern verschwand, könnte eine Rolle im Hormonhaushalt spielen und wichtig für die Embryonalentwicklung der Eierstöcke sein. Offenbar gibt es auch einen Zusammenhang zur Entstehung von Zysten. Nutzlos? Definitiv nicht.
Der rote Faden ist klar: Weibliche Anatomie wurde häufig vereinfacht oder als medizinisch zweitrangig behandelt.
Kein abgeschlossenes Bild der Klitoris
Auch die neue Klitoris‑Studie beantwortet nicht alle Fragen. In der öffentlichen Rezeption wird die Studie teils als erste "vollständige Darstellung" der Klitorisnerven beschrieben. Lee widerspricht dem ausdrücklich. "Als Wissenschaftlerin ist ein vollständiges Bild nicht möglich", sagt sie. "Neue Technologien werden immer neue Einblicke bringen." Es gebe noch viele fehlende Puzzleteile.
Untersucht wurden zwei postmortale Proben älterer Frauen. Wie sich Struktur und Funktion der Klitoris im Laufe des Lebens verändern - in Pubertät, Schwangerschaft, Menopause oder im Menstruationszyklus - ist weitgehend unerforscht. Auch diese Fragen möchte Lee künftig besser verstehen.
Mangler sieht ebenfalls noch großen Forschungsbedarf. Gleichzeitig betont sie, dass schon jetzt ein Umdenken nötig sei: "Bei jeder gynäkologischen Operation und in der Geburtshilfe sollten Anatomie und Physiologie der Klitoris mitgedacht und bewahrt werden - genauso selbstverständlich, wie wir es beim Penis tun."