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Kopf hoch!

Marcus Bösch10. Januar 2013

Sie sind überall. Sie sind allein, zu zweit oder in der Gruppe. Sie haben ein Smartphone in ihrer Hand und sie schauen gebannt darauf - weltversunken, vertieft in was auch immer. Einer hat das jetzt fotografiert.

Zwei Frauen simsen http://weneverlookup.tumblr.com/ Bilder stehen unter einer CC BY-NC-ND 3.0 Lizenz (Siehe hier: http://weneverlookup.tumblr.com/licence)
Kolumne DigitalitätenBild: CC BY-NC-ND 3.0/weneverlookup.tumblr.com/

Es gab eine Zeit, in der Telefone an der Wand hingen. Eine Zeit in der man kleine Glashäuser betrat, um sie zu benutzen. "Fasse dich kurz", oft ergänzt durch den Hinweis "Nimm Rücksicht auf Wartende", war eine Aufforderung, die in Deutschland bis in die 1990er Jahre in nahezu allen öffentlichen Fernsprechern angebracht war.

Wir schauen niemals hoch

Vorbei. Öffentliche Telefone sind nahezu ausgestorben. Wozu wären sie auch gut? Die Menschen haben Mobiltelefone. Damit telefonieren sie aber nicht. Sie starren nur auf den Bildschirm. Alle. Immer.

"Die Welt ist mobil geworden. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, haben rund um die Uhr Zugriff auf Informationen - egal wo wir hingehen und was wir gerade tun. Das hat unser Verhalten als Menschen grundlegend geändert. Wir schauen nicht mehr hoch." Das steht auf dem Blog "We never look up", den ein finnischer Wissenschaftler gestartet hat.

Mucksmäuschenstill

Auf der Seite sind schlichte schwarz-weiß Fotos von Menschen und ihren Mobiltelefonen versammelt. Sie sitzen im Cafe, gehen auf der Straße, lehnen an Wänden, schieben Kinderwagen - und starren dabei auf ein kleines Display.

Inspiriert habe ihn die tägliche Fahrt zur Arbeit: Menschen mit gesenktem Kopf in Bussen, im Zug und in der Straßenbahn, mucksmäuschenstill und zutiefst konzentriert, schreibt der anonyme Macher. Das halbe Internet fühlt sich in den letzten Tagen irgendwie von diesen Fotos ertappt. "We never look up" wird getwittert, gepostet, geshared und kommentiert. Was ist nur aus uns geworden, schreibt eine Larisa Brown auf ihrem Blog, in dem es eigentlich um Ufos und Verfolgungstheorien geht.

Bild: CC BY-NC-ND 3.0/weneverlookup.tumblr.com/

Was ist schöner

Rachel, eine Community Managerin aus Houston, Texas findet das jetzt nicht ganz so bedenklich. Sie rede eh die ganze Zeit mit ihrem Mann Eric, da sei es sehr entspannt einfach mal schweigend im Cafe nebeneinander auf dem Mobiltelefon herumzuwischen. Recht hat sie.

Denn was ist schöner und sinnvoller als mit Mobiltelefonen ausgestattet schweigend nebeneinander zu sitzen, so lange man dennoch miteinander kommuniziert, sich gegenseitig private Nachrichten schickt, gemeinsam heimlich über Anwesende lästert, Fotos schießt, veröffentlicht und dann mit Freunden, die ganz woanders sind, kommentiert?!

Wenn man gefundene Artikel, Meldungen oder Postings teilt, dann abschweift, hier und da Kram erledigt und nach einiger Zeit wie aus kurzer Trance aufschreckt, sich ansieht und beschließt gemeinsam zu gehen?

Bild: CC BY-NC-ND 3.0/weneverlookup.tumblr.com/

Das Wissen der Welt

Spannend an dem Fotoexperiment ist vor allem die Frage: Was machen alle diese Leute da gerade? Was schauen sie sich an? Mit wem kommunizieren sie? Was interessiert sie? Und mit wem teilen sie es? Um das zu wissen, muss man eigentlich nur Facebook, Instagram und Twitter benutzen. Muss sich einklinken in den neuen nicht enden wollenden Strom aus Informationen. Muss eintauchen, mitmachen und sich umsehen.

Warum sollte man sich hier kurzfassen? Warum sollte man hier Rücksicht auf Wartende nehmen? Wir müssen nicht mehr warten. Und wir müssen uns auch nicht mehr kurz fassen. Wir können rund um die Uhr, egal wo auf das Wissen der Welt zugreifen und mit Menschen rund um den Globus kommunizieren. Warum sollten wir da im Cafe, auf der Straße, in Bus, Bahn und im Zug drauf verzichten?

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

DW-Netzkolumnist Marcus BöschBild: DW/M.Bösch

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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