Kommt in Deutschland eine Altersgrenze für Social Media?
24. Juni 2026
Vor zwei Jahren merkte Leni, dass es zu viel war mit dem Handy. Als sie ihr Zimmer immer seltener verließ, um mit ihren Eltern zu reden, als sie am Wochenende manchmal gar nicht mehr rausging und als sie manchmal zehn Stunden pro Tag bei Tiktok und Youtube verbrachte.
Die heute 18-Jährige sagt der DW: "Ich habe gemerkt, dass ich die Schule sehr vernachlässigt habe und früher viel mehr gelernt hatte. Ich habe dann angefangen, meine Medienzeiten am Handy zu überprüfen, das Smartphone häufiger mal wegzulegen und Treffen mit Freunden nicht mehr abzusagen, nur um am Handy zu bleiben. Jetzt bin ich im Schnitt bei fünf Stunden Medienkonsum pro Tag."
Das, was Leni erzählt, dürfte so auf einen Großteil der Heranwachsenden in Deutschland zutreffen. Laut einer OECD-Studie kommen 15-Jährige hierzulande auf eine Bildschirmzeit von 48 Stunden wöchentlich - sieben Stunden pro Tag. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit unter 36 Nationen auf Rang Fünf, knapp hinter Polen und Estland. Laut einer DAK-Studie nutzen 1,5 Millionen junge Menschen in Deutschland soziale Medien in einem problematischen Ausmaß, fast jeder Vierte, 350.000 von ihnen gelten sogar als mediensüchtig.
Immer wieder wurden deshalb Forderungen nach einem Social Media-Verbot für Jugendliche laut - nach dem Vorbild von Australien, das als erstes Land weltweit seit einem halben Jahr Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren die Nutzung sozialer Medien verbietet. Auch Leni könnte sich grundsätzlich mit dieser Idee anfreunden. "Das würde Kinder und Jugendliche ein wenig mehr schützen. Ich merke selbst, dass da teilweise Sachen auf TikTok, Instagram und YouTube kommentiert werden, die gar nicht reguliert werden."
Expertenkommission: Plattformen stärker regulieren
Mit großer Spannung wurde daher erwartet, welche konkreten Maßnahmen die unabhängige Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" vorschlägt.
Nadine Schön ist Co-Vorsitzende der Expertenkommission, sie sagt der DW: "Wir sehen, wie die digitalen Medien unseren demokratischen Diskurs radikalisieren und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Wir sehen, dass Bildschirmzeiten zunehmen. Und wir sehen, dass Kinder und Jugendliche oft sogar unter Sucht leiden. Wir wollen die Plattformen stärker in den in die Verantwortung nehmen, damit sie Teilhabe ermöglichen und gleichzeitig mehr Schutz bieten, als das bisher der Fall ist, zum Beispiel bei der Alterskontrolle."
Die wichtigsten der 56 Handlungsempfehlungen: Plattformen und Anbieter sollen mehr in die Pflicht genommen werden, mit sichereren Grundeinstellungen für Minderjährige, altersgerechteren Angeboten und sowie klaren und leicht nutzbaren Möglichkeiten, problematische Inhalte zu melden. Die elterliche Verantwortung in der Digitalerziehung soll sogar per Gesetz verankert werden.
Schließlich fordert die Expertenkommission, dass in ganz Deutschland die Handynutzung in den Schulen bis einschließlich der siebten Klasse (etwa zwölf bis 13 Jahre) verboten werden soll.
CDU-Bundesbildungsministerin Karin Prien spricht sich deswegen für eine Altersgrenze aus, möglichst auf europäischer Ebene: "Für die eigenständige Nutzung sozialer Medien sehe ich grundsätzlich in dem Vorschlag einer gesetzlichen Altersgrenze von 13 Jahren den richtigen Weg." Sie fordert außerdem eine wirksame Altersüberprüfung und abgestufte Schutzvorkehrungen für Jugendliche bis 18 Jahren.
Falsche Kommunikation zwischen Eltern und Kindern
Auch Florian Buschmann befürwortet ein Medienverbot unter 13 Jahren. Er war als Jugendlicher selbst ganz tief in die Computerspielwelt eingetaucht. Zu tief, bis zu 16 Stunden am Tag spielte er den Online-Ego-Shooter "Warface". Er war, wie er heute sagt, "Gefangener dieser virtuellen Welt".
Nach einem Schüleraustausch in Rumänien mit Lagerfeuer, Klettern und Spielen mit Hunden machte es Klick, dass es höchste Zeit war, endlich von seiner Mediensucht loszukommen.
Buschmann schrieb mit "Ade Avatar" einen Leitfaden für Kinder und Jugendliche, damit sie es nachtun und sich gleichfalls aus der digitalen Abhängigkeit befreien. Mit seiner Initiative "Offline Helden" besucht er mit seinem Team Tag für Tag Schulen quer durch ganz Deutschland. 534 Veranstaltungen waren es bereits in diesem Jahr. Die Woche moderierte er zudem eine Großveranstaltung für 1300 besorgte Eltern.
"Viele wissen gar nicht, wie sie mit ihrem Kind in dieser Situation richtig kommunizieren sollen. Weil sie nur das Gerät und das Verhalten betrachten, aber nicht das Bedürfnis und den Menschen dahinter, und das Kind deswegen abblockt", sagt er der DW. Gleichzeitig sei es wichtig, dass die Eltern klare Regelungen bezüglich der Mediennutzung setzen.
Nächste Herausforderung mit KI wartet schon
Auf seiner Homepage können Betroffene Selbsttests durchführen: Dreht sich bei mir alles darum, so schnell wie möglich an den Computer zu kommen, um zu spielen? Bin ich pornosüchtig? Habe ich noch die Macht über mein Handy oder steuert nicht schon längst das Handy komplett meinen Alltag?
Was Florian Buschmann besorgt: dass die nächste Welle schon längst auf die jungen Menschen zurollt.
"Viele politische Ideen, kommen viel zu spät. Wir rennen jetzt gerade Social Media hinterher, sind aber schon dabei, in das nächste Thema mit Künstlicher Intelligenz und Deepfakes hineinzuschlittern. Und das ist schon wieder so ein Ding, wo man sich fragen muss: 'Wie lange hat es gedauert, dass wir handlungsfähig sind und wirklich etwas tun?‘"
Immer mehr Pornosucht und Verschuldung im Internet
Auch Andreas Pauly kämpft jeden Tag gegen die Mediensucht von Kindern und Jugendlichen an. Der Sozialpädagoge ist Geschäftsführer des Vereins "Mediensuchprävention NRW e.V." in Köln. Gerade ist er dabei, neue "Net-Piloten" auszubilden: Jugendliche, die ihre gleichaltrigen Freunde und Mitschüler über einen verantwortungsvollen Umgang und die Gefahren der digitalen Medien aufklären.
Pauly sagt der DW: "Wir beobachten, dass zwei neue Phänomene zunehmen: Zum einen die Pornosucht, zum anderen der unkontrollierte Konsum, was also das Kaufverhalten angeht. Jugendliche haben schon mit 17 Jahren teilweise 10.000 Euro Schulden. Auch weil Bezahl-Plattformen wie PayPal keine Rücksicht nehmen."
"Reale Welt wieder schöner machen"
Die 18-jährige Leni ist jetzt bei "Mediensuchtprävention NRW e.V. als Honorarkraft angestellt - laut Pauly zeige die Erfahrung, dass die sogenannten "Peer-Multiplikatoren" einen besseren Draht zu Kindern und Jugendlichen haben, die mediensüchtig sind oder geradewegs darauf zusteuern.
Die aktuelle Kampagne heißt "One day off": Am Aktionstag 7. Juli ist die Challenge, 24 Stunden freiwillig auf das Handy zu verzichten. Andreas Paulys Appell:
"Wir machen jedes Jahr eine Surffreizeit, wo die Kinder immer nach vier Tagen sagen: 'Das ist total cool ohne Medien, viel stressfreier, ich kann mich wieder in echt mit Personen unterhalten.' Wir brauchen also mehr Erlebnisräume mit den Jugendlichen. Eine Kollegin sagte neulich, dass wir die reale Welt wieder schöner machen müssen, damit sie nicht in die virtuelle Welt flüchten."