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Politik

Ende der Illusionen in Japan

Martin Fritz, Journalist in Tokio
Martin Fritz
19. November 2016

Japans konservative Regierung wollte Chinas Hegemoniestreben durch eine Vertiefung der Allianz mit den USA eindämmen. Dieses Kalkül geht mit einem Präsidenten Donald Trump nicht mehr auf, meint Martin Fritz.

Japans Premier Shinzo Abe hat den gewählten US-Präsidenten Donald Trump bereits in New York getroffenBild: picture-alliance/dpa/Cabinet Public Relations Office/Ho

Japaner lieben das Planen und Vorbereiten bis ins kleinste Detail und überlassen so wenig wie möglich dem Zufall. In diesem Sinne ist ein US-Präsident Donald Trump einer der größten anzunehmenden Unfälle in Japans Außen- und Sicherheitspolitik. Denn in keiner Weise war das Establishment in Tokio auf diesen Wahlausgang vorbereitet.

Trump hatte im Wahlkampf viele Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten in den Beziehungen zwischen Washington und Tokio in Frage gestellt - von den US-Truppen bis zum nuklearen Schutzschirm. Doch Tokio schwieg in der Erwartung des Siegs von Hillary Clinton. Nun reden sich die Ministerialbürokraten im Regierungsviertel Kasumigaseki in einem Akt der Selbstberuhigung ein, dass die anti-japanischen Ausfälle von Trump nur Rhetorik gewesen seien. Sachpolitische Zwänge würden ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen, sagen Berater der Regierung.

Japan - der Trittbrettfahrer

Das dürfte sich als Fehleinschätzung entpuppen. Das japanische Establishment sollte nicht vergessen, dass Trump seit Jahrzehnten Japan als Trittbrettfahrer der US-Außenpolitik und als Nutznießer des freien Zugangs zum großen US-Markt scharf kritisiert. Tatsächlich ist Japans Verteidigungsbudget mit nur einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes im internationalen Vergleich klein. Tatsächlich exportiert Toyota seine Luxuskarossen der Marke Lexus immer noch aus Japan nach Nordamerika. Mit seiner Sichtweise liegt Trump also gar nicht so daneben.

Martin Fritz lebt als freier Journalist in TokioBild: Privat

Präsident Barack Obama hatte den Schwerpunkt seiner Außenpolitik auf den Pazifik gelegt. Er gab den Japanern das gewünschte Versprechen, dass der militärische Bündnisfall auch für eine kleine japanische Inselgruppe gilt, die von China beansprucht wird. Im Vertrauen auf diese Zusage hat Japan die unbewohnten Eilande aktiv gegen chinesische Annäherungen abgeschirmt. Dabei riskierte man mehrmals eine militärische Eskalation.

Doch Trump wird keinen US-Soldaten im Kampf um ein paar japanische Felsen im Ostchinesischen Meer sterben lassen. Das Versprechen von Obama wird Trump kaum wiederholen. Er dürfte auch beim Handel mit China Tacheles reden. Das wird dann den Interessen vieler japanischer Unternehmen schaden, die China als verlängerte Werkbank benutzen.

Schluss mit der konfrontativen China-Politik

Die Strategie von Premierminister Shinzo Abe, das Hegemoniestreben der Chinesen in Asien mit Hilfe der USA einzudämmen, war von Anfang an vermessen. Chinas Wirtschaft und Macht werden noch weiter wachsen, während Japan schon aus demografischen Gründen den Zenit überschritten hat. Die Zukunft liegt im Miteinander von Japan und China - nicht im Gegeneinander.

Japan muss seine konfrontative China-Politik aufgeben. Das wird ein Schritt sein, den Tokio während einer Trump-Präsidentschaft kaum vermeiden kann. Dafür ist Abe jedoch der falsche Mann. Wie die Bürokraten in Kasumigaseki macht er sich Illusionen über Trump und spricht von Vertrauen. Das ist die wichtigste Währung in japanischen, nicht jedoch in amerikanischen Geschäftsbeziehungen.

Abes Gegenspieler und potenzieller Nachfolger Shigeru Ishiba brachte es auf den Punkt: Das Land Japan selbst werde (durch Trump) in Frage gestellt. Die Regierung in Tokio sollte die Zeichen der Zeit erkennen und sich politisch und militärisch freischwimmen - auch von den USA.

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