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Politik

Kolumbiens Rechtsruck: Der Sieg des "Tigers"

Gabriel González Zorrilla
22. Juni 2026

Mit Abelardo de la Espriella gewinnt erstmals ein ultrarechter Außenseiter die Präsidentschaft in Kolumbien. Der knappe Wahlsieg markiert einen politischen Kurswechsel und könnte neue Konflikte auslösen.

Kolumbien Barranquilla 2026 | Präsidentschaftswahl | Anhänger von Abelardo De La Espriella mit Flaggen
Hier jubeln seine Anhänger - doch wird es Abelardo de la Espriella gelingen, Brücken zu schlagen und das tief gespaltene Land zu einen?Bild: Charlie Cordero/REUTERS

Kolumbien hat gewählt und das Ergebnis könnte das Land nachhaltig verändern. Der ultrarechte Anwalt Abelardo de la Espriella hat die Stichwahl um das Präsidentenamt nach vorläufigen Ergebnissen mit 49,66 Prozent der Stimmen knapp vor dem linken Regierungskandidaten Iván Cepeda gewonnen, der auf 48,7 Prozent kam. Der Abstand von rund 250.000 Stimmen ist der geringste in der Geschichte kolumbianischer Präsidentschaftswahlen.

Der 47-jährige Jurist, Unternehmer und politische Quereinsteiger tritt damit die Nachfolge von Gustavo Petro an, dem ersten linken Präsidenten des Landes. Sein Sieg bedeutet einen deutlichen Rechtsruck und eine Abkehr von zentralen Projekten der bisherigen Regierung, insbesondere in der Friedens-, Sicherheits-, Energie- und Sozialpolitik. Zugleich übernimmt er ein Land, das politisch tief gespalten ist.

Ein Wahlsieg ohne klaren gesellschaftlichen Konsens

Die eigentliche Botschaft dieser Wahl liegt weniger im Ergebnis als im knappen Abstand zwischen den Kandidaten. Fast die Hälfte der Wähler stimmte für die Fortsetzung des von Petro eingeschlagenen Kurses, die andere für einen grundlegenden Richtungswechsel.

"Kolumbien hat gewählt und knapper hätte es kaum werden können", sagt Kristin Wesemann, Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bogotá gegenüber DW. "Das Land ist politisch fast genau in der Mitte geteilt." Die eigentliche Herausforderung beginne jetzt: "ein tief gespaltenes Land zu regieren und die hohen Erwartungen an mehr Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und einen handlungsfähigen Staat zu erfüllen."

Breite Unterstützung erhält de la Espriella nur von der guten Hälfte der Bevölkerung Bild: Jair Coll/REUTERS

Ähnlich bewertet die Interims-Präsidentin des GIGA-Instituts Sabine Kurtenbach den Wahlausgang. "Kolumbien ist nach wie vor komplett gespalten", sagt sie im Gespräch mit DW. Was das Land jetzt brauche, sei "einen Präsidenten, der versucht, Brücken zu schlagen und der nicht diese Polarisierung noch vorantreibt."

Auch Viviana García Pinzón vom Arnold-Bergstraesser-Institut spricht gegenüber DW von einem Land, das von "zwei sehr unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen" geprägt werde. Das Ergebnis zeige "sehr deutlich, wie gespalten das Land ist". Von einem Erdrutschsieg könne keine Rede sein.

Wer ist Abelardo de la Espriella?

De la Espriella ist kein klassischer Politiker. Bekannt wurde er zunächst als Strafverteidiger prominenter Mandanten, darunter paramilitärische Führer und mutmaßliche Drogenhändler. Später machte er sich als Unternehmer, Fernseh-Berühmtheit und Kommentator einen Namen. Sein öffentlicher Stil ist provokant, medienwirksam und stark personalisiert.

Im Wahlkampf präsentierte er sich als Anti-Establishment-Kandidat und nationalkonservativer Erneuerer. Seine Anhänger nennen ihn "El Tigre" - der Tiger. Politisch orientiert er sich sichtbar an Vorbildern wie Donald Trump, Nayib Bukele und Javier Milei. Unterstützt wurde er offen von Trump und erhielt bereits Glückwünsche aus dem republikanischen Lager in den USA.

"El Tigre" - der Tiger - nach seiner Wahl gibt sich Abelardo de la Espriella siegessicherBild: Cristian Acosta/Anadolu/picture alliance

Sein Wahlsieg basiert vor allem auf dem Versprechen, die Sicherheitskrise des Landes mit harter Hand zu bekämpfen. Nach Jahren zunehmender Gewalt durch Guerillagruppen, Drogenkartelle und andere bewaffnete Akteure traf diese Botschaft bei vielen Wählern einen Nerv.

Das Ende der "Paz Total"?

Der wohl größte Kurswechsel steht in der Sicherheits- und Friedenspolitik bevor. Während Petro mit seiner Strategie des "Totalen Friedens" (Paz Total) auf Verhandlungen mit Guerillas und kriminellen Gruppen setzte, kündigt de la Espriella deren Ende an. Statt Dialog will er militärischen Druck. Er verspricht Bombardierungen gegen bewaffnete Gruppen, die Wiederaufnahme von Besprühungen gegen Kokaanbau, den Bau von Megagefängnissen und eine engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA.

García Pinzón sieht darin einen fundamentalen Paradigmenwechsel. De la Espriellas Konzept beruhe auf "einer militaristischen Politik der harten Hand" und orientiere sich stark am Modell Bukeles in El Salvador.

Elizabeth Dickinson, stellvertretende Direktorin für Lateinamerika bei der International Crisis Group warnt davor, die gesellschaftliche Spaltung weiter zu verschärfen. "Wer regiert, muss das Vertrauen der anderen Hälfte gewinnen", sagt sie. "Es ist nicht der Moment für Rache oder extreme Politik, sondern für einen Weg der Versöhnung", betont Dickinson gegenüber DW.

Erreichte nur 48,70 Prozent der Stimmen und will neu auszählen lassen - der linke Kandidat und de la Espriellas Herausforderer Iván CepedaBild: Enea Lebrun/REUTERS

Dickinson verweist darauf, dass gerade die besonders vom Konflikt betroffenen Regionen mehrheitlich für den Gegenkandidaten Iván Cepeda gestimmt hätten. Das sei ein Signal gegen eine ausschließlich militärische Strategie.

Wirtschaftsliberal, fossil und staatskritisch

Auch wirtschaftspolitisch kündigt sich ein Bruch mit der Petro-Regierung an. De la Espriella will den Staatsapparat deutlich verkleinern, die Privatwirtschaft stärken und Investitionen fördern. Zu seinen umstrittensten Vorschlägen gehören eine Verkleinerung des Staatsapparats um bis zu 40 Prozent, die Förderung von Fracking und eine stärkere Nutzung fossiler Energieträger. Die von Petro vorangetriebene Energiewende dürfte damit zumindest teilweise zurückgedreht werden.

"Zurück zu den Fossilen", fasst Kurtenbach den energiepolitischen Kurs des neuen Präsidenten zusammen. Die Energiewende wolle er "abwickeln". Gleichzeitig warnt sie davor, seine Wahlversprechen für selbstverständlich umsetzbar zu halten. De la Espriella verfüge - wie zuvor Petro - über keine eigene Mehrheit im Kongress.

Genau darin sieht auch der Politikwissenschaftler Yann Basset von der Universidad del Rosario in der Hauptstadt Bogotá, die größte Herausforderung der kommenden Monate. "Keiner der Kandidaten hat eine Mehrheit im Kongress", betont er gegenüber DW. Der neue Präsident müsse zunächst eine stabile Koalition aufbauen und das Land nach einem extrem polarisierten Wahlkampf wieder zusammenführen.

Die ersten Proteste

Wie schwierig das werden könnte, zeigte sich bereits in der Wahlnacht. In Bogotá und Cali gingen Tausende Anhänger des unterlegenen linken Lagers auf die Straße. Einige Demonstrationen eskalierten in Zusammenstößen mit der Polizei. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete von Barrikaden, brennenden Reifen und Sprechchören gegen den neuen Präsidenten.

Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Cepeda verbrennen Müll, nachdem die Wahlergebnisse zeigten, dass er in der Stichwahl zurücklagBild: Santiago Saldarriaga/AP Photo/dpa/picture alliance

De la Espriella sprach in seiner Siegesrede vom Beginn einer "neuen Ära" für Kolumbien. Ob daraus tatsächlich ein politischer Neuanfang wird, hängt jedoch davon ab, ob es ihm gelingt, über sein eigenes Lager hinaus Unterstützung zu gewinnen. Die von DW befragten Experten sind sich in einem Punkt bemerkenswert einig: Die größte Aufgabe des neuen Präsidenten wird nicht der Kampf gegen die Guerilla sein, sondern der Umgang mit einem Land, das politisch nahezu exakt in zwei Hälften geteilt ist.

 

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