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Kriminalität in Russland: Im Dienste des Staates

Mikhail Bushuev
25. Dezember 2023

Seit dem Angriff auf die Ukraine macht sich der russische Staat immer mehr von der organisierten Kriminalität abhängig. Ein neuer Forschungsbericht beleuchtet das durch den Krieg überschattete Problem.

Zentrum von Moskau: Bahnhof "Kijewskij", Foto aus dem Archiv.
Passanten im Zentrum von MoskauBild: ALEXANDER NEMENOV/AFP

Russlands Krieg gegen die Ukraine lässt in den Hintergrund rücken, was gerade im Land des Aggressors passiert. Dabei finden in der kriminellen russischen Unterwelt tektonische Veränderungen statt, wie Mark Galeotti sagt. Der 58-jährige Historiker ist Experte für russische Geheimdienste und organisierte Kriminalität.

Der russische Staat sei zunehmend auf die Dienste krimineller Netzwerke angewiesen, heißt es in seinem Forschungsbericht "Unruhige Zeiten: Die russische Unterwelt nach der Invasion Russlands in die Ukraine". Galeotti, Ehrenprofessor am University College in London, legte den Bericht jüngst für das Projekt "Globale Initiative Against Transnational Organized Crime" vor.

Russland drohen Verhältnisse wie im besetzten Donbass: Brutalität und Gesetzlosigkeit des Staates, sagt Mark Galeotti, Historiker und BuchautorBild: Photoshot/picture alliance

Bereits vor dem umfassenden Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine war die organisierte Kriminalität in Russland eng mit Banden in der Ukraine verbunden. Zusammen bildeten sie das größte kriminelle Syndikat in Europa, bis es durch den Krieg zerschlagen wurde. "Bis Februar 2022 bildeten russische und ukrainische kriminelle Gruppen das mächtigste kriminelle Ökosystem in Europa und kontrollierten eine lukrative Route für den Schmuggel zwischen Russland und Westeuropa", zitiert Galeotti aus einem anderen Bericht der "Global Initiative". Nach Kriegsbeginn schlossen sich führende Figuren der russischen Unterwelt der Privatarmee "Wagner" an.

Gewinner und Verlierer des Krieges

Der Krieg habe den gesamten Status quo und vor allem die Machtverhältnisse zwischen einzelnen Gruppierungen verschoben, schreibt Galeotti: "Hauptsächlich gewonnen haben Strukturen mit Verbindungen zu Weißrussland, Armenien und Zentralasien. Zu den Verlierern gehören große transnationale Netzwerke wie die Solnzewskaja- und Tambovskaja-Gruppen". Das sind die beiden wohl bekanntesten Mafiastrukturen in Russland; die erste stammt aus Moskau, die andere aus Sankt Petersburg.

Nun seien alternative Handels- und Schmuggelrouten wichtiger geworden; einige Länder im Nahen Osten, in Zentralasien und die Türkei stächen heraus, so Galeotti. "Vielleicht ist dies insgesamt kein guter Krieg für russische Gangster. Aber nicht für alle."

Ein Spürhund kontrolliert Waren am Hafen von RotterdamBild: Simon Wohlfahrt/AFP/Getty Images

Die Beziehungen zwischen dem Staat und der kriminellen Unterwelt in Russland basierten zynischerweise auf gegenseitiger Hilfe, erklärt Mark Galeotti. Zum Beispiel seien kriminelle Strukturen immer öfter in die Lieferung von Mikrochips und anderen für die russische Verteidigungsindustrie notwendigen Technologien involviert. In seinem Bericht zitiert Galeotti einen Mitarbeiter von Europol: "Wenn du hilfst, Mikrochips zu schmuggeln, kann der (russische Inlandsgeheimdienst) FSB ein Auge zudrücken, wenn es um deinen Drogenhandel oder Menschenhandel geht".

Mit anderen Worten: Was der Staat nicht selbst erledigen will oder kann, überlässt er der organisierten Kriminalität. Neben der Lieferung sanktionierter Waren handele es sich auch um einfache Spionage, um Morde oder die Einschüchterung von Feinden des Kremls, insbesondere im Ausland, sagt der Forscher: "Ich befürchte, dass es davon mehr geben wird, um Druck auf die russische Diaspora auszuüben."

Wie Kriminelle in Russland dem Staat noch nützlich sein können

Eine weitere Funktion der Kriminalität bestehe darin, als Hüter der "schwarzen Kassen" für Schattenausgaben des Staates zu dienen. Nach Beginn des Krieges und der Isolation Russlands durch Teile der Weltgemeinschaft wurde es für die russischen staatlichen Akteure "schwieriger, Operationen in Europa zu finanzieren", erklärt Galeotti. Die Grenzen zwischen der kriminellen Unterwelt und dem offiziellen Staat würden verschwimmen und an Bedeutung verlieren, je mehr der russische Staat auf die Dienste von Schattenakteuren zurückgreifen müsse.

Als Beispiele nennt er den "staatsgesteuerten" Export von ukrainischem Getreide aus den besetzten Gebieten oder den Vertrieb von Erdöl durch Tanker, die ihre Transponder ausschalten und so das westliche Embargo umgehen.

In Russland selbst wird es indes ungemütlicher

Gleichzeitig stellt Mark Galeotti fest, dass die Zahl der Verbrechen in Russland, insbesondere unter Anwendung von Gewalt drastisch zunimmt. Selbst die offizielle Statistik des russischen Innenministeriums weise eine Zunahme um 30 Prozent allein im Jahr 2022 aus. Womöglich ist selbst das noch nicht die ganze Wahrheit. 

Der Forscher verweist darauf, wie unglaubwürdig dieselbe Statistik an anderer Stelle erscheine, beispielsweise bei der überraschend niedrigen Kriminalitätsrate in Tschetschenien und weiteren Republiken des Nordkaukasus. Bezeichnend: Kürzlich entschied das Innenministerium, solche Statistiken nicht mehr publik zu machen. 

"Wenn Putin beschließen würde, gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen, hätte er immer noch die Ressourcen dafür", sagt Galeotti. Der russische Staat zeige aber kein derartiges Interesse. Gleichzeitig häufen sich in der russischen Gesellschaft Probleme im Zusammenhang mit der Kriminalität. So nimmt beispielsweise die Zahl der Kriegsveteranen zu, die dazu neigen, sich der kriminellen Welt anzuschließen.

Schließlich identifiziert Galeotti zwei Hauptrisiken, die seiner Meinung nach über Russland schweben: Erstens die "Donbassisierung". Mit diesem Begriff beschreibt er eine Gesetzlosigkeit und Skrupellosigkeit wie in den besetzen ukrainischen Gebieten. Und zweitens die "Nationalisierung der Kriminalität", also die Umwandlung Russlands in einen Mafiastaat.

Dabei hält Galeotti den Begriff "Mafiastaat" für ein journalistisches Klischee, weil dieser nicht die "gesamte Komplexität des Systems" in Russland erfasse. Er schlägt vor, das moderne Russland eher mit einer mittelalterlichen Monarchie zu vergleichen, in der rivalisierende Bojaren um die Gunst des Zaren buhlen und wo "der Gesetzestext viel weniger Wert hat als pragmatische Allianzen".

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