Biophobie: Wenn die Natur Angst macht
17. Februar 2026
Naturerfahrungen gelten allgemein als Balsam für die menschliche Seele. Für die Liebe von Menschen zur Natur gibt es sogar einen eigenen Begriff: Biophilie. Die Idee stammt aus der Evolutionspsychologie und besagt, dass sich Menschen zu Naturräumen hingezogen fühlen, die ihnen im Lauf der Evolution gute Überlebenschancen boten.
Das Gegenstück dazu ist die Biophobie, also die Angst vor der Natur. Beispiele dafür sind etwa die Angst vor großen Raubtieren oder Phobien vor Spinnen oder Schlangen, also Tieren, die möglicherweise giftig sind.
Doch immer häufiger beobachten Forschende eine Form von Naturangst, die weit über solche konkreten und ursprünglich lebenserhaltenden Ängste hinausgeht. Zu diesem Schluss kommt eine Übersichtsstudieder Universität Lund in Schweden. Dabei wertete ein Forschungsteam insgesamt 196 Studien aus verschiedenen Fachrichtungen aus, die sich alle mit dem Verhältnis von Mensch zur Natur beschäftigen.
Das Ergebnis: Die Beziehung von uns Menschen zur Natur scheint sich stark zu verschlechtern.
Wir haben den Alltags-Kontakt zur Natur verloren
Der Hauptgrund für diese Verschlechterung liegt laut den meisten Studien darin, dass immer mehr Menschen immer weniger Kontakt zur Natur haben, berichtet Johan Kjellberg Jensen von der Universität Lund, der die Überblicksstudie geleitet hat. Demnach gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen einer negativen Beziehung zur Natur und der Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städten wohnen.
"Heute lebt der Großteil der Weltbevölkerung in Städten, was bedeutet, dass zukünftige Generationen einem erhöhten Risiko für Biophobie ausgesetzt sein könnten", sagt Umwelt- und Klimawissenschaftler Jensen der DW.
Die Wissenschaft beobachte bereits seit Ende der 1970er Jahren eine Entfremdung der Menschen von der Natur, sagt auch der Berliner Psychologe Dirk Stemper, der sich unter anderem mit den Themen Angstbewältigung und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt. Dies gilt vor allem für die Industrienationen.
"Kinder wachsen zunehmend in hochversiegelten, naturfernen Umgebungen auf und verbringen ihre Zeit vor allem in Innenräumen und in digitalen Umgebungen. Hier fehlen die körperlich-sinnlichen Erfahrungen, wie Klettern, sich dreckig machen oder Tiere beobachten."
Doch genau diese Erfahrungen bauen eine Vertrautheit mit der Natur auf. Fehlen sie, fühlt sich Natur fremd an.
Was passiert, wenn uns die Natur fremd wird?
Was wir nicht kennen, das interessiert uns auch nicht. Und das kann in Zeiten von Klimawandel und Artenstreben ein echtes Problem werden.
"Die Bereitschaft, sich für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz stark zu machen ist größer, wenn wir uns als mit der Natur verbunden erleben", betont Lea Dohm. Die Psychologin ist Mitglied im Verein Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und beschäftigt sich mit den psychischen Folgen der ökologischen Krisen.
Im Umkehrschluss heißt ihre Aussage: Was uns nicht interessiert, das wollen wir auch nicht schützen.
Wenn Erde als Dreck gilt und Regenwürmer "ekelig" sind
Und diese Haltung geben wir beispielsweise auch als Eltern weiter. "Negative Einstellungen der Eltern zur Natur können die Beziehung ihrer Kinder beeinflussen - was zu einer Abwärtsspirale der Naturverbundenheit führen kann", sagt Studienleiter Jensen.
Wenn Kindern immer wieder Sätze hörten, wie "Pass auf die Zecken auf" oder "Fass das nicht an", erlebten sie die Natur als Gefahr, betont Psychologe Stemper.
Diese Erfahrung macht auch Umweltpädagogin Susanne Sigl. Sie arbeitet bei Querwaldein, einem gemeinnützigen Verein in Köln, der vor allem Kindern ein positives Verhältnis zur Natur vermitteln will.
"Wenn wir Kinder im Wald bitten, lange Äste zu suchen, dann fassen einige sie nur mit spitzen Fingern an, andere nehmen sogar ein Taschentuch und wieder andere bringen gar keine", erzählt die Pädagogin. Viele Kinder kämen gar nicht mehr auf die Idee, Kastanien oder Haselnüsse auch anzufassen, statt sie nur anzuschauen - und Regenwürmer oder harmlose Insekten wie kleine Käfer erst recht nicht, so Sigl.
Immer wieder erlebe sie, dass Eltern ihre Kinder völlig falsch gekleidet zu einem Waldausflug schickten: Oft nicht warm genug oder mit weißen Turnschuhen, die nicht dreckig werden sollen. "Erde wird meist nur als Dreck betrachtet - auch von den Kindern."
Naturentfremdung führt zu Angst und Feindseligkeit
Ist uns die Natur so fremd geworden ist, dass wir Angst vor ihr empfinden, kann diese Angst in Feindseligkeit umschlagen - auch dafür fand das Forschungsteam der Universität Lund Belege. Demnach zeigen Studien, dass biophobe Personen die Natur aktiv meiden und sich teilweise auch für die Tötung bestimmter Tiere wie Bären, Wölfe oder Haie stark machen.
Nicht nur äußere Faktoren, wie fehlender Kontakt zur Natur, beeinflusse unsere Haltung zu ihr, sagt Wissenschaftler Jensen, sondern auch innere Faktoren. Fühlten sich Menschen schwach oder krank, hätten sie mehr Angst, etwa vor Raubtieren, wie viele Studien zeigten.
Wie die Kultur unser Verhältnis zur Natur bestimmt
Das Verhältnis zur Natur wird ebenfalls stark durch unsere Kultur bestimmt. "Früher galt der Wald in Mitteleuropa als Ort der Gefahr, der wilden Tiere, des Verhungerns, der Räuber, der magischen Bedrohung", erinnert der Berliner Psychologe Dirk Stemper. Erst mit der kulturellen Bewegung der Romantik sei der Wald in Deutschland zu einer Sehnsuchtslandschaft geworden.
Typisch für die Zeit der Romantik (1795 bis 1848) war die Suche nach dem Magischen, dem Übernatürlichen und dem Wunderbaren - als Reaktion auf den damaligen rasanten technischen Fortschritt.
"Heute erleben wir gewissermaßen eine Rückkehr der Naturangst - allerdings nicht vor Räubern und wilden Tieren, sondern durch Entfremdung, Medienframes und digitale Ablenkung."
Untersuchungen der englischsprachigen Populärkultur belegten einen kulturellen Wandel weg von der Natur, berichtet auch Studienleiter Jensen. "Seit den 1950er Jahren nehmen die Bezüge zur Natur in Romanen, Liedtexten und Filmhandlungen stetig ab."
Und während die persönliche Naturerfahrung schwindet, präsentieren Medien oft ein negatives Bild von Natur, etwa durch Filme wie "Der weiße Hai", aber auch durch die Berichterstattung über Naturkatastrophen.
Gleichzeitig werde durch viele digitale Medien ein verzerrtes Bild von Natur dargestellt, sagt Dirk Stemper. Diese "Hyperrealität" lasse die Grenzen zwischen dem Original und der oft gefilterten Kopie verschwimmen.
Mit der Folge: "Dass virtuelle Naturerfahrungen wie Instagram-Feeds oder Computerspiele intensiver und "realer" wirken als die tatsächliche Begegnung mit Wald, Wiese oder Tieren."
Zu wenig Natur schadet unserer Gesundheit
Warum also in den echten Wald gehen, wenn der "ungefährliche" Wald auf Instagram doch viel schöner aussieht?
Weil er uns gut tut. "Wenn wir uns in der Natur aufhalten, fördert es unsere psychische Gesundheit - und viele Menschen fühlen sich häufig angespannt und belastet", sagt Psychologin Lea Dohm. "Studien belegen, dass Wald und Natur ADHS-Symptome mildern, Aufmerksamkeit und Konzentration verbessern, sensorische Probleme reduzieren und emotionale Regulation fördern", so Psychologe Stemper.
Weil biophobe Menschen die Natur aber meiden, verpassen sie all diese gesundheitlichen Vorteile. Was also tun?
Wie wir wieder mehr zur Natur finden
Wissen hilft - auch das zeigen viele Studien, sagt Forscher Jensen. Wenn man viele Pflanzen und Tiere kennt und die Funktionsweise der Natur versteht, könne man sie besser schätzen - "das Risiko für eine negative Beziehung sinkt." Und wenn die Angst vor Naturgefahren tatsächlich berechtigt sei, helfe es, Konflikte zu vermeiden, etwa durch den Schutz von Nutztieren vor Raubtieren.
"Wenn es hinter einer Angst keine reale Gefahr gibt, wird man sie am ehesten durch Konfrontation wieder los", sagt Dohm. Menschen könnten durchaus angeleitet werden, wieder schrittweise Kontakt mit der Natur aufzunehmen.
Bei Kindern funktioniere das am besten im selbstvergessenen Spiel, sagt Umweltpädagogin Sigl. "Wenn Kinder beim Fangen-Spiel im Wald hinfallen, sich hinter einem Baum verstecken oder in ein Gebüsch kauern, dann ist das Anfassen von Ästen danach meist kein Problem mehr."