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Politik

Selbst Griechenland wird wehmütig

Jannis Papadimitriou
Jannis Papadimitriou
9. Oktober 2017

Den Griechen galt der Bundesfinanzminister stets als Symbolfigur einer verfehlten Sparpolitik. Nun tritt Wolfgang Schäuble nach achten Jahren im Amt ab - doch in Athen herrscht kaum Freude, meint Jannis Papadimitriou.

Wolfgang Schäuble war in den vergangenen Jahren häufig Thema griechischer KarikaturistenBild: Getty Images/AFP/L. Gouliamaki

Der Kommentar griechischer Regierungsvertreter nach jedem Treffen der Euro-Finanzminister seit 2015 klang fast stereotyp: "Gewisse konservative Kreise" in Europa wünschten sich, dass Hellas die gemeinsame Währung verlasse und wieder die Drachme einführe. Aber man werde selbstverständlich dagegen kämpfen, hieß es im Brustton der Überzeugung.

Doch wer gehörte eigentlich zu diesen "Kreisen", die immer wieder konspirativ angedeutet, aber nie näher definiert werden? Aus griechischer Sicht vor allem einer: Wolfgang Schäuble, langjähriger Finanzminister in Berlin und überzeugter Verfechter solider Haushaltspolitik.

Der Mann, der den Grexit vorschlug

Immer wieder erinnert die Athener Presse an ein Treffen zwischen Schäuble und seinem damaligen griechischen Amtskollegen Evangelos Venizelos im polnischen Wrocław im September 2011. Bei diesem Gespräch hat der Bundesfinanzminister in aller Offenheit den Austritt Griechenlands aus dem Euro im gegenseitigen Einvernehmen vorgeschlagen oder jedenfalls als eine realistische Option angesprochen und dazu auch einen Umsetzungsplan vorgelegt. Angeblich war Venizelos damals geradezu schockiert. Nicht nur weil das unerwünschte Tabuthema Grexit erneut auf den Tisch kam. Sondern vor allem deshalb, weil der Vorschlag aus Berlin bis ins Detail derart gut vorbereitet war, dass hinter dem Ganzen wohl nur eine Botschaft stecken konnte: "Wir meinen das ernst!" Spätestens seit diesem Vorstoß in Richtung Drachme gilt Schäuble den Griechen als die unheimliche Macht hinter der lauernden Gefahr eines potenziellen Grexit.

Jannis Papadimitriou ist Korrespondent der DW in Athen

Verkannt wird dabei, dass Schäuble in strategischen Dimensionen denkt und seine Vorschläge konkreten politischen Zielen dienen, die immerhin zu Ende gedacht sind - auch wenn vielleicht nicht jeder davon begeistert ist. Sinnvoll wäre, wenn aus Athen Gegenvorschläge zu Schäubles Ideen kämen und im Idealfall auch noch konkrete wirtschaftspolitische Konzepte. Dann könnte die griechische Regierung eine Debatte mitbestimmen, die ja ohnehin stattfindet - ob mit oder ohne Griechenland. Doch leider hat in Hellas die Personifizierung der Politik, jenseits von Sachthemen, eine lange und teils unrühmliche Tradition. Wie der Kranke an den Wunderheiler klammert sich der Wähler oft an vermeintliche Retter, die ihm das Blaue vom Himmel versprechen. Und er bestraft auch mal eine neu ins Amt gewählte Regierung, weil er ihr die Alleinverantwortung für die politische und internationale Großwetterlage zuschiebt.

Besonders gerne hält man im Ausland Ausschau nach Sündenböcken und Bösewichten, die angebliche Verschwörungen gegen Griechenland ausarbeiten. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, dass ein Finanzminister aus Berlin als Alleinschuldiger für die langjährige Finanzmisere des Landes herhalten muss.

Sorge vor einem liberalen Finanzminister

Nur Problemlösungen kommt man damit nicht näher. Oder vielleicht doch? Ob beim nächsten Finanzminister in Berlin alles besser wird? Bei seinem jüngsten Griechenland-Besuch wollte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem derartige Missverständnisse aus dem Weg räumen: "Wolfgang Schäuble ist nicht für oder gegen Griechenland, er glaubt an Europa" erklärte der Sozialdemokrat im Interview mit der Athener Zeitung "Kathimerini". Und er fügte unmissverständlich hinzu: "Deshalb legt er immer Wert darauf, dass wir Vereinbartes auch umsetzen." Mit Christian Lindner oder Hermann Otto Solms könnte in den nächsten Wochen ein Wirtschaftsliberaler das Amt in der Wilhelmstraße übernehmen, der diese Forderung noch viel deutlicher als Schäuble oder Dijsselbloem formuliert.

Selbst linksgerichtete Politiker in Hellas scheinen dies zu ahnen. Und lassen sich gelegentlich zu Äußerungen verleiten, die noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen wären. So etwa Stelios Kouloglou, ein EU-Parlamentarier der in Athen regierenden Linkspartei Syriza: "Vielleicht kommt der Zeitpunkt, an dem wir Schäuble vermissen werden", ließ der Mann schon vor der Bundestagswahl verlauten.

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