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Longevity: Gene bestimmen das Alter stärker als gedacht

29. Januar 2026

Wie alt wir werden, könnte zu mehr als fünfzig Prozent genetisch vorbestimmt sein, sagt eine neue Studie. Das klingt ernüchternd – und lässt uns trotzdem nicht hilflos zurück.

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Neue Zwillingsstudie: Gene sind der Startpunkt für unsere Lebenserwartung.Bild: Nicolas Lambert/dpa/picture alliance

Wer alt werden will, sollte fünfmal die Woche Sport machen, täglich Gemüse in allen Farben des Regenbogens essen und viele Freunde haben. So die bisher gängige Annahme. Nun zieht eine Studie, erschienen in der Fachzeitschrift Science, dieses Rezept in Zweifel. Ihr zufolge könnte unsere Lebenserwartung weniger von äußeren Faktoren abhängen, sondern vielmehr von unseren Genen – und zwar zu mehr als 50 Prozent.

Als "Welcome back to Earth"-Moment beschreibt der dänische Altersforscher Morten Scheibye-Knudsen ihren Effekt auf unser Verständnis des Alterns. Und fasst ihre Botschaft zusammen: "Wie alt wir werden hängt davon ab, wie alt unsere Eltern werden", so Scheibye-Knudsen, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. 

In letzter Zeit seien wir allzu sehr davon ausgegangen, dass wir unsere Lebenserwartung selbst in der Hand haben – durch Dinge, die wir tun oder nicht tun: Gemüse essen, Yoga machen, einen großen Freundeskreis pflegen (gut). Viel sitzen, Bauchfett sammeln (problematisch). Neben einer Fabrik wohnen oder Drogen zugeneigt sein (schlecht). Zu einem langen Leben, so dachte man, trägt vor allem bei, wie unsere Umwelt aussieht und wie wir unser Leben gestalten.

Den Einfluss der Gene auf unsere Lebenserwartung schätzten Studien auf rund zehn bis 25 Prozent – ziemlich wenig. So wenig, dass manch einer sich fragte, ob unsere Gene überhaupt Einfluss darauf haben, wie alt wir werden. "Wir haben uns ein wenig davor verschlossen, wie wichtig unsere Gene sind", sagt Scheibye-Knudsen. "Die Studie ist vielleicht keine Vollbremsung in diesem Denken. Aber doch eine starke Kurskorrektur."

Externe Todesursachen wurden bislang unterschätzt

Bei der Erforschung der Lebenserwartung schauen sich Wissenschaftler gerne Geschwisterkinder an, weil die mit genetisch ähnlichen Bedingungen ins Leben starten. Was Forscherinnen und Forscher dabei jedoch bislang vernachlässigt haben: Wenn ein Geschwisterkind aufgrund eines Ereignisses gestorben ist, das nichts mit seinen Genen zu tun hat – weil es beispielsweise einen Unfall hatte oder einer Infektionskrankheit erlegen ist.

Ignoriert man jedoch den Todesgrund von außen, hat man zwei Geschwisterkinder mit ähnlicher genetischer Ausstattung und komplett unterschiedlicher Lebensdauer. Der Effekt der Gene auf die Lebenserwartung wird dadurch fälschlicherweise unterschätzt.

Allerdings ist die Todesursache in den Geschwisterstudien oft unbekannt. Ihre Datensätze stammen teils aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Das Risiko, an externen Faktoren zu sterben, war damals rund zehnmal so hoch wie für Menschen, die hundert Jahre später geboren wurden, so die Vermutung der Forschenden.

In der nun veröffentlichten Studie haben die Wissenschaftler diesen Fehler mit Hilfe von Geschwisterkohorten aus Dänemark, Schweden und den USA und einer Prise Mathematik korrigiert. Zurück blieb in ihrer Rechnung ein genetischer Einfluss auf die Lebenserwartung von mehr als 50 Prozent.

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Für Ben Shenhar und seine Kollegen hatte die Forschung einen bitteren Beigeschmack. Im Juni 2025 wurde ihr Labor im israelischen Rehovot von einer iranischen Rakete zerstört. Mehrere Monate lang konnten die Wissenschaftler ihre Räumlichkeiten nicht nutzen. Dieses Ereignis, so Shenhar, habe für ihn das Verständnis von "extrinsischer Sterblichkeit" in ein anderes Licht gerückt.

Einschränkend muss man zu ihrer Studie sagen: Nicht immer ist die Lage so klar wie bei einem Autounfall. Manche Todesursachen erscheinen auf den ersten Blick als extern, werden aber von inneren Faktoren beeinflusst.

Infektionskrankheiten zum Beispiel haben erst einmal nichts mit unseren Genen zu tun. Wie unser Körper sie bekämpft, hingegen schon. "Hier wird’s schwammig", sagt der Altersforscher Scheibye-Knudsen. Für ihn ändert das jedoch nichts an der Grundaussage der Studie: Dass unsere Gene eine größere Rolle spielen als bislang gedacht.

Lebensstil bleibt entscheidend 

Was heißt das jetzt für all diejenigen, die sich Longevity-Supplements ins Müsli mixen, Blut der eigenen Kinder transfundieren oder über Organtransplantationen zur Lebensverlängerung nachdenken – alles real existierende Versuche, das eigene Leben zu verlängern? Erst einmal bringen sie das gleiche wie vorher: meistens nichts.

Wahrscheinlich starten wir alle mit einer gewissen Lebenserwartung. Wenn unsere Vorfahren eher 70 oder eher 90 Jahre alt wurden, erhöht das die Chance, dass wir in einer ähnlichen Liga landen, so Scheibye-Knudsen. "Aber der Lebensstil spielt trotzdem eine Rolle. Er kann die Lebensdauer um rund 20 Jahre beeinflussen – ganz egal, wie unsere Gene aussehen."

Wenn wir rauchen, koste uns das immer noch sieben Jahre unseres Lebens. Wenn wir uns ungesund ernähren, bis zu zehn Jahre. Wenn wir keinen Sport treiben, weitere sieben. Die Studie ist also kein Freifahrtschein für Pommes und Bier. "Schließlich haben wir immer noch fast 50 Prozent in der Hand", sagt der Erstautor der Studie, Ben Shenhar.

Rückenwind für Genforschung

Für die Altersforschung hat die Studie große Sprengkraft. "Die Hälfte der Hundertjährigen hat keine schweren Krankheiten", sagt Ben Shenhar. "Das ist verrückt! Es muss Gene geben, die diese Menschen schützen – und die kann man jetzt gezielter erforschen." Besonders wenn man Forschung weitermacht in einer Zeit, in welcher der Einfluss externer Faktoren auf die Lebenserwartung immer geringer werde.

Auch andere Felder, in denen man äußere Faktoren bislang vernachlässigt hat, könnten neu aufgerollt werden. "Vielleicht haben wir auf viele genetische Erkrankungen mit der falschen Brille geschaut", sagt Altersforscher Scheibye-Knudsen. Ein Ausmisten der externen Störgeräusche wie Unfälle, Infektionskrankheiten oder Tod durch Gewalt könnte sich daher auch bei anderen Genanalysen lohnen, um ein klareres Signal zu erhalten. "Und wenn wir dann Gene für bestimmte Krankheiten identifizieren, können wir sie manipulieren."

Für den Rest der Menschheit gilt derweil: Wer alt werden möchte, sollte regelmäßig Sport machen, sich gesund ernähren und Freundschaften pflegen. Vorausgesetzt, ein langes Leben ist überhaupt das Ziel.

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