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Kanzler Merz, die Kritik und die Kunst, Brücken zu bauen

24. Juni 2026

Findet der Bundeskanzler nicht die richtigen Worte? Was sagen Experten zur Unzufriedenheit der meisten Deutschen mit Friedrich Merz? Und wie könnte eine Wende gelingen?

Bundeskanzler Merz im dunklen Mantel spricht an einem kleinen Rednerpult auf einer reparierten Autobahn-Brücke
Angesichts verheerender Umfragewerte muss sich Friedrich Merz im übertragenen Sinne so warm anziehen, wie hier bei der Wiedereröffnung einer Autobahn-Brücke im vergangenen Dezember. Als Brückenbauer zu seinen Gegnern hat sich der Kanzler bislang nicht hervorgetan.Bild: Thilo Schmuelgen/REUTERS

"Die Werte sind dramatisch. Das kann man nicht anders sagen", betont Wahlforscher Stefan Merz von Infratest dimap. Denn Bundeskanzler Friedrich Merz hat einen Rekord aufgestellt: Nie zuvor hatte ein amtierender Regierungschef in Deutschland schlechtere persönliche Umfragewerte.

Vor wenigen Wochen unterbot der CDU-Chef auch die schlechtesten Werte seines SPD-Vorgängers Olaf Scholz aus der Schlussphase der Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Mit der Regierungsarbeit von Merz zeigte sich zuletzt kaum jeder sechste in Deutschland zufrieden.

Stefan Merz, Senior Direktor Wahlen bei Infratest dimap, sagt der DW, der Absturz sei viel schneller erfolgt als bei den Vorgängern. Gerade Angela Merkel habe lange "in einer anderen Liga gespielt". Im Vergleich zu ihr sei Merz "kein Menschenfänger".

Meinungsforscher: Merz will Reformkanzler sein, nicht Konsenskanzler

Aber auch das sagt Meinungsforscher Stefan Merz: Friedrich Merz habe wohl "gar nicht die Erwartung, dass er Zustimmungswerte von 60 oder 70 Prozent bekommt". Er wolle "Reformkanzler" und nicht "Konsenskanzler" sein. Stefan Merz erläutert vorsorglich, er sei weder verwandt noch verschwägert mit seinem Namensvetter im Kanzleramt.

Infratest dimap, eines der großen Meinungsforschungs-Institute in Deutschland, fragt nicht direkt nach Beliebtheitswerten. "Wie zufrieden sind Sie mit der politischen Arbeit von…", lautet die Frage. Friedrich Merz startete im Mai 2025 bei den Umfragen "schon sehr schwach", so der Wahlforscher. Zwei, drei Monate lang habe er zugelegt. Dann sei der Dauer-Koalitionsstreit mit der Debatte um die von den Unionsparteien verhinderte Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht richtig losgegangen.

Manchmal lächeln sie auch gemeinsam: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD)Bild: Yona Elsner/photothek.de/picture alliance

Stefan Merz nennt Konfliktthemen wie Migration, den Streit um die Rentenreform, die scharfe Kontroverse des Kanzlers mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). Aber er sagt auch: "Es geht nicht vorrangig um ihn persönlich. Es geht um das Gesamtbild der Bundesregierung." Das sei verheerend.

Rhetorik-Experte sieht bei Merz "gewisse Unprofessionalität"

Deutlich kritischer nimmt der Tübinger Hochschullehrer Olaf Kramer den Kanzler selbst in den Blick. Merz habe man früher "immer als sehr guten Redner wahrgenommen". Er würde sagen, dass Merz "gut argumentieren" kann.

Doch der Rhetorik-Professor spricht im DW-Interview von einer "gewissen Unprofessionalität", die sich immer mal wieder zeige. Da scheine der CDU-Politiker nicht zu reflektieren, "dass Äußerungen, die er aus der Position des Kanzlers tätigt, eine andere Relevanz haben und andere Folgen haben können als das, was er früher als Privatmann von sich geben konnte".

Kramer verweist auf die sogenannte "Stadtbild"-Äußerung des Bundeskanzlers. Im Oktober 2025 hatte Merz bei einer Pressekonferenz in Berlin "Probleme im Stadtbild" mit Abschiebungen und Migration in Zusammenhang gesetzt. Nach massiver Kritik konkretisierte er die Äußerung. Gemeint seien Migranten ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit, "die sich nicht an die in Deutschland geltenden Regeln halten". Diese bestimmten etwa an Bahnhöfen, in U-Bahnen, Parkanlagen oder ganzen Stadtteilen die Szenerie.

Olaf Kramer, Professor für Rhetorik an der Universität TübingenBild: Gerhard Kopatz

Kramer spricht von "so etwas wie einem Fischen im Trüben". Die Merz-Äußerung habe sich rhetorisch dadurch ausgezeichnet, "dass sie im Grunde gar nicht genau sagt, worum es geht". Diese Uneindeutigkeit erlaube Assoziationen, "wie sie die rechtsextremen Parteien dann gerne bedienen". Dabei nimmt der Kommunikationsexperte auch den Apparat hinter Merz in die Pflicht: Eine solche Kommunikation sollte "in einem professionell geführten Bundeskanzleramt nicht passieren". 

Die "Stadtbild"-Äußerung war nicht die einzige Aussage des Kanzlers, die auf breite Kritik stieß. Noch als Oppositionsführer hatte er Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte als "kleine Paschas" bezeichnet und über "Sozialtourismus" ukrainischer Flüchtlinge geklagt und sich damit dem Ton von Rechtspopulisten und Rechtsextremen angenähert. Als Kanzler verärgerte er durch einzelne Bemerkungen mal den brasilianischen, mal den US-amerikanischen Präsidenten.

Könnte der Kanzler trotzdem eine Wende schaffen? Die Stimmung sei sehr skeptisch, sagt Stefan Merz. Aber grundsätzlich hält er eine Wende für möglich - und verweist auf Gerhard Schröder, Kanzler von 1998 bis 2005. Der Sozialdemokrat sei 2002 mit persönlichen Zufriedenheitswerten um die 60 Prozent als Kanzler wiedergewählt worden, kurz danach sackte er auf Werte um die 25 Prozent ab. Am Ende seiner Amtszeit lag er wieder bei etwa 50 Prozent. Auch bei Kanzlerin Merkel habe die Statistik Kurvenverläufe gehabt.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 bei einem SPD-BundesparteitagBild: Thomas Koehler/photothek/picture alliance

"Die Legislaturperiode dauert noch lange. Da gibt es noch Spielraum", sagt Stefan Merz. Aber dazu müsse die Bundesregierung unter Kanzler Merz "effektiver und geräuschloser arbeiten und sie muss das Gefühl vermitteln: Es geht in die richtige Richtung."

Rhetoriker Kramer analysiert kritisch: "Wir kennen bei Merz eine rhetorisch knackige Ankündigungsrhetorik." So würden "starke Maßnahmen angekündigt", dann folgten aber nicht die entsprechenden politischen Handlungen. Dieses bisherige Auseinanderdriften nähmen die Menschen wahr. "Dieser Widerspruch zwischen den Worten und den Taten ist etwas, was das Vertrauen in einen Redner sehr nachhaltig schädigen kann."

Das gilt für Merz wie für seine Ministerinnen und Minister. Umso mehr, da die Koalition zügig die grundlegenden Reformvorschläge zur Rente umsetzen will, die eine Kommission erarbeitet hat. Es ist eine der großen Dauerbaustellen, eine neben anderen.

Ein Bundeskanzler braucht "versöhnende Rhetorik"

Doch Kramer mahnt einen weiteren Wandel an. "Wenn man Kanzler ist, ist man ja Kanzler der Deutschen und nicht mehr nur wie ein Oppositionsführer der Vertreter der eigenen Partei", betont er. 

Dieser Rollenwechsel von Merz müsse stattfinden. "Insofern ist es eben auch Aufgabe eines Kanzlers, eine versöhnende Rhetorik zu haben, die in der Lage ist, Brücken zu bauen."

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