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Politik

Hoffnung auf Frieden in der Südosttürkei

16. Mai 2017

In den letzten Jahren wurde der Alltag in Diyarbakır von Gewalt bestimmt. Langsam verfliegt der Pulverdampf. Die Kurden im Südosten der Türkei fordern einen Dialog, um dauerhaft Frieden zu schaffen.

Sur Bezirk in Diyarbakir
Im Stadtbezirk Sur in Diyarbakır fanden die meisten Kämpfe mit der PKK stattBild: DW/A. E. Duran

Diyarbakır im Südosten der Türkei wurde bei Kämpfen zwischen türkischen Sicherheitskräften und der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) weitgehend zerstört. Nach der Verhängung des Ausnahmezustands waren Festnahmen und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Trotz allem hoffen die Menschen in der Stadt, dass durch einen Dialog zwischen den Konfliktparteien der Frieden wieder hergestellt werden kann.

Die meisten Kämpfe fanden im Stadtbezirk Sur statt. Noch bis vor zwei Jahren war er eine wichtige Adresse für Handel und Tourismus in der Stadt, die als kulturelles Zentrum der in der Türkei lebenden Kurden gilt. Ungefähr eineinhalb Jahre lang bestimmten Bomben, Tod und Zerstörung das Leben in Diyarbakır. Heute nimmt die Stadt einen erneuten Aufschwung, der an die vergangenen Tage erinnert.

Die Menschen zieht es nach Sur

Immer noch stehen Polizisten Wache mit Maschinengewehren und Panzern an den Zufahrten zur Stadt und auf den Hauptstraßen. Gleichzeitig wurde aber die Ausgangssperre aufgehoben. Das Gelände rund um die stark beschädigte Süleyman-Moschee und das "Vierfüßige Minarett" ist in einen Park umgewandelt. Dort begegnen wir Hunderten von Menschen. Die, mit denen wir reden, erzählen, dass besonders am Wochenende der Park zum Bersten gefüllt ist. Die Besucher kommen teils aus Neugier, teils wegen ihren Erinnerungen.

Menschen in einem Cafe in DiyarbakırBild: DW/A. E. Duran

Etwa 50 Meter entfernt von den Straßen, in denen die ersten Gräben ausgehoben wurden, befindet sich auf dem sogenannten "Joghurt-Markt" ein kleiner Laden. 15 Monate lang war der Markt geschlossen, sagt uns sein Besitzer, der 25-jährige Ağıt Arı. Er habe große finanzielle Einbußen erlitten. Sowohl sein Haus als auch sein Geschäft seien bei den Kämpfen beschädigt worden. "Ich wurde in Sur geboren. 90 Prozent meiner Freunde haben die Stadt verlassen. Ich fühle mich einsam", erzählt er. "Nach allem, was geschehen ist, ist es uns bislang noch nicht gelungen, wieder auf die Beine zu kommen. Aber langsam scheint es vorwärts zu gehen", so Arı.

"Es entwickelt sich zum Guten”

Die Geschäfte auf der Gazi-Straße, dem Finanzzentrum von Diyarbakır, sind geöffnet. Mit jeder Minute füllt sich der Hof der Ulu-Moschee mit Menschen, die zum Gebet hierher kommen. Einer von ihnen ist Recep Öziç. Er besitzt einen Laden auf der Geschäftsstraße. "Nach der Ermordung von Tahir Elçi ist hier alles schlimmer geworden", sagt er. Tahir Elçi war der Chef der Rechtsanwaltskammer in Diyarbakır und einer der wichtigsten Kämpfer für die Menschenrechte. Am 28. November 2015 wurde er erschossen. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

"Ungefähr ein Jahr lang konnte niemand das Gebiet betreten, und alle mussten ihre Läden schließen", erzählt Öziç. Seit einem Monat ist es etwas ruhiger. Die Menschen gehen wieder auf die Straße. Durch den neu eröffneten Park bei der Süleyman-Moschee kommen Menschen aus allen Teilen von Diyarbakır nach Sur. "Wir haben weder unsere alte Arbeit noch unseren inneren Frieden, aber wir hoffen, dass sich alles zum Guten entwickelt", sagt Öziç. Alle hoffen, so sagt er, dass der Dialog zwischen den Konfliktparteien wieder in Gang kommt, um eine friedliche Atmosphäre ohne Kämpfe zu schaffen.

Esra Aksu: "Wir wollen diese Zeit vergessen"Bild: DW/A. E. Duran

Doch es gibt auch Viertel in Sur, die keinen Schaden erlitten haben. Eines davon ist das Ziya-Gökalp-Viertel. Hier steht das "Diyarbakır-Kultur-Haus", das besonders Schüler und Musiker gerne aufsuchen. Die Leiterin Esra Aksu teilt die Hoffnung der anderen. "Wir haben ein schlimmes Trauma erlebt", sagt sie. "Wir möchten diese Tage vergessen. Langsam bessert sich die Stimmung der Menschen in dem Viertel. Wir möchten nun alles hinter uns lassen."

Treffen in Diyarbakır

Die Hoffnung zeigt sich auch bei den Veranstaltungen, die seit 10 Tagen in der Stadt organisiert werden. Auf einem Arbeitswelt-Gipfel kamen zum ersten Mal Abgeordnete der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), der größten Oppositionspartei CHP und der nationalistischen Volkspartei MHP zusammen. Dass der Vorsitzende des türkischen Industriellenverbands TÜSIAD die Aufhebung des Ausnahmezustands und einen Waffenstillstand forderte, wirkte sich positiv auf die Stimmung aus.

Doch noch haben sich die Wolken des Pessimismus über Diyarbakır nicht vollständig verzogen. Nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD ist es in den ersten drei Monaten dieses Jahres zu 9.000 Rechtsverletzungen gekommen. Während des Ausnahmezustands wurden etliche Vereine und Nichtregierungsorganisationen in der Stadt geschlossen, so wie viele kurdischsprachige Fernseh- und Radiosender und Zeitschriften. Wir besuchen den stellvertretenden Leiter des IHD und Abteilungsleiter in Diyarbakır, Raci Bilici. "Wir sind noch weit von einer Normalisierung entfernt", sagt er, "sowohl in Diyarbakır als auch in der ganzen Region."

Dass die Militäroperationen im Stadtzentrum ein Ende genommen haben und die Menschen jetzt wieder auf die Straße gehen können, sei eine erfreuliche Entwicklung, doch längst nicht ausreichend. "So gut wie alle Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen werden verurteilt, jede kleinste Aktion wird verboten. Hier in der Region gibt es niemanden, der in Opposition zur Regierung steht und sich frei bewegen kann. Damit wieder Normalität einkehrt, müssen der Ausnahmezustand aufgehoben, die politischen Operationen gestoppt und die Meinungsfreiheit garantiert werden", so Bilici.

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