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Politik

Die Deutschen vertrauen Merkel

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Jens Thurau
3. April 2020

CDU und CSU legen mitten in der Corona-Krise in den Umfragen massiv zu, die Regierung gewinnt extrem an Vertrauen. Das ist ein Zeichen dafür, wie gut die deutsche Demokratie dann doch funktioniert, meint Jens Thurau.

Bild: AFP/M. Kappeler

Wenn es wirklich ernst wird, schart sich das Volk um die Regierung. Das ist fast immer so, in Demokratien, auch in autoritären Regimen. So gesehen ist es kein Wunder, dass die Bundesregierung im aktuellen ARD-Deutschlandtrend gut wegkommt. Aber das Ausmaß ist dann doch bemerkenswert.

Erst ein paar Wochen ist es her, kaum jemand im Land wusste, was genau das Coronavirus ist, da war die Stimmung so: Die Regierung von CDU, CSU und SPD schien am Ende mit der Kraft, die Unzufriedenheit der Menschen war spürbar, bei der Bürgerschaftswahl etwa in Hamburg wurde die CDU bitter abgestraft. Die bürgerliche Mitte signalisierte immer mehr Sympathien für die Grünen, der rechte Rand für die Populisten von der AfD. Und jetzt?

Das Land funktioniert in der Krise doch ganz gut

Die Demoskopen messen in dieser Woche einen Rückhalt in der Bevölkerung für die Regierung wie für keine Koalition seit 23 Jahren. Angela Merkel, die noch zu Jahresanfang fast gar nicht mehr öffentlich zu sehen war, verzeichnet den höchsten Zuspruch in der Bevölkerung in der laufenden Wahlperiode.

DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Wie gesagt: In der Krise wechseln Menschen, zumal die Deutschen, nicht gern die Pferde. Aber im Fall der Bundesregierung Anfang April 2020 kommen zwei Faktoren verstärkend hinzu: Das besonnene Erscheinungsbild der Regierenden selbst und eine Art Aha-Effekt, dessen Erzählung ungefähr so geht: Dieses Land, an dem zuletzt so viele verzweifelten, das Land, das es nicht mehr schafft, einen Flughafen zu bauen, dessen Schulen vielfach in miserablem Zustand sind und dessen Straßen marode - dieses Land funktioniert in der Krise dann eben doch ganz gut, vor allem im internationalen Vergleich. Und das zahlt ein auf das Konto der Regierung.

Wir erleben eine Kanzlerin, die den Experten des Robert-Koch-Instituts zuhört und auf deren Empfehlungen eingeht. Eine Kanzlerin, von der es lange Jahre hieß, die öffentliche Rede sei nun nicht ihre Stärke, diese Kanzlerin spricht die Bürger per Fernsehansprache an, sachlich, verbindlich, empathisch. Natürlich gibt es hier und da Streit mit den Ministerpräsidenten über Details, aber ganz plötzlich ist sogar der viel gescholtene Föderalismus ein kleiner Segen, weil er je nach Region spezifisch auf die Anforderungen der Pandemie reagieren kann. Und das Land registriert staunend, wie viele verantwortungsbewusste Landräte, Mitarbeiter in Gesundheitsämtern und Bürgermeister es hat. Und schämt sich hoffentlich, wie oft genau diese noch vor Wochen von Schreihälsen und Verrückten zum Teil körperlich bedroht worden sind.

Extrem vorzeigbare Experten

Und, ganz wichtig: Deutschland wird beruhigt durch eine extrem vorzeigbare Gruppe von Experten, den Virologen des Robert-Koch-Instituts etwa, die nicht vorgeben, alles über das Coronavirus zu wissen. Die sich sichtbar mühen, Nerven und Überblick zu bewahren. Die eine klare Sprache sprechen. Und auf die die Regierung hört und ihr Handeln danach ausrichtet.

Ein kurzer Blick nach Großbritannien, vor allem auch in die USA reicht, um zu wissen, dass das nicht selbstverständlich ist. Es ist eine Auszeichnung für das Land und seine Verfassheit, dass sich in der Umfrage zwar sehr viele Menschen um den Wirtschaftsstandort Deutschland sorgen, aber persönlich nur rund ein Viertel der Menschen Angst um die eigene Zukunft haben. Wer in einem Land lebt, das nach 14 Tagen Stillstand diese Sicherheit gibt, dem kann es so schlecht nicht gehen.

Erst am Anfang der Epidemie

Sicher: Es gibt viel, etwa am Gesundheitswesen, zu verbessern. Jetzt rächt sich etwa, dass Krankenhäuser zu autark handelnden Wirtschaftsunternehmen geworden sind. Und auch Deutschland steht, darauf weisen die Handelnden immer wieder hin, erst am Anfang der Epidemie. Aber so ganz gering sind die Chancen nicht, dass die Verantwortlichen und die Bevölkerung auch einen weiteren, möglicherweise dramatischen Anstieg der Infektionen meistern. Wie das Land aussieht, wenn der Albtraum vorbei ist, kann derzeit noch keiner wissen. Aber im Moment tragen die Menschen die drastischen Einschränkungen mit, weil ihnen plausibel erläutert worden ist, warum das nötig ist.

In Brasilien schlagen verzweifelte Menschen täglich mit Bratpfannen Alarm gegen ihren von allen guten Geistern verlassenen Präsidenten. In Deutschland spenden die Menschen Ärzten, Pflegern, Polizisten und Supermarktangestellten Applaus. Hoffentlich nimmt das Land das zum Anlass, diesen Berufen mehr Respekt entgegen zu bringen. Und sie besser zu bezahlen.

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