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Politik

Kolumbien wählt zwischen Frieden und harter Hand

Gabriel González Zorrilla
20. Juni 2026

Zwischen Friedensgesprächen und harter Hand, Sozialreformen und Staatsabbau: Kolumbiens Kurs entscheidet sich in der Stichwahl. Die Folgen reichen weit über die Landesgrenzen hinaus.

Präsidentschaftswahl Kolumbien 2026 | Menschen verfolgen die Ergebnisse in Bogotá
Bild: Luisa Gonzalez/REUTERS

An diesem Sonntag steht Kolumbien vor einer der wichtigsten Wahlen seiner jüngeren Geschichte. In der Stichwahl um das Präsidentenamt treffen zwei Politiker aufeinander, die für grundverschiedene Vorstellungen von Staat, Sicherheit und Gesellschaft stehen: der linke Senator und Menschenrechtler Iván Cepeda sowie der ultrarechte Anwalt und Unternehmer Abelardo de la Espriella.

Für politische Beobachter geht es um weit mehr als die Nachfolge des amtierenden Präsidenten Gustavo Petro. Die Wahl gilt als Entscheidung darüber, ob Kolumbien den in den vergangenen Jahren eingeschlagenen Kurs mit Sozialreformen und Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen fortsetzt, oder ob das Land einen deutlich konservativeren, sicherheitsorientierten Weg einschlägt. Die amtierende Präsidentin des GIGA-Instituts in Hamburg, Prof. Dr. Sabine Kurtenbach, spricht deshalb von einer "Richtungswahl".

Ein Land zwischen Wandel und Ernüchterung

Kolumbien befindet sich in einer politischen Umbruchphase. Mit Gustavo Petro gewann 2022 erstmals ein linker Kandidat die Präsidentschaft. Seine Regierung versprach soziale Reformen, mehr Teilhabe für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die Umsetzung des Friedensabkommens mit der FARC-Guerilla sowie eine neue Strategie im Umgang mit bewaffneten Gruppen. Die Bilanz fällt eher gemischt aus.

Dr. Viviana García Pinzón ist Forscherin am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg, das auf transregionale Studien spezialisiert ist. Nach ihrer Einschätzung hat Petro Fortschritte bei Armutsbekämpfung, Landrückgabe und sozialer Inklusion erzielt. Gleichzeitig seien zentrale Reformen gescheitert oder nur teilweise umgesetzt worden. Besonders kritisch bewertet sie die Friedenspolitik: Die Strategie des "totalen Friedens" habe ihre Ziele nicht erreicht und die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung nicht entscheidend reduziert, so García Pinzón zur DW.

Ähnlich urteilt Kurtenbach im DW-Gespräch. Petro sei mit einer "sehr progressiven, sozial transformativen Agenda" angetreten, habe aber "viel versprochen, aber nur wenig davon umgesetzt". Besonders bei der Friedenspolitik kritisiert sie fehlende Strategien und mangelnde Umsetzung. Das habe "Wut und Enttäuschung" erzeugt, auch unter vielen Anhängern der Regierung. Vor diesem Hintergrund wird die Wahl auch als Abstimmung über das politische Erbe Petros verstanden.

Wer ist Iván Cepeda?

Der 63-jährige Iván Cepeda gehört zu den bekanntesten Vertretern der kolumbianischen Linken. Anders als Petro kommt er nicht aus einer Guerillabewegung, sondern aus der Menschenrechtsarbeit. García Pinzón beschreibt ihn als Politiker, der sich "immer in institutionellen und legalen Räumen" bewegt habe. Seine politische Laufbahn sei geprägt von einem "sehr starken Engagement für Menschenrechte". Cepeda ist Sohn des linken Senators Manuel Cepeda Vargas, der 1994 ermordet wurde. Seit Jahren engagiert er sich für die Aufarbeitung politischer Gewalt und war an Friedensgesprächen mit der FARC-Guerilla und dem ELN beteiligt.

Mehr Sozialpolitik, die Umsetzung des Friedensabkommens, Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen und eine sozial-ökologische Transformation des Landes - dafür steht Iván CepedaBild: Enea Lebrun/REUTERS

Politisch steht er für eine Fortsetzung wichtiger Elemente des Petro-Kurses: mehr Sozialpolitik, die Umsetzung des Friedensabkommens, Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen sowie eine sozial-ökologische Transformation des Landes. Auch die Abkehr von fossilen Energieträgern gehört zu seinen zentralen Anliegen. Sein Problem im Wahlkampf: Viele Wähler halten ihn zwar für kompetent, aber nicht für besonders charismatisch. Kurtenbach beschreibt ihn als ernsten Politiker, der Schwierigkeiten habe, Emotionen zu mobilisieren.

Wer ist Abelardo de la Espriella?

Sein Gegenkandidat Abelardo de la Espriella verkörpert das genaue Gegenteil. Den Anwalt und Unternehmer hatte vor Beginn des Wahlkampfs kaum jemand auf dem Zettel. Inzwischen führt er die Umfragen an. Sein politisches Profil erinnert viele Beobachter an die neue Rechte in Lateinamerika und den USA. García Pinzón verortet ihn zwischen Donald Trump, Nayib Bukele und Javier Milei. Er sei kein klassischer Berufspolitiker, verfüge aber über enge Verbindungen zu wirtschaftlichen und politischen Machteliten.

Einen schlankeren Staat, die Stärkung der Privatwirtschaft sowie ein kompromissloses Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen - mit diesen Versprechen tritt Abelardo de la Espriella anBild: Charlie Cordero/REUTERS

Sein Wahlkampf setzt auf soziale Medien, starke Inszenierung und harte Botschaften. De la Espriella verspricht einen schlankeren Staat, eine Stärkung der Privatwirtschaft sowie ein kompromissloses Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen. Unterstützt wird er unter anderem von Donald Trump, Javier Milei und Ecuadors Präsident Daniel Noboa. 

Laut García Pinzón verkörpert er für viele Anhänger ein Erfolgsmodell aus Wohlstand, Stärke und traditionellem Familienbild. Gleichzeitig warnt sie vor einer politischen Entwicklung, die autoritäre Züge tragen könnte. De la Espriella stehe für "eine Rechte, die Kolumbien so noch nicht gekannt hat".

Frieden oder harte Hand?

Kaum ein Thema prägt die Wahl stärker als die Sicherheitslage. Trotz des Friedensabkommens von 2016 sind viele Regionen weiterhin von bewaffneten Gruppen, Drogenhandel und Gewalt betroffen. Hier unterscheiden sich die Kandidaten fundamental. Während Cepeda auf Verhandlungen und die Fortführung des Friedensprozesses setzt, fordert de la Espriella eine Politik der "harten Hand". Er hat angekündigt, Gespräche mit Guerillagruppen zu beenden und sich stärker an den "Sicherheitsmodellen" von Bukele in El Salvador zu orientieren.

Für Kurtenbach birgt ein solcher Kurs erhebliche Risiken. Zwar seien die bisherigen Friedensbemühungen nicht vollständig erfolgreich gewesen. Dennoch warnt sie davor, sie abrupt zu beenden. Die strukturellen Probleme Kolumbiens seien weiterhin ungelöst. "Ein neuer Zyklus der Gewalt bahnt sich an", sagt sie. Auch García Pinzón befürchtet eine Eskalation. Die Vorstellung, politische Konflikte ausschließlich militärisch lösen zu wollen, könne die Polarisierung verschärfen und Gewalt über bewaffnete Gruppen hinaus in die Gesellschaft tragen.

Folgen für die Region

Die Wahl wird in ganz Lateinamerika aufmerksam verfolgt. Nach Einschätzung von García Pinzón geht es nicht nur um die Zukunft Kolumbiens, sondern auch um die politische Entwicklung der Region insgesamt. Außenpolitisch würden beide Kandidaten unterschiedliche Akzente setzen. De la Espriella gilt als proamerikanisch. "Abelardo de la Espriella ist ja klar auf Trump-Kurs", sagt Kurtenbach. Ein Wahlsieg des Ultrarechten würde das politische Gleichgewicht in Lateinamerika weiter nach rechts verschieben. Bereits heute regieren mit Milei in Argentinien und Noboa in Ecuador konservative Präsidenten, die de la Espriella unterstützen.

Gewinnt dagegen Cepeda, dürfte Kolumbien stärker auf Kooperation mit den linken Regierungen Brasiliens und Mexikos setzen und den Versuch fortführen, Konflikte durch Verhandlungen statt militärisch zu lösen.

Mehr als eine gewöhnliche Wahl

Unabhängig vom Ergebnis steht Kolumbien vor enormen Herausforderungen: anhaltende Gewalt, soziale Ungleichheit, ein fragmentiertes Parteiensystem und eine zunehmend polarisierte Gesellschaft. Beide Kandidaten liefern sich gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wer von beiden am Sonntag die Stichwahl gewinnt, ist laut den Experten völlig offen. Für Kurtenbach könnte am Ende vor allem die Mobilisierung der eigenen Anhänger entscheidend sein.

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