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Politik

Contra: Religion ist eine Waffe

16. April 2017

Gemeinsamer Glaube kann Menschen zusammenschweißen. Genau darin aber liegt auch eine Gefahr. Wer die Lesart einer Religion bestimmt, kann Frieden bringen oder ihn zerstören, meint Jan D. Walter.

Muslim beten Gebet Symbolbild
Bild: picture alliance/dpa

Die brennende Frage nach Existenz und Tod bringt Menschen seit alters her dazu, Antworten außerhalb der materiellen Welt zu suchen. Gottesglaube und Spiritualität sind höchst individuelle Wege zum inneren Frieden.

Wenn Glaube im gesellschaftlichen Kontext institutionalisiert und zur Religion wird, kommt ihm aber noch eine ganz andere Funktion zu: Sie stiftet eine gemeinsame Identität. Sie schweißt Menschengruppen zusammen, bewegt sie dazu, einander zu helfen. Im Streitfall helfen gemeinsame Moralvorstellungen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Auf diese Weise trägt Religion auch zum gesellschaftlichen Frieden bei. Dasselbe gilt allerdings für andere identitätsstiftende Elemente wie Kultur und familiäre oder ethnische Zugehörigkeit. Der soziale Zusammenhalt veranlasst die Mitglieder einer Gemeinschaft zu Kooperation und macht sie stark - sozial, wirtschaftlich und gegen Bedrohungen durch andere Gemeinschaften.

Religion und Kollektivismus

Der soziale Zusammenhalt birgt aber auch eine Gefahr: Nämlich, dass eine solche Gruppe von Individuen zum Kollektiv wird. Je stärker die gemeinsame Identität, desto größer ist diese Gefahr. Denn der Bruch mit der Gemeinschaft kann ein Individuum die Identität kosten. Dies stellt eine extrem Hohe psychologische Hürde dar. Das führt dazu, dass ein Mensch seine Wünsche und Bedürfnisse, aber auch seine Moral der des Kollektivs unterordnet, statt beide zu hinterfragen.

DW-Redakteur Jan D. Walter

Religionen bergen - wie totalitäre Ideologien - ein besonders großes Potenzial, solche Abhängigkeiten zu erzeugen. Denn sie halten extrem viele Antworten bereit. Das ist einfacher und für viele attraktiver als eine liberale Gesellschaft, in der der Zweifel das Maß der Erkenntnis bestimmt. Die Kehrseite ist: Wer dennoch zweifelt, wird schnell verstoßen. Wer aber dabei bleibt, kann irgendwann nicht mehr zweifeln, ohne sich selbst zu verraten.

In den meisten Religionen - und totalitären Ideologien - haben sich mit der Zeit gemäßigte Strömungen gebildet, in denen die Anhänger dann doch zweifeln durften und es auch taten. In der christlichen Welt nahm dieser Prozess vor ziemlich genau 500 Jahren Fahrt auf - und dauert an.

Der Zweck entscheidet

Worin die Gefahr all dessen besteht, liegt auf der Hand: Eine Gruppe von kritischen Individuen mag beeinflussbar sein. Menschen aber, die sich als Teil eines Kollektivs begreifen, sind steuerbar für jeden, der es schafft, seine Doktrin durchzusetzen. Für solche Anführer werden Religionen und Ideologien zu einer Waffe, mit der sie Massen in ihrem Sinne mobilisieren können.

Genau dies ist in der Menschheitsgeschichte ein ums andere Mal geschehen. Allzu oft hat dies Menschen das Leben, die Freiheit und den Frieden gekostet. In anderen Fällen hat die Religion sowohl Gläubigen als auch Nicht- und Andersgläubigen Leben, Freiheit und Frieden erhalten.

Mit Blick auf die Konsequenzen ist es müßig zu diskutieren, ob eine Religion für ein bestimmtes Unterfangen gebraucht oder missbraucht wurde. Klar ist: Die Religion ist eine Waffe, die dem einen oder dem anderen Zweck dienen kann.

Insofern ist es völlig richtig, die religiösen Autoritäten dazu aufzurufen, sich an Friedensprozessen zu beteiligen. Die Forderung lautet dann: Setzt die Waffe ein - gegen Krieg und für den Frieden.

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Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.