Leben im totalen Chaos
13. Januar 2002
Zusammengeknüllte Wolldecken liegen auf dem Sofa, die Ablagepapiere auf dem Fußboden. Wäsche und Kissen türmen sich auf dem Schaukelstuhl. Janice Pinnow wischt erst einmal die Tischplatte ab. Die 36-Jährige aus Adendorf bei Lüneburg (Niedersachsen) wirkt gehetzt. "Ich mache zu viel. Ich steige nicht mehr durch", stöhnt die Frau mit den kurzen, wirren Haaren. Sie bekennt sich als "Messie". Seit zwei Jahren arbeitet Janice nicht nur an ihrem eigenen Problem mit dem Chaos, sondern hat als Beraterin des Fördervereins zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM) inzwischen 1700 Gespräche mit Betroffenen geführt.
Was ist eigentlich ein Messie?
Seit einigen Jahren gibt es diesen Namen für das Phänomen: Messie-Syndrom, von dem englischen Wort "mess" = Chaos. "Messies" nennt man demzufolge Menschen, die größte Probleme haben, ihren Alltag zu organisieren und infolgedessen im Chaos ertrinken. Der Begriff "Messie" kommt aus dem Englischen, das Wort "mess" steht für "Unordnung und Durcheinander". Der 1998 gegründete bundesweite Förderverein FEM schätzt, dass 15 Prozent der Bevölkerung unter der Chaos-Manie leiden – Tendenz ist steigend. Männer und Frauen seien gleichermaßen betroffen. Charakteristisch für das Verhalten von Messies ist es, alles Mögliche zu beginnen, es aber nicht zu Ende zu führen.
"Die Inkonstanz übertragen sie auf alle Lebensbereiche", sagt Günter Lurz, leitender Psychiater und Diplom-Psychologe am Niedersächsischen Landeskrankenhaus in Lüneburg. Dieses Verhalten könne auf eine Störung des Gehirns zurückzuführen sein oder zeigen, dass die Betroffenen mit unangenehmen Gefühlen, Unzufriedenheiten, Depressionen oder Zukunftsängsten nicht zurechtkommen.
Übermäßige Sammelleidenschaft
"Es war wahnsinnig", erinnert sich die Mutter von zwei vier und neun Jahre alten Söhnen. "Ich habe alles aufbewahrt, vom leeren Kugelschreiber bis zum kaputten Kinderspielzeug." Jedes Schnäppchen musste sie erstehen, bis die Wohnung regelrecht zugestopft war. "15 Scheren, fünf Nudelsiebe - und ich konnte nie das finden, was ich gerade brauchte", sagt Pinnow. "Obwohl ich mich bei der Hausarbeit bis zur Erschöpfung verausgabte, blieb das Chaos. Ich arbeitete völlig planlos und brachte nichts zu Ende."
Häufig habe ihr Mann nach Feierabend wichtige Dinge suchen müssen. Zahlungen blieben offen, weil sogar die Mahnungen irgendwo im häuslichen Chaos verschwanden. "Als eines Tages mein Portemonnaie mit Kreditkarten, mein Handy und das Mobilteil des Haustelefons gleichzeitig verschwunden waren, war das Maß voll", gesteht Pinnow. Sie besuchte einen Messie-Kongress und wurde aktiv für den Förderverein. Drei Selbsthilfegruppen mit insgesamt 50 Mitgliedern hat sie inzwischen gegründet.
Die Ursachen
Es gibt vielfältige mögliche Ursachen für ein Leben im Chaos. Messie-Sein kann mit der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen zusammenhängen genauso wie auf traumatische Lebenserfahrungen zurückzuführen sein. Häufig sind daher alleinstehende und alte Menschen von dem Phänomen betroffen, die in Erinnerung an Kriegs- und Notzeiten noch heute unter Verarmungsängsten leiden und deshalb wahllos alle möglichen Gegenstände horten. Aber auch mangelnde soziale Kontakte, der Verlust eines Partners oder des Arbeitsplatzes können Auslöser für das "Vermüllungs-Syndrom" sein. So gibt es nicht wenige jugendliche Messies. Und schließlich finden sich auch viele (alleinerziehende) Mütter unter den Messies, denen die Doppel- und Dreifachbelastung durch Hausarbeit, Kinder und Beruf über den Kopf gewachsen ist, bis sie schließlich vor den Anforderungen des Alltags kapituliert haben.
Messies leiden unter ihrer Erkrankung
Typische Messies sind häufig mit vielen verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigt. Nach außen hin oder am Arbeitsplatz fallen sie oft eher durch übermäßigen Perfektionismus auf – doch gerade dieser Anspruch führt vielfach dazu, dass sie ihre Arbeiten nicht zu Ende bringen. "Messies überfordern sich ständig selbst und wollen alles perfekt machen. Sie erkennen sich und ihre Leistungen nicht an", sagt Pinnow, die mittlerweile Psychologie studiert. "Sie schämen sich für ihr Chaos und lassen niemanden in ihre Wohnung." Messies fühlen sich ständig schuldig. Pinnow selbst ist mit Hilfe einer Kognitiven Verhaltenstherapie einen deutlichen Schritt weiter gekommen: "Ich habe ein besseres Selbstwertgefühl entwickelt und begriffen, dass Familie, Studium, Selbstständigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit zusammen nicht machbar sind." Wichtig sei es für sie gewesen zu erfahren, dass die Forschung ihre Probleme als psychische Störung belegt. "Denn viele Menschen halten uns einfach nur für faul", klagt Pinnow.