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Lügenpresse: Zu Recht "Unwort des Jahres"

Sarah Judith Hofmann13. Januar 2015

Vor 1914 kursierte es, Goebbels schrie es und Pegida schreibt es auf Plakate: das Wort "Lügenpresse". Dass es als "Unwort" verurteilt wird, ist wichtig, meint Sarah Hofmann. Erst recht nach den Anschlägen von Paris.

Symbolbild Pressefreiheit / Tag der Pressefreiheit
Bild: picture-alliance/dpa

"Da wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen". Diesen berühmten Satz schrieb Heinrich Heine 1821 in seiner Tragödie "Almansor". Wie wir wissen, sollte er Recht behalten. Die Nationalsozialisten warfen nach Hitlers Machtübernahme sämtliche Bücher von Juden und all jenen, deren kritischer Geist ihnen nicht passte, auf den Scheiterhaufen. Wenige Jahre später verbrannten sie Millionen Menschen.

Nach den Attentaten gegen die Macher von "Charlie Hebdo" kommt einem dieses Zitat erneut in den Sinn. Zuerst brannten Mohammed-Karikaturen, dann wurden Karikaturisten und Zeitungsmacher eiskalt ermordet. Am helllichten Tag, mitten in Paris. Ein Angriff, der auf bestimmte Personen zielte – und zugleich die gesamte Presse- und Meinungsfreiheit meinte.

Sarah Judith HofmannBild: DW/P.Henriksen


Pegida und Terroristen – vereint in der Verachtung der Presse

Da erscheint es wie tiefschwarzer Humor, dass in Deutschland zugleich ausgerechnet eine Gruppe, die sich "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" nennt, gegen die "Lügenpresse" wettert. Sie treiben die Angst vor radikalen Islamisten und "Überfremdung" (noch so ein Unwort aus NS-Zeit) auf die Straße – und merken dabei offenbar nicht, wie sie ähnlich rückwärtsgewandte Werte vertreten.

Sicher sollte man Terroristen und Pegida-Demonstranten nicht gleichsetzen, auf den Demonstrationen in Dresden und anderen deutschen Städten wurde niemand erschossen. Doch die Demonstranten sollten sich darüber klar sein, dass sie eine Rhetorik verwenden, die genau dorthin führt: zu Intoleranz, zu Hetze und letztlich zu Mord.

"Pegida"-Demo in Villingen-Schwenningen (12.01.2015)Bild: picture-alliance/dpa/M. Eich

Ein Begriff aus der NS-Zeit

Genau darauf weist die Jury zum "Unwort des Jahres" hin. "Lügenpresse" – das ist ein Wort, das vor allem zu den Nazis führt. Joseph Goebbels – der NSDAP-Experte in Sachen Propaganda – warf eigens in einer Rede von 1932 der "roten", also politisch linken "Lügenpresse" vor, einen "Verleumdungsfeldzug" gegen die Nationalsozialisten durchzuführen. Nicht die Nazis waren also die Aggressoren, nein, sie selbst waren die Opfer, die sich gegen Feinde im eigenen Land – und im Ausland – wehren mussten.

Derselben Logik war bereits das Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg gefolgt: Wir sind umzingelt von Feinden, uns bleibt keine andere Wahl, als uns zu verteidigen. Und jeder, der etwas anderes behauptet, der lügt. Auch in der DDR-Diktatur – wo sonst penibel darauf geachtet wurde, sich auch sprachlich von den Nationalsozialisten abzusetzen – war dann von der "kapitalistischen Lügenpresse" die Rede.

Bild: picture-alliance/dpa

Allein dieser Blick in die Geschichte entlarvt das Wort als Angriff auf die Demokratie. Denn was folgt aus dem Begriff "Lügenpresse"? Wohl doch, dass nur einer "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" sagt. Der Pluralismus einer Demokratie aber steht dieser "einen Wahrheit" entgegen.

Auch IS kämpft gegen die "Lügenpresse"

In Zeiten des Internet mag es schwer sein, ein alleiniges Sprachrohr zuzulassen, doch umso mehr ist der Kampf um die journalistische Deutungshoheit ausgebrochen. Selbst die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) läßt gekidnappte Journalisten aus Syrien und dem Irak berichten und spricht von der westlichen "Lügenpresse" – wenn auch vielleicht nicht in wörtlicher Übersetzung.

Es war ein starkes Zeichen, dass am Wochenende Millionen Menschen in Paris, in ganz Frankreich, in Berlin und vielen weiteren Städten weltweit für eine multikulturelle Gesellschaft, für Demokratie und Meinungsfreiheit auf die Straße gingen. Sie reckten Stifte und "Je suis Charlie"-Schilder in die Luft. Weil sie weiterhin ohne Angst ihre Meinung offen äußern wollen. Und weil sie bereit sind, auch Spott und Kritik der eigenen Positionen zu ertragen.

Das "Unwort" als Ansporn zur kritischen Berichterstattung

Doch wir sollten aufpassen, uns nicht selbst auf die Schulter zu klopfen und uns alle als "Charlie" zu rühmen, sondern uns als Medien durchaus auch fragen lassen, ob wir denn tatsächlich so kritisch und frei berichten. Das "Unwort 2014" sollte Ansporn sein für uns Journalistinnen und Journalisten, unsere Geschichten ernsthaft zu recherchieren (am besten vor Ort) – und nicht schnell mal Belege aus dem Internet zu übernehmen, weil der Text möglichst bald auf den Online-Seiten stehen soll.

Bild: imago/Ralph Peters

Charlie Hebdo stand und steht für eine oftmals radikale Sicht auf die Dinge. Vielleicht kann nicht jeder lachen, wenn morgen die neue Ausgabe der Satire-Zeitung aus Paris an den Kiosken ausliegt, aber er sollte dankbar sein, dass sie erscheint.

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