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Anschlag auf die deutsche Seele

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Gero Schließ
27. August 2016

Die Deutschen und die Sicherheit. Nach den Anschlägen beschäftigt sie kein anderes Thema mehr. Umfragen sagen: Trotz aller Ängste reagiert eine Mehrheit bisher vernünftig. Doch das Bild trügt, meint Gero Schließ.

Bild: picture-alliance/dpa/A. Dedert

Wir sind so ängstlich geworden, klagte eine Freundin unlängst beim gemeinsamen Mittagessen in einem Berliner Hotel. Inzwischen sei es schon soweit, dass man dem Nachbarn am Nebentisch nicht mehr traue. Meine Freundin ist Amerikanerin und lebt in Berlin. Doch sie sprach nicht über Deutschland, sondern über die USA. Dort hatte ihr vor kurzem die Hausverwaltung ihres New Yorker Apartments untersagt, in ihrer Abwesenheit Freunde bei sich wohnen zu lassen. Begründung: Sicherheitsbedenken.

In Deutschland wäre so etwas nicht vorstellbar. Oder vielleicht sollte man eher sagen - noch nicht vorstellbar. Noch bis heute gilt: Für viele Menschen im Ausland sind die Deutschen ein Vorbild an Besonnenheit - trotz der jüngsten Terroranschläge und Amokläufe, trotz der Mobilisierung vieler Deutsch-Türken für Erdogans rabiaten Demokratieabbau in der Türkei und - ja - trotz der mehr als eine Million Flüchtlinge, die bei aller Willkommenskultur auch wieder alte Überfremdungsängste hochkommen lassen.

Die Angst davor, Opfer zu werden

Doch sind wir wirklich so abgeklärt? Sicherheit ist der Deutschen höchstes Gut. Die Terroranschläge waren so etwas wie Anschläge auf die deutsche Seele. Und das hat Folgen. Längst brodelt es heftig unter der Oberfläche. Vermehrte Attacken auf Flüchtlingsheime und hohe Umfragewerte für die rechtspopulistische AfD sprechen eine unmissverständliche Sprache.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung überschrieb jetzt die jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach mit "Das Sicherheitsgefühl der Deutschen erodiert" und bediente damit genau jenen Alarmismus, der bei einer schweigenden Mehrheit langfristig auf fruchtbaren Boden fallen wird. Dabei sind die Zahlen von Allensbach alles andere als überraschend. 70 Prozent der Deutschen rechnen mittlerweile mit der Möglichkeit, dass sie Opfer eines Terroranschlages werden könnten. 16 Prozent sehen sich sogar unmittelbar bedroht. Nur noch 29 Prozent fühlen sich sicher. Und noch eine Zahl: 77 Prozent sagen, dass von radikalen islamistischen Gruppierungen eine große Gefahr ausgeht. Am Ende des vergangenen Jahrzehnts waren es noch 55 Prozent. Doch eine große Mehrheit ist deswegen nicht bereit, ihren Lebensstil zu ändern. Oder die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte hinzunehmen. Eine Mehrheit bleibt dabei: Großveranstaltungen sollen weiter stattfinden - trotz der dramatisch gestiegenen Sicherheitsbedenken.

DW-Korrespondent Gero Schließ

Eine von der DW jüngst in Auftrag gegebene Umfrage von infratest dimap kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Zwar rechnen auch hier fast 60 Prozent mit mehr Terroranschlägen, aber mehr als 50 Prozent sehen die Zuwanderung positiv und erwarten sogar positive Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. Auf diese differenzierten Sichtweisen können wir stolz sein. Doch machen wir uns nichts vor: Das sind Momentaufnahmen. Und sie gelten nur für gut die Hälfte der Bundesbürger. Deutschland ist gespalten. Das bedeutet im Klartext: Angst und Ablehnung sind bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen.

Hitzige Diskussion und Überreaktionen

Und es gibt in den Umfragen noch eine weitere, für Angela Merkel beunruhigende Nachricht, die am Ende zum Stolperstein auf ihrem Weg zur Wiederwahl werden könnte: Eine Mehrheit der Deutschen bringt die steigende Terrorgefahr in Verbindung mit der Flüchtlingsbewegung. Damit widersprechen die Menschen ihrer Kanzlerin, die bisher das Gegenteil sagte. Doch Merkel ist mittlerweile bereit, Vorbehalte und unbestimmte Überfremdungsängste aufzunehmen: Sie tat das mit dem Burka-Verbot vor Gericht oder in der Schule. Damit hat sie eine rote Linie gezogen, die signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter! Eine klare Botschaft an das Wahlvolk. Gleiches gilt für ihre erstmalige Aufforderung an die Deutsch-Türken, Loyalität zu Deutschland und seinen Werten zu zeigen.

Langsam also werden die Betriebstemperaturen der politischen Diskussion hitziger. Das ist dann genau das Klima für Überreaktionen, wie sie die Bürgermeisterin der brandenburgischen Stadt Lückenwalde mit dem Hinauswurf einer kopftuchtragenden Praktikantin gezeigt hat.

Längst nicht alle Deutschen sind also so cool und abgeklärt, wie es den Anschein hat. Und es steht zu befürchten, dass die Nervösen und Ängstlichen immer mehr werden.


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