Kriege und Krisen: Mehr Geld für Waffen in Asien-Pazifik
31. Mai 2026
Verteidigungsminister, Militärangehörige und Sicherheitsexperten aus der ganzen Welt hatten auf dem dem Shangri-La Dialog (SLD) in Singapur die dynamischste Region des Planeten im Blick: Asien-Pazifik. Wie steht es um die Sicherheitspolitik dort? Das war Thema bei der Konferenz, die das Internationale Institut für Sicherheitsstudien aus London (IISS) seit 2002 jährlich ausrichtet.
Was sind diesmal die zentralen Erkenntnisse?
1. Die Sicherheitslage in Asien-Pazifik verschlechtert sich
Bereits eine Woche, bevor der Shangri-La Dialog 2026 in Singapur begann, erklärte Lawrence Wong, der Premierminister des Stadtstaats: "Die Realität in dieser veränderten Welt ist, dass es mehr Volatilität geben wird - wir werden von einem Sturm zum nächsten gehen."
Tatsächlich sind mehrere Konflikte in Asien-Pazifik zuletzt eskaliert. Im Mai 2025 der kurze Krieg zwischen Indien und Pakistan. Der Krieg zwischen Thailand und Kambodscha endete erst im Dezember 2025. Im Februar 2026 erreichten die immer wieder aufflammenden Scharmützel zwischen Pakistan und Afghanistan mit pakistanischen Luftangriffen eine neue Intensität. Der Bürgerkrieg in Myanmar dauert an. Nach wie vor kommt es im Südchinesischen Meer regelmäßig zu Zusammenstößen. Die Zukunft Taiwans - der Brennpunkt vieler Sicherheitsfragen der Region - ist weiter ungewiss.
Überragendes Thema aber war der Wettstreit zwischen den USA und China, dessen rasant wachsendes Militär die Kräfteverhältnisse in Asien-Pazifik verschiebt.
Evan A. Laksmana, IISS Senior Fellow for Southeast Asian Security and Defense, fasst im jährlichen Sicherheitsbericht des SLD zusammen: "Regionale Staaten - ganz gleich ob große, mittlere oder kleine - können sich diesem sich verschlechternden Sicherheitsumfeld nicht entziehen."
Der vietnamesische Präsident und Generalsekretär To Lam, der mit seiner Keynote die Konferenz am Freitagabend eröffnete, betonte, dass Konkurrenz zwischen Staaten natürlich sei, dass sie aber eingehegt werden müsse: "Das zentrale Prinzip besteht darin, Differenzen innerhalb eines rechtlichen Rahmens zu steuern und Wettbewerb begrenzt, verantwortungsvoll und vorhersehbar zu machen. Eine nachhaltige regionale Ordnung kann nicht auf ständiger Angst und gegenseitigem Misstrauen aufgebaut werden."
Er betonte zugleich, dass Entwicklung und Sicherheit eng miteinander verknüpft sind. "Für viele Länder ist Entwicklung keine nachrangige Option nach Sicherheit."
2. Die Aufrüstung beschleunigt sich weiter
Die Antwort auf die sich verschlechternde Sicherheitslage auf dem SLD lautet allerdings nicht zuerst Entwicklung, sondern vor allem Aufrüstung.
Die Rüstungsausgaben in Asien-Pazifik sind laut dem Stockholm International Institute for Peace Research (SIPRI) im Jahr 2025 bereits um 8,1 Prozent auf 681 Milliarden US-Dollar gestiegen.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth ist das nicht genug. Er sagte in seiner Rede am Samstag, dass die USA bald 1,5 Billionen US-Dollar für Rüstung ausgeben würden, und forderte alle asiatischen Verbündeten der USA dazu auf, mehr in die eigene Sicherheit zu investieren. "Ein günstiges Kräftegleichgewicht erfordert leistungsfähige Verbündete mit echter militärischer Stärke, echter industrieller Kapazität und echtem politischen Willen. Zu lange hat die Sicherheit dieser Region überproportional auf der militärischen Macht der USA beruht, während viele unserer Verbündeten und Partner ihre eigenen Verteidigungsfähigkeiten verkümmern ließen."
Dabei lobte er explizit Südkorea, die Philippinen, Australien, Singapur, Malaysia, Thailand, Vietnam und Indien, die im Gegensatz zu den Europäern verstanden hätten, dass Frieden nur durch Stärke gesichert werden könne.
Die deutsche Delegation blieb ob der Kritik aus den USA gelassen. Man stehe in engem und guten Austausch. Staatsminister für Verteidigung Nils Hilmer sagte, dass Asien ähnliche Probleme wie Europa habe, nämlich nicht genügend Kapazitäten. Seit einer Verfassungsänderung, die mehr Rüstungsausgaben ermöglicht, habe Deutschland zumindest genügend Geld. "Das ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass die Bundeswehr das Geld bekommt, das wir brauchen, und die wichtigste Aufgabe im Moment ist, die richtigen Rüstungsgüter zur richtigen Zeit in der richtigen Menge zu beschaffen."
Dass mehr Waffen nicht automatisch mehr Sicherheit und Frieden schaffen, spielte auf dem SLD allenfalls am Rand eine Rolle. Nur die Präsidentin des Internationalen Roten Kreuzes Mirjana Spoljaric merkte kritisch an: "Wo Waffen produziert werden, werden sie auch eingesetzt. Der massive Kauf von Waffen, die massive Produktion von Waffen und die massiven Investitionen in Verteidigung werden letztlich menschliche und materielle Verluste verursachen. Deshalb müssen wir diese Seite des Krieges von Anfang an mitbedenken, wenn wir Verteidigungsausgaben planen."
3. Taiwan lebt weiter in Ungewissheit
Bei seiner diesjährigen Rede erwähnte Kriegsminister Hegseth Taiwan mit keiner Silbe. Die de facto eigenständig regierte Republik China wird von der Volksrepublik China als "abtrünnige Provinz" gesehen. Peking schließt nicht aus, die "Wiedervereinigung" mit Gewalt zu erzwingen.
Bei seiner letzten Rede auf dem SLD im Jahr 2025 warnte Hegseth noch eindringlich vor dem "kommunistischen China", das möglicherweise kurz davor stehe, Taiwan anzugreifen - mit katastrophalen Folgen für die Welt.
Die Veränderung der Beziehungen zwischen den USA und China sind augenfällig. Sie waren zentrales Thema auf dem SLD, auch und insbesondere im Hinblick auf Taiwan. Präsident Donald Trump und Präsident Xi Jinping hatten sich Mitte Mai beim Staatsbesuch auf die von China vorgeschlagene Formel "konstruktive Beziehungen und strategische Stabilität" geeinigt. Hegseth benutzte in seiner Rede genau diese Formulierung, sprach von einem Equilibrium und erteilte hegemonialen Bestrebungen eine Absage: Die Region und die USA "teilen eine nüchterne Einschätzung des Sicherheitsumfelds und ein gemeinsames Verständnis, dass ein von einer einzelnen Hegemonialmacht dominierter Pazifik das regionale Kräftegleichgewicht stören und das Gleichgewicht untergraben würde, das wir alle zu bewahren suchen."
Der ehemalige chinesische Vizeaußenminister Cui Tiankai zeigt sich im Gespräch mit der DW auf dem SLD zufrieden: "Präsident Xi und Präsident Trump haben sich auf eine neue Vision für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen geeinigt, nämlich konstruktive strategische Stabilität. Jetzt ist das Wichtigste, dass beide Seiten zusammenarbeiten, um diese Vision in die Realität umzusetzen."
Das schließt aus Cui Tiankais Sicht die Lieferungen von Waffen an Taiwan aus. "Wir sind grundsätzlich gegen solche Waffenverkäufe - jederzeit und in jedem Umfang. Das ist ganz klar. Weitere Waffenlieferungen sind nicht konstruktiv. Sie würden die Stabilität untergraben."
Auf die Frage aus dem Publikum an Hegseth, ob die Waffenlieferungen im Wert von 14 Milliarden US-Dollar an Taiwan, die der US-Kongress beschlossen, die dann aber im Mai von Trump auf Eis gelegt wurden, noch folgen würden, sagte Hegseth, dass die Entscheidung beim US-Präsidenten liege.
4. USA bleiben unersetzlich, sind aber nicht allmächtig
Der Langzeitbeobachter und ehemalige Diplomat Bilahari Kausikan sieht im Gespräch mit der DW auf dem SLD grundsätzliche Tatsachen bestätigt: "Tatsache ist: Europa kann Russland ohne die USA im Rücken nicht abschrecken. Und Asien kann China ohne die USA im Rücken nicht ausbalancieren. Es gibt nur ein Amerika, und wir müssen mit ihm arbeiten." Und er fügte hinzu: "Auf dieser Grundlage können dann kleine und mittlere Staaten - die nie völlig handlungsunfähig sind - entsprechend ihrer Interessen in bestimmten Bereichen zusammenarbeiten."
Zurzeit entstehen dabei in Asien neue, vielschichtige Sicherheitskooperationen. So arbeitet Japan enger zusammen mit Australien, den Philippinen, Indien, Neuseeland, Singapur und anderen. Der IISS-Japanexperte Robert Ward sagte der DW: "Was Japan versucht, ist, Netzwerke gleichgesinnter Partner in der Region aufzubauen. Es ist eine riesige Region. Und kein Land kann das allein leisten, nicht einmal die USA, die weit weg sind." Und diese zusätzlichen Sicherheitsnetzwerke dienten auch dazu, den Preis für Chinas Ambitionen zu erhöhen, so Ward: "Ein weiterer Grund für diese ist, die strategische Komplexität für China zu schaffen."
Der philippinische Verteidigungsminister Gilberto Teodoro Jr. schlug in die gleiche Kerbe: "Die USA sind an unserer Seite, aber auch Japan, Australien, Neuseeland, Kanada und Frankreich stehen an unserer Seite. Es gibt zunehmend mehr Partner für Abschreckung. Das wird so weitergehen," glaubt der Verteidigungsminister.
Auch Deutschland baut seine Zusammenarbeit aus. Staatsminister Hilmer sagt: "Wir sprechen nicht nur über strategische Entwicklungen, sondern entwickeln auch gemeinsam Strategien, zum Beispiel mit Japan und Singapur." Er betonte, dass es um praktische, greifbare Sicherheitspolitik gehe. So habe Deutschland zuletzt am weltgrößten maritimen Militärmanöver RIMPAC im Pazifik teilgenommen und werde 2026 wieder dabei sein.