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Gesellschaft

Interrail - der Genuss der Langsamkeit

Jeanette Wagner, DW Bonn - provisorisches Bild
Jennifer Wagner
6. Mai 2018

Europa ist vielfältig und diese Vielfalt sollten mehr junge Menschen entdecken können. Zunächst 15.000 kostenlose Interrail-Tickets für 18-Jährige sind dafür ein guter Anfang, meint Jennifer Wagner.

Bild: imago/imagebroker/Theissen

Ein halbes Jahr auf einsam gelegenen Farmen in Neuseeland Kühe und Pferde versorgen? Drei Monate durch Vietnam, Kambodscha und Laos trampen? Ein Jahr als Au-Pair in Kanada Hausaufgaben kontrollieren? Für viele Schulabgänger oder Studierende waren diese Fernziele in den vergangenen zehn Jahren eine willkommene Auszeit vom Alltag in Deutschland: Abenteuer, fremde Kulturen, neue Sprachen lernen.

Dabei müssen wir für spannende Erfahrungen gar nicht um die halbe Welt fliegen. Wo kann man andere Gewohnheiten, außergewöhnliche Gerichte oder neue Vokabeln auf so engem Raum kennenlernen wie in Europa? Der Vorstoß der Europäischen Union, 15.000 Jugendlichen im Alter von 18 Jahren ein kostenloses Interrail-Ticket zu spendieren, ist deshalb ein guter Ansatz.

Die EU war nicht exotisch genug

Die Initiative heißt "DiscoverEU" und ist wichtig. Europa war in den vergangenen Jahren für viele junge Menschen nämlich nicht exotisch genug. Klar, der Erasmus-Austausch boomt, tausende Studierende wechseln für mehrere Monate die Universität, um innerhalb der europäischen Grenzen Auslandserfahrung zu sammeln. Aber solch ein Uni-Wechsel gehört mittlerweile zum Standard einer akademischen Karriere. In den Semesterferien wollten die meisten der heute Mitte 20- bis Mitte 30-Jährigen aber dann doch lieber nach Brasilien, Südafrika oder Thailand. Paris, Barcelona oder Athen? Europäische Ziele sind auch gut über ein Wochenende per Billigflieger zu erreichen. Von der vergleichsweise günstigen Möglichkeit Europa per Zug zu entdecken, wusste zudem kaum einer. Interrail war für viele nur ein Begriff, den ihre Eltern mit romantischen Erinnerungen aus ihrer Jugend verbanden.

DW-Autorin Jennifer WagnerBild: DW/F. Görner

Auch wenn in jeder Generation weiterhin Fernziele auf der Reise-Wunschliste stehen - gleichzeitig achten immer mehr Menschen auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Für ein paar Wochen Urlaub nach Australien fliegen? Warum nicht besser ein Roadtrip durch Frankreich, Spanien und Portugal?, fragen sich immer mehr junge Europäer. Abgesehen davon, dass Trips mit der Bahn den persönlichen ökologischen Fußabdruck nicht so stark belasten wie Flugreisen, hat ein Urlaub per Zug noch andere Vorteile: Statt im Flugzeug eingezwängt um die Welt zu jetten, kommen wir in der Bahn in den Genuss der Langsamkeit. Wir können die Länder viel intensiver kennenlernen. Wer weiß schon, wie sich die Landschaft vor den europäischen Hauptstädten verändert, wenn man dort nur mit dem Flieger landet und die berühmtesten Sehenswürdigkeiten in zwei Tagen abklappert?

Besser wenige als gar keine Tickets

Die kostenlosen Interrail-Tickets sind zwar knapp, nur wenige 18-Jährige pro EU-Land werden überhaupt in den Genuss kommen. Aber es ist ein guter Anfang. Noch lässt sich die EU die Option offen, in der zweiten Jahreshälfte noch einmal neue Tickets zu vergeben - je nach verfügbaren Mitteln und Rückmeldungen der Teilnehmer. Ursprünglich war sogar angedacht, alle 18-Jährigen in der EU mit einem kostenlosen Interrail-Ticket auszustatten. Dafür ist aber anscheinend nicht genug Geld da. Der Topf soll aber von aktuell zwölf Millionen Euro auf bis zu 700 Millionen Euro in den Jahren 2021 bis 2027 ausgebaut werden. Abwarten, ob die EU tatsächlich so viel Geld in die Hand nimmt, um den jungen Erwachsenen Europa zu zeigen.

Aus Sicht der EU-Politiker machen sich kostenlose Interrail-Tickets für alle 18-Jährigen auch sicher gut neben all den anderen bereits etablierten Förderungen für Studien- und Praktika-Austausche, die aber meist nur auf Akademiker zielen. Interrail hingegen ist für alle offen. Und auch wenn die Tickets ein großer Werbeblock für die Vielfalt Europas sind: Genau diese Vielfalt zu entdecken, ist für alle Europäer sinnvoll - nicht nur für die 18-Jährigen.

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