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Kolumbiens Jugend kämpft für den Amazonas

Carolina Mila KF
18. Juli 2019

Als Kolumbiens junge Aktivisten einen historischen Prozess gegen ihre Regierung gewannen, dachten sie, der Regenwald sei gerettet. Doch wenig passierte. Jetzt erhöhen sie den Druck, damit das Urteil umgesetzt wird.

Kinder in Florencia, der Hauptstadt des Departements mit der größten Entwaldung in Kolumbien. Sie schließen sich dem globalen Streik an, der von Greta Thunberg und der Fridays-for-Future-Bewegung ausgerufen wurde
Bild: Dejusticia

Aymara Cuevas ist gerade mal neun Jahre alt und gehört schon einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in Kolumbien an, die für den Schutz des Amazonas-Regenwalds kämpft.

"Ich habe mich der Sache angeschlossen, weil der Amazonas ein sehr schöner Ort ist - mit Wasser und vielen Tier- und Pflanzenarten. Auch indigene Gruppen leben dort. Und wenn wir die Bäume fällen, lassen wir sie ohne ein Zuhause zurück", sagt das Mädchen der DW.

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Sie ist eine von 25 Klägern - 11 davon jünger als 18 Jahre - die gegen ihre Regierung vor Gericht ziehen. Im April 2018 verklagte die Gruppe erfolgreich die kolumbianische Regierung, weil sie den Amazonas-Regenwald nicht ausreichend schützt. Inzwischen wissen sie, dass dieser Sieg erst der Anfang war. Mehr als ein Jahr später wollen sie die Politik erneut zur Verantwortung ziehen, dieses Mal, weil die kolumbianische Regierung es versäumt habe, auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs einzugehen.

Klägerinnen Aimara Cuevas und Laura Jiménez während des globalen Streiks gegen den Klimawandel in MedellínBild: Dejusticia

Ein historischer Prozess

Der Oberste Gerichtshof Kolumbiens entschied in einem als historisch gewerteten Prozess im letzten Jahr, dass der Staat die Rechte der Bürger auf eine gesunde Umwelt nicht ausreichend schützt. Er habe seine Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen von 2015 zur Verringerung der Treibhausgasemissionen und der Entwaldung nicht erfüllt. Der Regenwald ist eine wichtige Kohlenstoffsenke, seine Abholzung verursacht die meisten Treibhausgasemissionen in Kolumbien. Der Erhalt des Regenwaldes wird als ein wesentlicher Pfeiler des Klimaschutzes angesehen.

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Das Gericht machte der Regierung detaillierte Auflagen. Deshalb nannte Michael Gerrard, Direktor des Sabin Center for Climate Change an der Columbia University es "eines der stärksten Umwelt-Urteile, die je von einem Gericht gefällt wurden." Zu den Auflagen gehörte, dass die Regierung indigene Gruppen und die jungen Kläger bei den Plänen zur Reduzierung der Entwaldung einbeziehen muss. Außerdem soll ein "Generationenpakt" zum Schutz des Amazonas geschmiedet werden.

Weltweit wurden bisher in mindestens 28 Staaten Klagen zum Klimawandel vor Gericht eingebracht, so eine aktuelle Studie der London School of Economics. Das Verfahren in Kolumbien ist das erste seiner Art in Lateinamerika.

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Vom Gesetz zum Handeln

Unmittelbar nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs gab es positive Signale der Regierung. Ministeriumsvertreter trafen sich mit den verschiedenen Interessensgruppen. Doch als im August 2018 Iván Duque Márquez von der konservativen Partei "Demokratisches Zentrum" als neuer Präsident ins Amt trat, wurden die Treffen plötzlich eingestellt. Die jungen Aktivisten kritisieren, dass die neue Regierung keine Fortschritte dabei mache, das Urteil des Obersten Gerichtshofs umzusetzen. Sie glauben, dass die von der Politik gesetzten Abholzungsraten zu hoch seien und nicht dazu führen werden, die Entwaldung bis zum Jahr 2020 auf Null zu senken, so wie es in internationalen Abkommen vereinbart worden war.

Mit 197.000 Hektar wurden 2018 zwar 10 Prozent weniger Waldfläche abgeholzt als im Jahr zuvor, doch den jungen Aktivisten ist das noch immer zu viel.

Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten haben ihre Klage beim Obersten Gerichtshof von Bogotá eingereichtBild: Dejusticia

Das kolumbianische Institut für Umweltstudien (IDEAM) hat berechnet, dass im Jahr 2020 möglicherweise bis zu 315.000 Hektar abgeholzt werden. Der Nationale Entwicklungsplan der Duque-Administration sieht zwar vor, die tatsächliche Abholzungsrate für 2020 um 30 Prozent im Vergleich zur Prognose von IDEAM zu unterbieten, doch das ist den jungen Klägern nicht genug. Die von der Regierung angestrebte Entwaldungsrate für 2020 sei nicht mit dem Richterspruch aus dem Jahr 2018 vereinbar, so die Klägergruppe. Auf Anfragen der DW mit Bitte um eine Stellungnahme hat das Umweltministerium nicht reagiert.

Die Jugendlichen sind fest entschlossen, ihre Regierung zur Verantwortung zu ziehen. Sie haben einen Bericht über die Verstöße an den Obersten Gerichtshof von Bogotá geschickt, wo ihre Klage ursprünglich eingereicht worden war.

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Die 23-jährige Umweltingenieurin Yurshell Rodríguez war eine der Klägerinnen. Sie fordert, das Urteil müsse nun endlich praktisch umgesetzt werden. "In Kolumbien sind wir gut am Schreibtisch", sagt sie. "Wir haben bereits eine der besten Umweltvorschriften weltweit. Aber jetzt müssen wir raus aus dem Büro auf die Straße."

Zeuge des Klimawandels

Rodríguez schloss sich den anderen Klägern an, weil sie die Auswirkungen des Klimawandels auf der Insel Providencia, wo sie aufwuchs, am eigenen Leib erlebt hat. "Unsere Großeltern sind Zeugen dafür, wie sich der Strand immer weiter zurückgezogen hat. Sie erinnern sich noch daran, dass da, wo jetzt das Meer ist, früher Häuser standen", sagt sie der DW.

Als Teenagerin hat Rodríguez miterlebt, wie Providencia vom tropischen Wirbelsturm Beta verwüstet wurde. "Der Hurrikan hat alles dem Erdboden gleichgemacht, unsere Häuser zerstört, und wir mussten uns einen Zufluchtsort suchen", sagt sie. Jetzt befürchtet sie, dass durch den Klimawandel solche Katastrophen viel häufiger passieren werden.

Die jungen Klägerinnen und Kläger mit César Rodríguez, ihrem gesetzlichen Vertreter von der Organisation DejusticiaBild: Dejusticia

Auch wenn viele unzufrieden sind, dass nach dem historischen Richterspruch wenig getan wurde, verweisen Experten darauf, dass das Urteil positive Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs über den Klimawandel und den Amazonas in Kolumbien hat.

"Diese Klage hat einen Weg aufgezeigt, wie mit den beteiligten Institutionen das Thema weiterverfolgt werden kann. Sie hat in bisher nie gekannter Weise die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Gesellschaft auf sich gezogen. Das wird nicht so leicht zu ignorieren sein", sagt Carolina Gil, Leiterin des Amazon Conservation Team Colombia, gegenüber der DW. Die gemeinnützige Organisation versucht, gemeinsam mit den Gemeinden vor Ort, die Tropenwälder zu schützen.

Bewusstsein schaffen

Die mediale Aufmerksamkeit rund um den Prozess führt laut den Aktivisten dazu, dass die breite Öffentlichkeit besser versteht, wie wichtig die kolumbianischen Regenwälder für den Planeten und für die Menschen in Kolumbien selbst sind.

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"In der Vorstellung der Kolumbianer ist der Amazonas ein sehr weit entfernter Ort, weil er weit weg ist von den großen Städten und weil dort hauptsächlich indigene Völker leben", erläutert Gabriela Eslava, Anwältin aus Bogotá. Sie ist mit 27 Jahren eine der ältesten unter den Klägerinnen und Klägern. "Diese Klage hat den Menschen in Bogotá - in der Andenregion – verständlich gemacht, dass wir den Zugang zu Wasser in der Hauptstadt nur dem Amazonas-Regenwald verdanken."

In Kolumbien ist der Klimawandel noch kein so populäres Thema wie in anderen Teilen der Welt. Die Fridays-for-Future-Bewegung, in deren Zuge Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt für mehr Klimaschutz protestieren, hat in Kolumbien sehr viel weniger Menschen auf die Straßen gebracht als in vielen Städten Europas und Nordamerikas.

Die Kläger aber haben sich den Streiks angeschlossen. Mit Hilfe von NGOs sammelten sie beim ersten globalen Klimastreik am 15. März mehr als 90.000 Unterschriften, um gegen die Entwaldungsziele im Nationalen Entwicklungsplan von Präsident Duque zu protestieren

Mit Kescher und Netz auf Artenfang

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Eine soziale Bewegung nimmt Fahrt auf

Die jungen Aktivisten kämpfen für einen Wandel nicht nur vor Gericht, sondern auch auf den Straßen ihrer Gemeinden und Städte. Cuevas ist eine Sprecherin der Schulstreiks für mehr Klimaschutz in ihrer Heimatstadt Medellín. "Mir gefällt, dass wir den Erwachsenen sagen, sie sollen unseren Planeten nicht schädigen. Denn in Zukunft wird es unser Planet sein und nicht mehr ihrer."

Sie und der ebenfalls erst neun Jahre alte Acxan Duque schärfen das Bewusstsein auch noch auf andere Weise, etwa indem sie andere Kinder und Jugendliche in Workshops und Gemeinschaftsprojekten über Umweltprobleme informieren.

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Und während die jungen Aktivisten auf eine Antwort des Obersten Gerichtshofs von Bogotá warten, arbeiten sie an Vorschlägen für den Generationenpakt zum Schutz des Amazonas. Sie fordern, dass das Thema Klimawandel in den Lehrplan aufgenommen wird. Außerdem möchten sie eine App, die die Abholzung des Regenwalds in Echtzeit zeigt.

Anwältin Eslava sagt, die Klägerinnen und Kläger wüssten, dass sie einen langen Kampf vor sich haben. Sie denkt aber auch, dass sie einen wachsenden Teil ihres Landes auf ihrer Seite haben. "Ich glaube", sagt sie, "das Urteil hat einen Samen gesät, der den Kampf gegen den Klimawandel zu einer der wahrscheinlich wichtigsten sozialen Bewegungen unserer Generation in Kolumbien machen wird."

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