Legendäre Kriegerinnen: Die Geschichte der Amazonen
2. Juni 2026
Ihr Ruf bei den alten Griechen war nicht gerade der Beste: Die Amazonen galten als hartgesonnene und unerschrockene Kämpferinnen, die mit Pfeil und Bogen zu Pferde in die Schlacht zogen. Sie trugen Hosen, tätowierten sich und berauschten sich bei Orgien mit Drogen - so erzählte man es sich.
Kurzum: "Die Griechen waren regelrecht schockiert, denn im alten Griechenland hatten die Männer das Sagen", so die US-amerikanische Historikerin Adrienne Mayor gegenüber der DW. "Frauen wurden im Haus gehalten, webten und kümmerten sich um die Kinder."
Eine Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt waren, sei für die patriarchalische Gesellschaft schwer vorstellbar gewesen. Deswegen dichtete man den Amazonen auch gleich ein paar Grausamkeiten an: Sie würden Männer versklaven, männliche Kinder verstümmeln oder gar ermorden. Gleichzeitig waren die Griechen so fasziniert von ihnen, dass sie sie als Statuen, in Wandmalereien oder auf Vasen verewigten. Es gab sogar Amazonenpuppen für die Kinder.
Ein griechischer Held konnte seine Tapferkeit am besten bewiesen, wenn er eine mächtige Amazonenkönigin besiegte. So wie Theseus, König von Athen, der die Anführerin Hippolyta entführt und zur Frau genommen haben soll - eine Geschichte, die der englische Dramatiker William Shakespeare 2000 Jahre später in seinem "Sommernachtstraum" aufgriff. Oder Achilles, der Penthesilea im Kampf erschlagen haben soll. Allerdings verliebte er sich in sie, als er der Sterbenden den Helm vom Haupt nahm und bedauerte seine Tat. Es gibt viele Varianten dieser Geschichten - doch der Ausgang ist aus Sicht der männlichen Erzähler immer klar: Die Männer behalten am Ende die Oberhand.
Wahrheit oder Fiktion: Gab es die Amazonen wirklich?
Erstmals schriftlich erwähnte der griechische Dichter Homer die Amazonen in seinem Epos "Ilias" über den Trojanischen Krieg (ca. 8 Jhdt. v. Chr.), andere folgten. Lange war man sich nicht sicher, ob die Fantasie mit den Geschichtenerzählern der Antike durchgegangen war und die kriegerischen Frauen nicht aus dem Reich der Legenden stammten.
Doch dank jüngster spektakulärer archäologischer Funde in der Ukraine, Südrussland, Kasachstan und Zentralasien gebe es nun auch Belege dafür, dass es in dem Zeitraum und an den Orten, an denen die Griechen die mythischen Amazonen ansiedelten, tatsächlich Kriegerinnen gegeben habe, sagt Mayor. "Bislang wurden mehr als 300 Gräber von Frauen ausgegraben, die mit Pfeilen, Streitäxten und Schwertern bestattet wurden, einige mit Kampfverletzungen."
Vorbild für die Amazonen seien die berittenen Bogenschützinnen verschiedener Skythen-Stämme, die rund um das Schwarze Meer und in den Steppen Eurasiens lebten, führt Mayor aus. "Die Griechen lernten die skythischen Frauen kennen, als sie dort Kolonien gründeten. Diese Nomaden führten einen relativ egalitären Lebensstil, bei denen Frauen auch Führungsrollen übernahmen."
Woher der Name "Amazone" stammt, ist allerdings ungewiss. Vielleicht vom altpersischen "ha-mazon", was Kriegerin bedeutet", überlegt Mayor. Eine andere Möglichkeit ist, dass er vom tscherkessischen Wort "Amezane" für "Wald- oder Mondmutter" hergeleitet wurde.
Ein Historiker namens Hellanicus (5. Jahrhundert v. Chr.) versuchte, dem Lehnwort eine griechische Bedeutung aufzuzwingen und übersetzte es als "ohne Brust". Diese Behauptung schürte den weitverbreiteten Irrglauben, Amazonen würden sich die rechte Brust entfernten, weil Brüste das Spannen eines Bogens oder das Werfen eines Speers behinderten. Kompletter Unsinn, meint Mayor: "Diese bizarre Idee wurde sogar schon in der Antike kritisiert, und kein antiker Künstler hat jemals einbrüstige Amazonen dargestellt."
Lesbische "Männerhasserinnen", die kleine Jungen töten?
Die antiken Gelehrten strickten trotzdem weiter an wilden Geschichten über die Amazonen. So machte die Vorstellung die Runde, sie würden in ihrer reinen Frauengemeinschaft nur weibliche Kinder dulden und Jungen nach der Geburt aussetzen, verstümmeln oder gar töten.
Da drängt sich die Frage auf: Wie pflanzten sie sich fort, wenn Männer in ihren Reihen wirkllich verpönt waren? Laut Mayor berichten antike griechische Historiker wie Herodot und Strabo, dass sich Gruppen von Kriegerinnen mit anderen Stämmen trafen, zu denen auch Männer gehörten. "Man hatte Geschlechtsverkehr und trennte sich anschließend wieder."
Von Ermordung oder Verstümmlung ist in diesen Niederschriften allerdings keine Rede: "Wenn die Kriegerinnen Kinder bekamen, behielten sie die Mädchen und schickten die kleinen Jungen zurück zum Stamm des Vaters", so Mayor. Das machte sie in den Augen neuzeitlicher Forscher zu Rabenmüttern, die einfach ihre Babys weggaben. Tatsächlich sei das aber in der Antike ein weit verbreiteter Brauch unter den Nomadenvölkern gewesen: Wenn der eigene Sohn bei einem anderen Stamm aufwuchs, sicherte man für die Zukunft gute Beziehungen.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam dann die Behauptung auf, Amazonen seien lesbisch gewesen. Die russische Schriftstellerin Marina Zwetajewa hatte damals erklärt, Amazonen seien in der Antike ein Symbol für die lesbische Liebe gewesen; diese Vorstellung griffen andere Literaten und Historiker auf. Mayor widerspricht: "Die Griechen hatten keine Scheu vor Homosexualität, doch es gibt keine antiken Berichte darüber, dass die Amazonen lesbisch waren. Hätten sie das geglaubt, wäre das wohl irgendwo erwähnt worden."
Haben Amazonen die Hose erfunden?
Heute gehört die Hose ganz selbstverständlich zum Alltag. Im alten Griechenland allerdings trug man Gewänder aus großen, rechteckigen Stoffbahnen, die kunstvoll drapiert und mit Nadeln oder Gürteln zusammengehalten wurden. Die Erfindung der fremdartige "Hose" schrieben sie drei verschiedenen Kriegerköniginnen zu, so Mayor. Ob das stimme, sei nicht bewiesen, aber "sie waren definitiv Teil der Kernidentität mythischer und realer Kriegerinnen", sagt sie. "Eine äußerst praktische Kleidung für ein raues Leben zu Pferd in einem rauen Land und Klima. Hosen waren beim Reiten absolut notwendig, um Scheuerstellen zu vermeiden."
In antiken Kunstwerken tragen Amazonen Tuniken und Hosen oder Leggings aus Wolle oder Hanf. Nicht nur modisch waren sie damit ihrer Zeit voraus, sie schmückten sich auch mit Tätowierungen: "Aus skythischen Gräbern wurden natürlich mumifizierte Leichen von Männern und Frauen geborgen, die im Permafrost begraben waren und aus der Zeit von Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) stammen. Ihre Haut ist mit realen und fantastischen Tieren verziert, darunter Hirsche, Pferde, Tiger und Greifvögel", sagt Mayor. Für die Griechen war das ein weiteres Merkmal der unzivilisierten" Amazonen, galten Tattoos bei ihnen doch als Stigma, das man nur Strafgefangenen oder Sklaven stach.
Drogen am Lagerfeuer
Waren es Skythen oder Amazonen, die sich an Drogen berauschten? In Berichten des antiken Dichter Herodot ist nachzulesen: "Sie sitzen im Kreis um ein Feuer und werfen diese berauschende Pflanze auf die Glut. Während sie brennt, atmen die Menschen den Rauch ein und werden berauscht, so wie die Griechen vom Wein berauscht werden. Sie werfen immer wieder neues Material ins Feuer, werden noch berauschter und tanzen und singen johlend um das Feuer herum." Diese Pflanze, so Mayor, sei wohl Cannabis gewesen. "Archäologen haben Hanfverbrennungssets - kleine Holzkohle-Kohlenbecken, einige aus Gold, die verbrannte Hanfsamen enthielten - sowohl in Gräbern von Frauen als auch von Männern entdeckt."
Amazonen der Gegenwart
Starke und unabhängige Frauen hat es immer gegeben. Für Mayor tragen sie den "Geist der Amazonen" in sich. "Manchmal bleiben sie im Verborgenen, manchmal treten sie aus dem Schatten der Unterdrückung ins öffentliche Bewusstsein", sagt die Historikerin.
In der Populärkultur hat man Kriegerinnen in Filmen wie "Die Tribute von Panem"oder "Game of Thrones" verewigt. Im wahren Leben kämpften sie heute als Soldatinnen, so Mayor - unter anderem in der Ukraine, "der ursprünglichen Heimat der mythischen Amazonen".