Krieg im Sudan: Gesundheitsversorgung im Exil
6. Februar 2026
Zahnärztin Shimaa Mahmoud setzt sich eine Gesichtsmaske auf. Bevor sie sich Plastikhandschuhe überzieht, dreht sie an ihrem Computer die Musik etwas lauter. Die sanften Klänge sind unterlegt mit Koran-Suren auf Arabisch. Dann öffnet die 29-Jährige die Tür zum Wartezimmer, um den nächsten Patienten hereinzubitten.
Ein älterer Mann mit einer geschwollenen Backe tritt ein und legt sich auf den Zahnarztstuhl. "Ich habe ein großes Problem mit meinen Zähnen", klagt Abdalla Ibrahim Mohammed. Der Sudanese berichtet, er sei seit 1990 mehrfach beim Zahnarzt gewesen, es seien ihm bereits viele Backenzähne gezogen worden. "Jetzt ist bei einem weiteren die Füllung herausgefallen, als ich versucht habe, zu essen", sagt er und zeigt auf einen seiner rechten hinteren Backenzähne. Doch als Flüchtling im Exil ohne Arbeit könne er sich die Behandlung nicht leisten. "Ich war schon in vielen Krankenhäusern. Aber hier ist es besser. Die Ärzte sind besser und ich bekomme die Behandlung kostenlos. Wenn ich meine Geschichte erzähle, ist das kein Problem."
Mahmouds Zahnarztpraxis liegt im Erdgeschoss der Alsalam-Klinik in Ugandas Hauptstadt Kampala: ein dreistöckiges Gebäude im Stadtviertel Kabalagala, wo sich vor allem Geflüchtete aus dem Sudan angesiedelt haben. Seit der Krieg im Sudan 2023 ausgebrochen ist, sind fast 100.000 Sudanesen und Sudanesinnen nach Uganda geflohen. Insgesamt beherbergt das Land derzeit zwei Millionen Flüchtlinge, mehr als irgendein anderes Land auf dem Kontinent. Die meisten Sudanesen und Sudanesinnen kommen zur Behandlung in die Alsalam-Klinik, in der über ein Dutzend Ärzte und Ärztinnen aus dem Sudan praktizieren.
Die Zahnärztin mit langen Locken rückt den Zahnarztstuhl zurecht. Darüber ist ein Flachbildmonitor befestigt - alles hochmodernes Gerät, wie man es in ugandischen Kliniken selten sieht. Mit einem Stift, an dessen Spitze eine Kamera sitzt, fährt Mahmoud das Gebiss des alten Mannes ab. "Wir müssen uns stets den Krieg vor Augen halten - dass posttraumatische Belastungsstörungen und andere psychische Störungen die Zähne belasten", sagt sie. Viele knirschten nachts mit den Zähnen als Folge von Stress und Trauma. "Das Zahnfleisch ist meist ungepflegt, und Betroffene trinken kein sauberes Trinkwasser mehr", erklärt die Zahnärztin.
"Wir demonstrierten für das Recht, Hosen zu tragen"
Mahmoud lächelt unter ihrer Gesichtsmaske hervor. Sie kennt das Problem, auch sie musste bei Ausbruch des Krieges Hals über Kopf fliehen und konnte nicht einmal ihre Zahnbürste einpacken. Trotz ihres jungen Alters hat Mahmoud schon viel erlebt. Als 2019 die Menschen in Sudans Hauptstadt Karthum auf die Straße gingen und das Ende des Regimes von Langzeitdiktator Omar al-Bashir forderten, war sie an vorderster Front mit dabei, berichtet sie. "Ich habe die meisten Aktivitäten an meiner Universität angeleitet und war bei den Protesten eine der Zivilistinnen, die für ihre Rechte demonstrierte", berichtet sie.
Sudans Ärzteverband ist bis heute die stärkste Kraft im sudanesischen Berufsverband (SPA), der 2019 die Revolution gegen Langzeitdiktator Omar al-Bashir angeführte hatte. Es waren vor allem Ärzte, die die sogenannten Widerstandskomitees mit ins Leben riefen und die Proteste in den Stadtvierteln organisierten, verwundete Demonstranten versorgten. Mahmoud war zu jener Zeit im letzten Studienjahr an der medizinischen Hochschule, die ans Militärkrankenhaus in Karthum angegliedert war. Sie habe sich vor allem für die Rechte von Frauen eingesetzt, sagt sie: "Es war in meinem Land damals noch verboten, als Frau Hosen zu tragen", sagt sie lachend und zeigt auf ihre ausgefranste Jeans, die sie sich damals gekauft hat, wie sie sagt, und die sie bis heute trägt: "Nach 2019 bekamen wir endlich das Recht, Hosen anzuziehen."
In diesem Moment steckt Doktor Assadig Ibrahim den Kopf durch die Tür. Der 42-Jährige ist Oberarzt und einer der drei Teilhaber, die ihre Ersparnisse aus dem Sudan herausgeschafft und in Uganda in die neue Klinik investiert haben. Mahmoud spricht mit ihm auf Arabisch. Dabei lacht sie sie fröhlich. Man merkt den beiden sofort an, dass sie befreundet sind.
Ibrahim stammt aus der sudanesischen Region Darfur. In al Faschir, der größten Stadt der Region, hatte er nach seinem Studium mit Kollegen eine eigene Klinik eröffnet. Mit Kriegsbeginn wurde sie von der RSF-Miliz geplündert und zerstört. Mit seiner Frau und der fünfjährigen Tochter floh Ibrahim über den Südsudan nach Uganda. Ibrahim hatte Glück: Ersparnisse, die bei einem Bruder in Kanada auf einem Konto lagen, ermöglichten ihm den Neuanfang.
"Als wir nach Uganda kamen, waren wir arbeitslos und fragten uns, warum wir hier nicht eine Klinik aufbauen können", berichtet er. Gemeinsam mit drei Partnern - allesamt Ärzte aus dem Sudan - investierte er in die Klinik in Kabalagala, die heruntergewirtschaftet war. Sie übernahmen das Management und kauften ganz neue und moderne Geräte.
"Wir trafen auf viele Sudanesen, die Schwierigkeiten hatten, mit den Ugandern zu kommunizieren, denn die Sudanesen sprechen nur Arabisch", sagt er und zeigt auf das volle Wartezimmer. Verschleierte Frauen mit Kindern sitzen dort neben alten Männern in Gewändern und Turbanen, auch einige Ugander und Uganderinnen sind darunter. Die Schilder in den Fluren sind auf Arabisch und Englisch. Ibrahims Vision: "Wir wollen den Spirit und die Rolle, die wir Ärzte in der Revolution in unserer Heimat gespielt haben, auch im Exil fortsetzen." Zwei Tage kostenfreie Behandlung für Kriegsflüchtlinge, drei Tage zahlende Patienten. Die Rechnung scheint aufzugehen: Längst hat die Klinik auch bei gutsituierten Ugandern einen Namen.