Kriminalität in Deutschland: Wie gefährlich ist es wirklich?
15. September 2025
Das "neue Deutschland" sei eine Schande, eine Farce, sagt Kurt Caz. In einem Video präsentiert der südafrikanisch-deutsche Reiseblogger das Frankfurter Bahnhofsviertel als neue deutsche Normalität: "komplett in der Hand von Kriminalität, illegalen Migranten und Drogen."
Drogensüchtige liegen am Straßenrand, ein mutmaßlicher Dealer bedroht den Filmemacher, eine Frau wirft mit einer Flasche: Mehr als sechs Millionen Views bringt das, gepaart mit fremdenfeindlichen Sprüchen auf Youtube, mehr als zehn Millionen auf Tiktok. Ähnliche Videos über Kriminalität in Deutschland gibt es zuhauf. Sie scheinen einen Nerv zu treffen. Doch bilden sie auch die Realität ab?
Gefahr droht eher in der Stadt als auf dem Land
Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main sei schon seit langer Zeit von Prostitution geprägt, sagt die Kriminologin Susanne Karstedt im DW-Videointerview. "Das hat Gewalt- und Drogenkriminalität nach sich gezogen." Es gebe solche vereinzelten Gebiete mit sehr hohen Kriminalitätsraten. Wie in vielen anderen Ländern auch ist die Kriminalität dabei in Städten höher als auf dem Land.
So zählt die Polizei etwa in Bremen, Berlin oder Frankfurt am Main besonders viele Straftaten. Verschiedene Studien führen das unter anderem darauf zurück, dass dort die soziale Ungleichheit größer ist als in ländlichen Gegenden. Doch insgesamt könne man Deutschland als "sehr sicheres Land" ansehen, sagt Karstedt. "Wie in anderen westeuropäischen Ländern auch ist die Kriminalität seit den 1980er und 1990er Jahren hier gesunken."
Ein Treiber dieses Rückgangs sei der technologische Fortschritt, sagt Karstedt. So ist ein Auto heute etwa weniger leicht zu knacken als früher.
Doch wie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich ab? Dazu sei es am besten, sich die Mordraten anzusehen, meint Karstedt, die lange in Hamburg gelebt hat und an an der australischen Griffith University lehrt und forscht. "Einige meiner Kollegen nennen die Mordrate den Goldstandard des internationalen Vergleichs. Denn es gibt Datenreihen, die sehr weit zurückreichen, etwa von den UN. Und sie ist ein guter Indikator für schwere Gewalttaten."
Deutschland liegt mit 0,91 vorsätzlichen Tötungen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2024 weltweit auf Platz 147 - es gibt unter den 193 UN-Mitgliedern also nur wenige Länder, in denen weniger Morde geschehen. Länder wie Südafrika und Ecuador haben Raten von mehr als 40 Morden pro 100.000 Einwohner. Die Vereinigten Staaten haben eine Rate von 5,76.
Noch vor 20 Jahren gab es mit 2,5 Tötungen pro 100.000 Einwohner deutlich mehr Mord und Totschlag in Deutschland als heute. Doch trotz des langfristigen Rückgangs hat Deutschland bei einigen Delikten zuletzt einen Anstieg erlebt – insbesondere bei Gewalttaten.
Karstedt verweist darauf, dass es meist junge Männer sind, die gewalttätig werden. Deshalb spiele auch Migration eine Rolle, sagt sie. "In vielen westeuropäischen Ländern gab es einen Anstieg der Gruppe junger Männer, die oft ohne ihre Familien gekommen sind und ohne soziale Kontrolle in diesen Ländern leben. Viele von ihnen sind zutiefst traumatisiert durch die Erfahrungen von Krieg." Diese Herausforderung müsse bewältigt werden, sagt sie. Mit gelungener Integration gingen auch Kriminalitätsraten zurück. Denn es seien Faktoren wie Arbeits- und Perspektivlosigkeit und nicht ein bestimmtes Herkunftsland, die Kriminalität begünstigen. "Wenn wir allgemein die Beziehung zwischen Migration und Kriminalität betrachten, stellen wir fest, dass Migranten seltener Straftaten begehen als die einheimische Bevölkerung."
Vieles bleibt im Dunkeln verborgen
Dies zeigt etwa eine Studie des Ifo-Instituts. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass neben Geschlecht und Alter vor allem der Wohnort eine Rolle spielt. Die Kriminologin Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei in Köln erläutert, dass es Migranten eher in Städte ziehe als aufs Land. "Und urbane Räume stehen viel stärker mit Kriminalität im Zusammenhang. Es ist also nicht das Migrationsmerkmal an sich, was Kriminalität erklärt." Das zeige sich auch in sogenannten Dunkelfeldstudien, die nicht auf polizeilichen Daten, sondern auf Befragungen beruhen. "Das ist gut untersucht im Bereich Jugendkriminalität, und da sieht man ganz klar: Die Ursachen für Gewalt sind genau die gleichen zwischen deutschen und nicht-deutschen Jugendlichen. Aber die Risikofaktoren sind erhöht bei migrantischen Jugendlichen." Dazu gehörten etwa das Bildungsniveau, Gewalterfahrungen, zum Beispiel im Elternhaus, oder die Zustimmung zu sogenannten Gewalt-legitimierenden Männlichkeitsnormen. .
Daten über Kriminalität in Deutschland sammelt vor allem das Bundeskriminalamt. Jährlich veröffentlicht es die Polizeiliche Kriminalstatistik. In dieser tauchen jedoch nur Fälle auf, die der Polizei gemeldet wurden. Das sogenannte Dunkelfeld bleibt also unbeleuchtet. Das kann problematisch sein, wenn bestimmte Straftaten weniger zur Anzeige gebracht werden als andere. Oder wenn bestimmte Gruppen, etwa solche, die als fremd wahrgenommen werden, häufiger angezeigt werden als andere. Damit kann zum Beispiel häusliche Gewalt im Land unterschätzt werden.
Gewalt droht oft im eigenen Umfeld
Etwa, was sexuelle Gewalt angeht. "Da gibt es nicht viel Gewalt durch Fremde", sagt Karstedt. "Es passiert oft in engen Beziehungen. Zum Beispiel durch einen Onkel, Stiefvater, Lehrer oder Trainer. Es gab zwar Ereignisse wie die Silvesternacht 2015 in Köln, wo offensichtlich Fremde Menschen angegriffen haben, aber das ist sehr selten."
Karstedt selbst hat Deutschland vor 25 Jahren verlassen, zunächst in England gelebt und nun in Australien. Wie geht es ihr, wenn sie heute ihre deutsche Heimat besucht? In Hamburg habe sie sich schon immer sicher gefühlt, sagt sie. "Auch in der U-Bahn. Alles in allem ist Deutschland ein sicheres und freundliches Land." Und schränkt dann ein: sicher sei es, aber vielleicht nicht ganz so freundlich wie Australien.