1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Leonid Krawtschuk ist tot

Roman Goncharenko
10. Mai 2022

Er war sowjetischer Apparatschik und erster Präsident der postsowjetischen Ukraine. Leonid Krawtschuk machte vieles falsch und war doch ein Glücksfall für sein Land. Nun ist er mit 88 Jahren gestorben.

Ukraine Ex-Präsident Leonid Kravchuk (1992)
Leonid Krawtschuk bei einer Pressekonferenz im Jahr 1992Bild: AFP/dpa/picture-alliance

Jedes Land hat seine Nummer eins - einen Präsidenten, der ganz am Anfang stand. Für die Ukraine war es Leonid Krawtschuk. Der Zufall wollte es so, dass ausgerechnet ein für Ideologie und Propaganda zuständiger Apparatschik im ukrainischen Schicksalsjahr 1991 die zweitgrößte Sowjetrepublik in die Unabhängigkeit von Moskau führte. Krawtschuk trug dazu bei, dass das kommunistische Reich seit über 30 Jahren nicht mehr existiert. Nun ist er nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren gestorben, wie ukrainische Medien unter Berufung auf die Familie des Politikers berichteten.

"Ein Affe mit Atomwaffen"

Die Ukraine hat ihrem ersten Präsidenten viel zu verdanken, auch wenn sein Erbe im eigenen Land umstritten ist. Vor allem Krawtschuks Grundsatzentscheidung, Anfang der 1990er Jahre das von der Sowjetunion geerbte gewaltige Atomwaffenarsenal, damals das drittgrößte der Welt, aufzugeben, wurde ihm besonders nach der Krim-Annexion und nun, im Angesicht des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, als sein größter Fehler vorgeworfen. Zu Unrecht, denn die damals politisch und wirtschaftlich schwache Ukraine konnte dem Druck des Westens und Russlands kaum standhalten.

In einem DW-Interview beschrieb Krawtschuk sein Land als einen "Affen mit einer Granate". Die Verantwortung und die Kosten der Atomwaffen seien für Kiew zu groß gewesen und der rote Knopf in Moskau geblieben. Krawtschuk tat das Richtige. Natürlich hätte er bessere Sicherheitsgarantien aushandeln müssen, allerdings konnte sich damals keiner vorstellen, dass Russland einst Krieg gegen die Ukraine führen würde. 

Auch der traurige Ruf der Ukraine eines Champions der verpassten Chancen und Korruption hat seine Wurzeln in der Amtszeit von Krawtschuk. Die Kritik ist berechtigt. Krawtschuk machte Vieles falsch, allein die Pleite der Schwarzmeer-Reederei, mit hunderten in Odessa stationierten Kreuzfahrtschiffen, ist ein Schandfleck in seiner Biografie. Doch auch seine Verbindungen zu Oligarchen und sein umstrittener Einsatz für prorussische Kräfte nach seiner Amtszeit ändern nichts daran: Seine Präsidentschaft war in der Rückschau ein Glückfall für sein Land.

Krawtschuk 2019Bild: Olena Khudiakova/Ukrinform/IMAGO

Kommunistischer Chefideologe wechselt die Seite     

Der 1934 im damaligen Polen und der heutigen Westukraine als Bauernsohn geborene Krawtschuk machte Karriere in der Kommunistischen Partei. In den letzten Jahren der Sowjetunion stieg der einstige Propagandadozent in die obersten Zirkel der Macht auf - bis zum Politbüro, dem zentralen Machtorgan, der sowjetischen Ukraine. Er leitete die für Ideologie zuständige Abteilung.

Als das Schicksal der Sowjetunion nach dem gescheiterten Putsch gegen Präsident Michail Gorbatschow besiegelt wurde, war Krawtschuk Vorsitzender des ukrainischen Parlaments. Unter seiner Führung votierte es am 24. August 1991 für die Unabhängigkeit der Republik. Drei Monate später, am 1. Dezember 1991, wurde diese Entscheidung per Referendum bestätigt. Am gleichen Tag wurde Krawtschuk zum ersten Präsidenten gewählt und er unterzeichnete rund eine Woche später zusammen mit dem russischen Amtskollegen Boris Jelzin und dem belarussischen Parlamentschef Stanislaw Schuschkewitsch die Auflösung der UdSSR.

Klar war der machthungrige Jelzin damals die treibende Kraft, doch ohne die Ukraine wäre die Geschichte anders verlaufen. Krawtschuk war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er wirkte staatsmännisch, moderat und war eine Kompromissfigur, die sowohl Nationalisten in der Westukraine als auch russlandfreundlichen Kommunisten im Osten passte.

Einer, der sich nicht an die Macht klammerte

Krawtschuk navigierte die Ukraine durch schwierige Jahre. Das zweitgrößte Land Europas mit einer Bevölkerung von rund 52 Millionen musste alles neu lernen. Es gab keine Erfahrung als unabhängiger Staat. Der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und von der Parteidiktatur zur Demokratie gestaltete sich schmerzvoll, Millionen lebten in Armut. Der Einkaufswagen, ein Symbol der Entbehrungen jener Zeit, hieß im Volksmund "Krawtschutschka".

Doch die Ukraine überlebte, auch dank Krawtschuk. Bei allen Fehlern konnte der Präsident das Land politisch stabil halten und Frieden bewahren. Das war eine Leistung in einer Zeit, in der in den meisten anderen früheren Sowjetrepubliken Bürgerkriege tobten. Trotzdem drehte sich die Stimmung gegen ihn, es kam im Sommer 1994 zu vorgezogenen Wahlen, die Krawtschuk gegen seinen Ministerpräsidenten Leonid Kutschma verlor. Das war eine wichtige und neue Erfahrung: Ein friedlicher Machtwechsel, um den viele andere Ex-Sowjetrepubliken die Ukraine beneideten. Vielleicht war das Krawtschuks größter Verdienst, neben der Tatsache, dass die Ukraine als unabhängiger Staat überlebte. Es war keine Selbstverständlichkeit.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen