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Die amerikanische Seele

Schliess Gero Kommentarbild App
Gero Schließ
5. April 2016

Nach drei Jahren kehrt Gero Schließ, einer der USA-Korrespondenten der DW, nach Deutschland zurück. Er hat in den USA gesellschaftliche Umwälzungen erlebt - und einen seltenen Patriotismus.

Bild: dapd

Dieses Land hat sich verändert. Und es hat auch mich verändert. Die drei Jahre als Korrespondent in den USA waren drei entscheidende Jahre. Zum Beispiel innenpolitisch.

Unerhörte Umwälzungen

Nein, hier geht es nicht um Trump, sondern um richtige, reale Politik, die in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Etwa Barack Obamas Gesundheitsreform. Die Gerichte haben sie in den vergangenen drei Jahren endgültig bestätigt - gegen den andauernden Widerstand der Republikaner. Damit gibt es für Millionen von Amerikanern die Gewissheit, dass sie im Falle schwerer Krankheit nicht mehr alleine dastehen. Das ist im Alltag eine Revolution.

Ähnliche Tragweite hat die Durchsetzung der gleichgeschlechtlichen Ehe. In diesem von starken konservativ-religiösen Bindungen geprägten Land ist das eine unerhörte Umwälzung. Hundertausende Homosexuelle haben das als Befreiung empfunden - und gefeiert.

Amerikanische Taten - deutsche Bedenken

Wie zögerlich und kleinlaut erscheint dagegen die deutsche Politik, in der sich keine Kraft finden will, die diese überfällige Entscheidung auch hier mit Entschlossenheit vorantreibt. Die viel zitierten Bedenken der Bundeskanzlerin, dass sie damit persönliche Probleme habe, genießen offensichtlich den Rang eines unantastbaren Verfassungszusatzes.

Wie anders dagegen die Amerikaner: Sie haben in ihrer Mehrheit verstanden, dass es hier nicht "nur" um die Rechte einer Minderheit geht. Es geht ums Ganze, um die gelebten Grundsätze einer Verfassung, in der die Freiheit hochgehalten wird. Das ist eben auch die Freiheit, den zu heiraten, den man liebt.

Amerikanische Grundsatztreue

Ja, die Amerikaner können furchtbar grundsätzlich sein. Das fängt im Kleinen an, wenn sie am Flughafen auf dem Schlange stehen vor dem Taxistand bestehen, auch wenn es anders vermutlich schneller ginge, aber vielleicht nicht so friedlich.

Oder wenn man im Restaurant trotz einer Fülle freier Tische darauf warten muss, einen Platz zugewiesen zu bekommen. Bis hin zu den Dating-Regeln, die zwar vielfach überschritten werden, aber doch in den Köpfen präsent sind.

Das alles hat seinen Sinn. Es regelt das Zusammenleben in einem relativ jungen Land, in dem fast jeder aus einer Familie von Einwanderern stammt, die irgendwann mal in dieses Land kam.

Lernen in der Flüchtlingsfrage

Etablierte Scharniere von Kommunikation und Verhaltensmustern helfen dabei, aus den Fremden ohne große Konflikte geachtete und produktive Mitbürger zu machen, denen man ihre eigene Identität belässt. Das - gemeinsam mit einem strikten Wertekanon - ist der Kitt, der dieses riesige, machtvolle und so unterschiedliche Land immer noch zusammenhält. Und vielleicht können die Deutschen gerade jetzt ja etwas davon lernen, da sie von einer enormen Zahl von Migranten überwältigt werden.

Gero Schließ, bisher DW-Korrespondent in Washington

Ob das alles in den USA so bleiben soll (und jetzt kommen wir doch zu Trump), steht demnächst zur Wahl. Trumps Appell an Angst und Aggressivität verfängt stärker, als gedacht. Doch ich vertraue darauf, dass die Amerikaner am Ende auf ihre ganz eigenen Potenziale setzen, die zwar für die meisten nicht den "amerikanischen Traum" verwirklichen helfen, aber den Glauben daran und die Sehnsucht danach wachhalten.

Selbstvertrauen und Stolz

Denn die Menschen hier haben eine ganz eigene Energie - so anders als in Deutschland, als in Europa, wo alle so staatsgläubig sind und alles so geregelt und mitunter erstarrt erscheint.

Sicher, der Glaube an den vielzitierten "amerikanischen Ausnahmerang" hat in den vergangenen Jahren gelitten. Auch angesichts des schleichenden Verlusts an Großmacht-Status und einer ausgezehrten Mittelklasse. Aber in Extremsituationen ist dieses Selbstvertrauen, dieser Stolz immer noch spürbar.

Anrührender Patriotismus

Ich werde niemals das Interview mit Anthony Graves vergessen, der zu Unrecht zum Tode verurteilt war und jahrelang in der Todeszelle saß. Obwohl dieser Staat nach seinem Leben trachtete und zweimal die Hinrichtung angesetzt war, bricht es aus ihm am Ende seines Plädoyers für die Abschaffung der Todesstrafe mit moralischem Impetus heraus: "Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir müssen es machen, denn wir haben die höheren moralischen Standards." Das mag einem Europäer fremd oder naiv vorkommen. Doch schöner und eindrucksvoller kann man die amerikanische Seele nicht erleben. Und das ließ auch den Korrespondenten nicht unberührt.

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