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Krise im Ehrenamt: Bürgermeister am Limit

3. März 2026

Zu wenig Geld, zu viel Bürokratie, zu viele Bedrohungen: In Deutschland stemmen ehrenamtliche Bürgermeister einen schweren Job. Sie sind unverzichtbar für die Demokratie, fühlen sich aber zunehmend alleingelassen.

Auf einer bröckligen, asphaltierten Straße ist das kreisrund eingerahmte Symbol eines weißen Fahrrads aufgetragen. Darüber zeigt ein Pfeil die Fahrtrichtung an.
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister - ehrenamtliche wie hauptberufliche - müssen überall den Mangel verwalten Bild: Karl-Heinz Hick/JOKER/dpa/picture-alliance

Sie sind eine wichtige Stütze der Demokratie. Ohne ihr Engagement wären mehr als 6000 Gemeinden in Deutschland politisch mehr oder weniger handlungsunfähig. Ehrenamtliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sorgen in der dezentral strukturierten Bundesrepublik auf kommunaler Ebene dafür, dass der Laden läuft. Sie kümmern sich an vorderster Stelle zusammen mit Gemeinderäten und Verwaltungen um Straßen, Schulen, Kitas oder die Müllabfuhr. Kurz: um alles, was in Dörfern und kleineren Städten benötigt wird.   

Studie mit viel Schatten und wenig Licht   

Aber wie geht es diesen Menschen im kommunalen Ehrenamt angesichts knapper Kassen und zunehmender Spannungen innerhalb der Gesellschaft? Die gemeinnützige Körber-Stiftung wollte es genauer wissen und beauftragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa mit einer groß angelegten, repräsentativen Online-Befragung. Daran haben sich zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 gut 1700 Kommunalpolitikerinnen und -politiker aus zehn von 16 Bundesländern beteiligt. Die Ergebnisse sind überwiegend ernüchternd.    

Nur noch ein Drittel ist mit den Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort zufrieden, im Jahr 2024 war es noch die Hälfte. Stark zugenommen haben hingegen die von den Befragten wahrgenommenen demokratiefeindlichen Tendenzen in ihren Kommunen. Vor zwei Jahren waren es 17 Prozent, jetzt sind es 22.

"Die Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal"

Am meisten Sorgen machen sich die ehrenamtlichen, also lediglich mit einer kleinen Aufwandentschädigung bezahlten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wegen der prekären Finanzlage. Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) bewerten sie als schlecht oder sehr schlecht. 2024 waren es mit 62 Prozent deutlich weniger. Ein Lichtblick: Die Aufnahme von Geflüchteten betrachten nur noch 28 Prozent als eine der größten Herausforderungen. Diese Zahl hat sicher innerhalb von zwei Jahren mehr als halbiert    

Fazit der Körber-Stiftung: "Die Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal", sagt Sven Tetzlaff, der den Bereich Demokratie und Zusammenhalt leitet. "Wachsende Bürokratie und sinkende finanzielle Spielräume bedrohen die Stabilität unserer Gemeinden."

"Zunehmende Polarisierung setzt die Demokratie unter Druck"

Hinzu kommen gesellschaftliche Entwicklungen, die aus Sicht der ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ihre Arbeit erschweren oder gar gefährden. Das hat viel mit einer verrohenden Gesellschaft zu tun. 37 Prozent der Befragten geben an, dass sie persönlich oder Angehörige aufgrund ihres Amts beleidigt oder bedroht worden seien.

Bürgermeister in Deutschland: Leben mit Drohungen und Hass

05:43

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Zwar ist das ein leichter Rückgang um drei Prozentpunkte gegenüber 2024, aber nach Tetzlaffs Einschätzung bleibt die Situation insgesamt angespannt: "Zunehmende Polarisierung setzt die Demokratie unter Druck. Das kommunalpolitische Ehrenamt braucht mehr Unterstützung."

Aufgeben oder Weitermachen?

Sonst könnte es künftig noch schwieriger werden, genügend Menschen für Politik an der kommunalen Basis zu begeistern. Von denen, die bereits aktiv sind, haben schon 14 Prozent über einen Rückzug nachgedacht. Über 70 Prozent rechnen damit, dass ihre Kommune ein Nachwuchsproblem bekommen wird.

Diese Prognose hat aber auch mit anderen Dingen als dem persönlichen Sicherheitsgefühl zu tun. Die Hälfte der ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister investiert ihren Angaben zufolge wöchentlich mindestens 20 Stunden in ihr Amt - oft neben ihrer Berufstätigkeit. Für diesen Einsatz wünschen sich die allermeisten jedoch mehr Anerkennung vonseiten der jeweiligen Landesregierung.

Wenn immer weniger über Lokalpolitik geschrieben wird

In Deutschland gibt es immer weniger Zeitungen und auch große Blätter reduzieren oder schließen Lokalredaktionen Bild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Zugleich sind 92 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ihnen vertraut. Allerdings ist die Freude getrübt, weil in Deutschland immer mehr Lokalzeitungen verschwinden. Die Folge: Über die politische Arbeit in Gemeinden wird immer weniger berichtet. Zwei Drittel der ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sehen darin eine große oder sehr große Gefahr für die Demokratie vor Ort.

Was man dagegen tun kann, darüber haben sich rund 100 von ihnen auf einer Konferenz in Berlin Gedanken gemacht. Eingeladen hatte die Körber-Stiftung gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Ergebnisse des Treffens sollen in das bald beginnende Aktionsprogramm "Starkes Mandat" einfließen. Erklärtes Ziel ist es, ehrenamtlich geprägte Gemeinden und Verwaltungsspitzen in einem rauer werdenden gesellschaftlichen Klima zu unterstützen.

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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