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Politik

Wie Berlin an Stasi-Unrecht erinnert

Gero Schließ
28. Januar 2018

Berlin war nicht nur die Hauptstadt der DDR, sondern auch das Zentrum des Stasi-Terrors. Viele Opfer fühlen sich heute vergessen. Ein Mahnmal könnte das ändern, meint DW-Kolumnist Gero Schließ und hofft auf die GroKo.

Kolumne Gero Schliess: Mahnmal
Bild: DW/G. Schliess

Mauergleiche? Es gibt Wörter, da muss selbst Google passen. Oder wissen Sie, was das ist? 

Wie ich darauf komme? Ein Freund lud mich jetzt zur Mauergleichen-Party ein. Wieder nur einer der üblichen Berliner Vorwände für ungehemmte Alkoholexzesse?

Eine Party für die Mauer?

Tagsüber Stehzwang, nachts Schlafentzug: In diesem Kellerraum in Hohenschönhausen hielt die Stasi die frisch inhaftierten Häftlinge manchmal wochenlang fest Bild: DW/G. Schliess

Ich las die Einladung weiter und wurde nachdenklicher: "Zehntausenddreihundertundsechzehn Tage stand die Mauer - und soviel Tage wird sie weg sein - am 6. Februar 2018. Lasst uns auf die Mauergleiche anstoßen!"

Anstoßen im Zusammenhang mit der Berliner Mauer? Sie ist bekanntlich Sinnbild für Tod und Schrecken, mindestens 139 Menschen kamen ums Leben beim Versuch, die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin zu überwinden. Viele wurden durch gezielte Schüsse der DDR-Grenzsoldaten getötet.

Die Mauer ist weg, Gottseidank, stoßen wir darauf an.

Aber leider gilt auch die Gleichung: Je länger die Mauer verschwunden ist, desto geringer die Erinnerung an den ostdeutschen Unrechtsstaat DDR. Die Opfer der berüchtigten Staatssicherheit, der Stasi, drohen in Vergessenheit zu geraten. Sie spielen jetzt schon kaum noch eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung.

Im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen 

Früher war sie Häftling hier: Monika Schneider führt eine Besuchergruppe durch das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-HohenschönhausenBild: DW/G. Schliess

Auch nicht im Stadtbild Berlins: Außer ein paar Resten der Berliner Mauer und kleineren Denkmälern erinnert wenig an dieses dunkle Kapitel. An einem verregneten Januar-Nachmittag mache mich auf die Suche. Verborgen inmitten einer Siedlung steht das Gefängnis Hohenschönhausen. Dieses kalte Steinmonster war das zentrale Untersuchungsgefängnis der Stasi. Von 1951 bis 1989 wurden dort vor allem politische Gefangene inhaftiert, physisch und psychisch gefoltert. Insgesamt sollen es mehr als 11.000 gewesen sein. Heute ist es eine Gedenkstätte. Es wird ein Besuch, der an die Nieren geht.

Monika Schneider führt uns. Sie war selbst Häftling hier. Ihr Vergehen: mit einem Freund Pläne für eine Flucht nach Westdeutschland besprochen zu haben. Sie bringt uns in einen dunklen Kellerraum. Hier mussten die eingelieferten Untersuchungsgefangenen auf ihre Verhöre warten, tagelang, wochenlang. Dicht an dicht, ohne sanitäre Anlagen und Frischluftzufuhr. Nachts Schlafentzug, tagsüber Stehzwang. Monika Schneider erzählt von einer Frau, die hier ein ganzes Jahr aushalten musste. Unvorstellbar!

Und dann die ständige Überwachung bis hin zur nächtlich einzunehmenden Schlafposition. Monika Schneider nennt das heute scherzhaft "betreutes Wohnen". 

Auch Bundeskanzlerin Merkel besuchte Hohenschönhausen. Doch zum Mahnmal für die Opfer des Kommunismus äußerte sie sich nichtBild: picture-alliance/dpa/W. Kumm

Sie erzählt von den routinemäßigen Drangsalierungen mit einer fast schon unwirklichen Heiterkeit. Dafür bewundere ich sie. Bei mir aber staut sich die Wut.

Wie kann das sein? Kaum einer der mehr als 90.000 hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter wurde verurteilt. Begründung der Juristen: sie hätten auf der Grundlage der geltenden DDR-Rechtsordnung gehandelt. Aber während die Stasi-Leute über erkleckliche Renten verfügen, werden ihre Ex-Häftlinge mit 300 Euro abgespeist. Und am Schlimmsten: Auch die Politik würdigt die Opfer kaum.

Dass die ehemaligen Häftlinge jetzt das Berlin-Ticket mit Freifahrtschein für Bus und Bahn bekommen erleichtert ihren Alltag.

Aber ist das nicht jämmerlich? Soll das 30 Jahre nach Ende der DDR alles sein? Wo sind der Respekt, die Anerkennung für einen schweren Lebensweg, für den Mut, in einer Diktatur Haltung zu zeigen?

Mahnmal in den Koalitionsvertrag

Kaum zu glauben: Berlin, sonst die "Welthauptstadt des Gedenkens" (Zitat Tagesspiegel), verweigert den Opfern der kommunistischen Gewaltherrschaft auch ein Mahnmal - bisher jedenfalls.

Ich spreche mit Christian Sachse von der "Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft". Seit zehn Jahren fordern sie das Mahnmal. Sie fühlen sich von der Politik "auf die lange Bank geschoben".

Ein Signal vom Bundespräsidenten oder von der Bundeskanzlerin? Fehlanzeige. Mit diesem Thema lassen sich keine Wahlen gewinnen.

Fordert einen achtsameren Umgang mit den Opfern der kommunistischen Gewaltherrschaft: unser Kolumnist Gero Schließ

Immerhin, es gab im letzten Bundestag einen Entschließungsantrag für ein Mahnmal. Und Politiker wie der ehemalige Kulturausschuss-Vorsitzende Siegmund Ehrmann (SPD) und sein CDU-Kollege Marco Wanderwitz erzählen mir, dass sie hinter den Kulissen hart daran arbeiten.

Jetzt könnte es gelingen: wenn, ja wenn das Mahnmal für die Opfer der Kommunistischen Gewaltherrschaft den Weg in den Koalitionsvertrag findet.

Wenn alle einig bleiben, könnte es sogar noch in dieser Legislaturperiode eingeweiht werden. Das ist sportlich, zugegeben. Fast 30 Jahre nach Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft wäre es aber kein Tag zu früh.

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