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Politik

Labour im Aufschwung, Rückschlag für May

Samira Shackle
9. Juni 2017

Die britischen Konservativen bleiben stärkste Kraft, verloren aber durch den Aufschwung der Labour-Partei ihre absolute Mehrheit. Nach dem zweiten demokratischen Schock innerhalb eines Jahres fiel das Pfund dramatisch.

London Labour Führer Jeremy Corbyn  (Foto: Getty Images/C. Furlong)
Konnte das Ruder herumreißen: Labour-Führer Jeremy CorbynBild: Getty Images/C. Furlong

Als Premierministerin Theresa May im April spontan Neuwahlen ankündigte, sagten die Prognosen einen deutlichen Wahlsieg der konservativen Tories und einen vernichtenden Schlag für die Labour-Partei voraus. Nun ist genau der umgekehrte Fall eingetreten: Die Konservativen verloren ihre absolute Mehrheit im britischen Unterhaus, nachdem die Opposition eine dramatische Wende schaffte.

Nachdem fast alle Stimmen ausgezählt sind, erhält keine Partei die 326 Sitze im Parlament, die für eine absolute Mehrheit notwendig wären. May ist gedemütigt; nach der Wahl hat sie weniger Sitze als vorher. Nach den bisherigen Auszählungen sieht es so aus, dass die Konservativen 316 Sitze erhalten und damit 15 Plätze verloren haben. Die Labour-Partei gewinnt 33 Sitze hinzu und kommt nun auf 265. Die Schottische Nationalpartei erhält 35 Sitze, 19 weniger als zuvor. Das ergibt einen Stimmanteil von 44 Prozent für die Konservativen und 41 Prozent für die Labour-Partei.

"Kein Politiker will eine Wahl um ihrer selbst willen", sagte May, als sie die Wahlen Mitte April ankündigte. May glaubte, dass sie einen Vorteil aus dem internen Zwist der Labour-Partei ziehen und die katastrophalen Zustimmungswerte für den Partei-Vorsitzenden Jeremy Corbyn ausnutzen könnte, um ihre Position als Premierministerin für weitere fünf Jahre zu sichern. 

Verkalkuliert: Theresa May wollte sich eine komfortable Mehrheit sichern - doch das Gegenteil passierteBild: Getty Images/C. J. Ratcliffe

"Auch wenn Corbyn die Wahl verloren hat, ist er auf mehrfache Art und Weise der Sieger", sagt Matthew Cole, Geschichtsdozent an der Birmingham Universität, der Deutschen Welle. "Corbyn hat sich gegen seine innerparteilichen Gegner durchgesetzt. Leute wie Jess Phillips oder Jack Dromey, die ihn sehr kritisch gesehen haben, sagen jetzt, dass die Botschaft der Labour-Partei funktioniert. Einige geben offen zu, dass Corbyn ein hervorragender  Kämpfer sei, und dass sie Unrecht hatten."

"Mays persönliche Ambition"

Premierministerin May hatte argumentiert, sie bräuchte ein stärkeres Mandat, um gestärkt in die Brexit-Verhandlungen mit der Europäischen Union gehen zu können. Nun hat ihre Partei ihre einstige Mehrheit verloren. So stellt sich die Frage, ob die Konservativen überhaupt in der Lage sein werden, eine stabile Regierung zu bilden.

Mays Wahlplan geht nach hinten los

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"Wir haben nicht nur einen Haufen Steuergelder verschwendet, sondern auch einen Verwaltungsaufwand verursacht, der in etwas Produktiveres hätte fließen können, sowie zwei Monate Zeit vertan, in denen wir den Brexit hätten planen können. Wofür? Für Theresa Mays persönliche Ambition", sagt Zoe Evans, eine Wählerin in Brighton. "In zehn Tagen werden die Brexit-Verhandlungen starten und unsere Position ist deutlich geschwächt. Das hat May aus unserem Land gemacht und unsere Zukunft gefährdet."

Im Monat vor der Wahl sind die Mitglieder der Labour-Partei aktiv geworden und haben im großen Stil Wahlwerbung für die heiß umkämpften Sitze gemacht. "Das Ergebnis bedeutet, dass Mays Vision eines harten Brexits die Legitimität fehlt. Corbyn wird jetzt ernster genommen", sagt Kevin Porter, ein Labour-Mitglied aus London. "Wir brauchten diese Wahlen, um über den Brexit zu entscheiden und sicher zu gehen, dass diejenigen von uns, die eine Beziehung zu der EU erhalten möchten, auch repräsentiert werden."

Die nächsten Schritte

Gegenüber der BBC forderte die konservative Abgeordnete Anna Soubry am Freitagmorgen öffentlich den Rücktritt von Theresa May. Soubry hatte sich vor dem Brexit-Referendum im vergangenen Jahr gegen einen Ausstieg aus der EU ausgesprochen. Laut Medienberichten überlegt Außenminister Boris Johnson, Mays Führungsposten zu übernehmen. Corbyn wiederholte seine Forderung, May solle zurücktreten, um einer neuen Regierung den Weg freizumachen, die wirklich repräsentativ sei.

Obwohl Premierministerin May darauf besteht, ihr Amt nicht niederzulegen, haben die Konservativen eine historisch herbe Niederlage erlitten. Schon Premierminister David Cameron hatte sofort nach dem Ergebnis des Brexit-Referendums sein Amt niedergelegt. "Ich denke, die Frage ist nicht wann, sondern wie", sagte Matthew Cole. "Es gibt Kräfte innerhalb der Konservativen Partei, die jetzt sagen, es steht 50 zu 50, ob Theresa May den Tag überlebt oder nicht. Das ist ein Versagen der Führung."

Führer der Labour-Partei und der Liberaldemokraten äußerten, dass sie keine Koalition bilden wollen. Das bedeutet, dass eine Minderheitsregierung der Konservativen das wahrscheinlichste Ergebnis sein wird. Das würde jedoch eine Einigung mit der protestantischen nordirischen Partei DUP voraussetzen. Sollte keine stabile Regierung zustande kommen, könnte das Neuwahlen bedeuten.

"Ich weiß nicht, was als nächstes kommen wird. Aber, so wie es jetzt aussieht, sonne ich mich - wie viele andere Labour-Unterstützer - in dem Gefühl, dass auch wir etwas zu sagen haben", sagt Imran Qureshi aus Surrey. "Wir haben nicht die absolute Mehrheit erreicht, aber wir haben es trotz der harten Schlagzeilen gut gemacht, und es fühlt sich wie ein großer Sieg an."

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