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PolitikUkraine

Wie Menschen in Kyjiw ohne Heizung und Strom leben

24. Januar 2026

Massive Stromausfälle, fehlende Wasser- und Wärmeversorgung infolge russischer Angriffe auf Energieanlagen haben Kyjiw in eine Notlage gebracht. Wie kommen die Menschen in der ukrainischen Hauptstadt durch den Winter?

Wohnhäuser in Kyjiw im Dunkeln während des Stromausfall nach russischen Angriffen auf Energie-Infrastruktur
Wohnhäuser in Kyjiw im Dunkeln nach russischen Angriffen auf Energie-InfrastrukturBild: Sergei Gapon/AFP/Getty Images

Die Menschen in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw leiden schon die dritte Woche unter den Folgen der massiven russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur. Verschärft wird die Situation durch anhaltenden strengen Frost im zweistelligen Minus-Bereich, der die Ukraine seit fast zwei Wochen erfasst hat. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko waren am 22. Januar noch immer rund 2600 Hochhäuser in der Hauptstadt ohne Heizung. 

Trotz der Gespräche an diesem Freitag und Samstag zwischen Russland, der Ukraine und den USA über einen möglichen Frieden erfolgten weitere schwere russischen Luftangriffe. Neben der Hauptstadt wurden auch andere Regionen stark beschossen. Es habe zivile Opfer sowie erneut schwere Schäden an der Infrastruktur zur Energieversorgung gegeben. Nach Angaben von Vizeregierungschef Olexij Kuleba ⁠waren in Kiew 800.000 Menschen ohne Strom.

Es ist nicht verwunderlich, dass unter diesen Umständen viele Menschen Kyjiw verlassen. Auch Anastasias Familie gehört dazu. "Weil wir keinen Strom, keine Heizung und kein Wasser hatten, sind wir - mein Mann, meine beiden Kinder und ich - in die Datscha meiner Eltern gezogen, und mein Vater kommt auch hierher", erzählt sie der DW. Die Datscha außerhalb der Stadt verfügt über einen Gasboiler, und im Garten kann man ​​einen Dieselgenerator anwerfen. "Dann haben wir Licht, Wasser und Wärme. Das Wasser holen wir aus einem Brunnen. Wenn der Generator läuft, haben wir Strom und die Pumpen arbeiten", sagt sie.

Menschen wärmen sich in Heiz-Zelten auf, die überall in Kyjiw aufgestellt sindBild: Danyil Bashakov/AP Photo/dpa/picture alliance

Anastasia hat als Kosmetikerin flexible Arbeitszeiten, die sich meist nach ihrer Kundschaft richten. Jetzt macht sie Urlaub. "Mein Mann ist von Beruf Energieingenieur und muss jeden Tag nach Kyjiw pendeln. Der Weg ist lang und beschwerlich, da die Autobahn vereist ist. Er braucht bis zu zwei Stunden zur Arbeit", sagt sie.

Hotels bieten ermäßigte Unterkünfte an

Auch die ukrainische Schriftstellerin und Übersetzerin Tamara Horicha Sernja hat mit ihren Kindern Kyjiw verlassen. "Ich sah den Facebook-Post einer Frau, die Menschen aus Kyjiw 50 Prozent Rabatt in ihrem Hotel in der Region Lwiw anbietet. Sie nimmt pro Tag etwa 900 Hrywnja (umgerechnet 18 Euro) für einen Erwachsenen mit drei Mahlzeiten. Schon am nächsten Tag haben wir unsere Sachen gepackt und sind losgefahren", sagt sie.

Laut Tamara Horicha Sernja ist auch das Hotel im Westen der Ukraine von Stromausfällen betroffen. Aber die Wasserversorgung funktioniere, Kamine und Öfen würden für Wärme sorgen. "Gestern sind 15 weitere Hotelgäste angekommen, die meisten davon aus Kyjiw. Es sind vor allem Frauen mit Kindern", erzählt die Schriftstellerin, die sehr froh ist, eine Unterkunft gefunden zu haben, denn in ihrem Haus in Kyjiw gibt es derzeit weder Wasser noch Heizung.

Schulen und Universitäten geschlossen

Die Winterferien der meisten Bildungseinrichtungen der Hauptstadt, mit Ausnahme der Kindergärten, wurden bis zum 1. Februar verlängert. Die Regierung hofft so, die eingesparte Energie auf Wohngebiete umverteilen zu können.

Derzeit im Dauereinsatz: Elektriker reparieren nahe Kyjiw einen StrommastBild: Dan Bashakov/AP Photo/dpa/picture alliance

Wie die DW feststellen konnte, sind die Hörsäle der Universitäten tatsächlich leer, die Wohnheime hingegen nicht ganz. "Die meisten Studenten sind nach Hause gefahren, da Ferien sind. Nur diejenigen, die in Kyjiw einen Job haben, sind noch da", sagt die Leiterin eines Wohnheims der Universität für Transportwesen, die namentlich nicht genannt werden möchte. Ihr zufolge ist die Stromversorgung problematisch. Wasser und Wärme gebe es aber wieder im Wohnheim. "Nach dem russischen Beschuss hatten wir 28 Stunden lang weder Strom noch Heizung. Die Temperatur sank aber nicht unter 10 Grad", erzählt sie.

Wie viele Menschen sind in Kyjiw?

Insgesamt haben nach den russischen Angriffen seit dem 9. Januar etwa 600.000 der 3,6 Millionen Einwohner Kyjiw verlassen. Das sagte Bürgermeister Vitali Klitschko in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Diese Zahl, so seine Pressestelle, basiere auf Daten zu genutzten Mobiltelefonen. Aktuell gebe es in Kyjiw 600.000 Handys weniger als üblich. "Manche haben den Rat befolgt und die Stadt verlassen, weil sie eine andere Bleibe außerhalb der Stadt haben, oder sie sind zu Freunden gefahren", erklärte die Stadtverwaltung gegenüber der Zeitung "Ukrajinska Prawda".

Ukraine: "Tun alles, damit die Menschen wieder Wärme haben"

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Die Militärverwaltung in der Stadt Kyjiw hingegen kann diese Zahl nicht bestätigen. "Wenn so viele Stromkunden weggefahren wären, dann wäre die Versorgungslage vermutlich nicht so kritisch", sagte die Sprecherin der Militärverwaltung Kateryna Pop im ukrainischen Fernsehen.

Ihr widerspricht jedoch Roman Nizowytsch, Forschungsdirektor des Thinktanks DiXi Group. "Der Stromverbrauch lässt sich tatsächlich als Messgröße heranziehen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das derzeit aussagekräftig ist, da die Stromversorgung sehr unregelmäßig ist", betont er im DW-Gespräch und fügt hinzu: "Sobald es Strom gibt, kommt es zu einem übermäßigen Verbrauch, weil die Menschen sofort Wäsche waschen und kochen."

Allein mit Baby durch den Winter

Unabhängig davon, wie viele Einwohner Kyjiw verlassen haben oder nicht, bleibt die Situation, was Wärme und Strom angeht, nach den russischen Angriffen schwierig.

Zu denjenigen, die versuchen, die Probleme zu meistern, ohne die Stadt zu verlassen, gehört Anja Syrotenko. Die junge Frau kommt aus dem von Russland besetzten Teil der Region Cherson und lebt heute in einem Kyjiwer Hochhaus. Sie kümmert sich allein um ihr drei Monate altes Baby, da ihr Mann zum Militärdienst eingezogen wurde. "Ich wohne im 15. Stock. Es gibt kaum Strom, und wenn es keinen gibt, gibt es auch kein Wasser", erzählt sie der DW.

Kochen auf einem Campingkocher anstelle eines ElektroherdesBild: Anja Syrotenko/Privat

Da ihr Herd ohne Strom auch nicht funktioniert, hat sie sich einen Campingkocher mit Gas gekauft. "Damit kann ich Eier braten und Wasser zum Waschen des Kindes erhitzen. Gut, dass das Baby gestillt wird", sagt sie und stellt mit Erleichterung fest, dass die Heizung in ihrem Wohnblock, mit Ausnahme des Tages des letzten russischen Großangriffs, bisher funktioniert hat.

Mit Bronchitis aus dem Kindergarten

Marta Semenjuk, die mit ihrem Mann in Kyjiw ein Kind großzieht, hat hingegen in ihrem Wohnblock seit Wochen keine funktionierende Heizung. Um sich irgendwie aufzuwärmen, schaltet die Familie einen Gasofen an. "Wenn es Strom gibt, stellen wir zusätzlich einen Ventilator auf, der die Wärme in der Wohnung verteilt", erzählt sie.

In den Kindergarten, der nicht zugemacht hat, möchte Marta Semenjuk ihr Kind vorerst nicht mehr bringen. "Letzte Woche lag die Temperatur dort nur bei 11 bis 13 Grad. Uns wurde versprochen, man werde einen Generator für eine zusätzliche Heizung anschalten. Also brachten wir die Kinder hin, aber niemand schaltete ihn ein. So hat sich die Kleine eine Bronchitis geholt", beklagt die Mutter und betont: "Dass ich mein Kind nicht in den Kindergarten bringen kann, erschwert mir den Alltag. Ich arbeite von zu Hause aus online, aber wegen der langen Stromausfälle wollte ich eigentlich ins Büro gehen, weil es dort einen Generator gibt und ich dann immer erreichbar wäre", erklärt sie.

Sorge um bedürftige Bürger

Angesichts der schwierigen Lage sorgen die Kyjiwer Behörden für warme Mahlzeiten für besonders schutzbedürftige Bürger, insbesondere Rentner und Menschen mit Behinderungen. Bürgermeister Vitali Klitschko teilte am 13. Januar mit, er habe die Stadtverwaltung und die staatlichen Verwaltungen in den Bezirken angewiesen, täglich eine warme Mahlzeit für die in den Bezirkszentren gemeldeten bedürftigen Einwohner bereitzustellen. "Es handelt sich dabei hauptsächlich um alleinstehende ältere Menschen", so Klitschko.

Freiwillige verteilen warme MahlzeitenBild: Danylo Antoniuk/AP Photo/dpa/picture alliance

Aber auch viele Freiwillige leisten Hilfe. "Wir bringen mit unseren Autos warme Mahlzeiten direkt zu Wohnungen, in denen Ältere und Behinderte leben. Wir stehen in Kontakt mit Hausverwaltern, die es in fast jedem Wohnblock gibt. Sie schauen, wer nicht mobil ist und geben diese Informationen an uns weiter. Außerdem helfen sie beim Verteilen der Mittagessen. Ich selbst liefere etwa 115 Mahlzeiten pro Woche aus", berichtet Mykola Djatschenko, Leiter einer Selbsthilfe-Organisation in einem Kyjiwer Stadtbezirk.

Bis zum Frühling keine Heizung?

Unterdessen bemühen sich ukrainische Energiearbeiter trotz schwieriger Wetterbedingungen immer wieder unter Einsatz ihres Lebens, die Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung der Menschen wiederherzustellen. Am 21. Januar kam nahe Kyjiw bei Reparaturen an einem angegriffenen Umspannwerk Oleksij Brecht, Vorstandsmitglied und Interimsleiter des Energieversorgungsunternehmens Ukrenergo, durch einen Stromschlag ums Leben.

Laut Roman Nizowytsch vom Forschungszentrum DiXi Group sind derzeit rund 20 Prozent der Wohnungen in der ukrainischen Hauptstadt ohne Heizung. "Es dauert seine Zeit, alle wieder anzuschließen. Das kann ein bis zwei Wochen dauern", sagt er. Nizowytsch zufolge tragen derzeit vor allem kleinere Heizkraftwerke die Hauptlast. "Selbst wenn die Wärmeversorgung wieder läuft, wird sie nicht volle Leistung erbringen können", erläutert er.

In Gebäuden, wo Rohre oder Heizkörper aufgrund gefrierenden Wassers geplatzt sind, wird es dem Experten zufolge wohl bis zum Frühjahr keine Heizung geben. Er befürchtet, dass in diesen Fällen die Heizungsanlagen ganzer Wohnblöcke komplett erneuert werden müssen.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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