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60 Jahre BRD

11. Juni 2009

Das deutsche "Wirtschaftswunder" nach dem Zweiten Weltkrieg ist untrennbar mit dem Namen Ludwig Erhard verknüpft. Doch so erfolgreich er als Wirtschaftsminister war, so glücklos war seine Kanzlerschaft.

Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister und Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1963 - 1966), als "Vater des Wirtschaftswunders" und "Mr. D-Mark" bezeichnet. (Photo AP)
Bild: AP

Die Deutschen verehren den stets Zigarre rauchenden Mann als "Vater des Wirtschaftswunders". Er vermittelt ihnen einen unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch äußerlich steht Ludwig Erhard für ein Wachstum, das nicht nur anhand nackter Zahlen, sondern auch an der Leibesfülle einiger Zeitgenossen nachweisbar ist. Sein Vorgänger im Amt - Konrad Adenauer - ist das krasse Gegenteil: groß und schlank, fast schon asketisch hatte er die Bundesrepublik in den ersten zwölf Jahren politisch geführt und in die westliche Wertegemeinschaft integriert.

Adenauer hält Ludwig Erhard für ungeeignet, ihm im Bonner Kanzleramt zu folgen. Mehrfach versucht er, die Kanzlerschaft Ludwig Erhards zu verhindern. Als Erhard nach drei Jahren tatsächlich scheitert, sieht sich "der Alte" aus Rhöndorf bestätigt. Die Kanzlerschaft Erhards hinterlässt wenige Spuren in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Umso größer ist seine Wirkung als Wirtschaftsminister von 1949 bis 1963.

Wirtschaftswunder

Westdeutschland ist "Wirtschaftswunder"-Land. Das eigene Auto gehört ebenso dazu, wie Zeit und Muße zum Sonntagsausflug.

1949 ist das Verhältnis noch ungetrübt und Konrad Adenauer macht Ludwig Erhard zum ersten Wirtschaftsminister. Bis 1963 bleibt er im Amt und erfreut sich als "Vater der sozialen Marktwirtschaft" größter Beliebtheit bei den Deutschen. Abwechselnd predigt er "Maß zu halten" oder zu investieren. Er wird nicht müde, die soziale Komponente der rasant wachsenden deutschen Wirtschaft hervorzuheben und in den späteren Jahren auszubauen: 1957 werden die Renten an die Reallohn-Entwicklung angepasst und 1962 erblickt die "Sozialhilfe" das Licht der Welt. Das Wirtschaftswunder, auf das die Welt mit Staunen blickt, scheint in den 1950-er Jahren keine Grenzen zu kennen. Bis 1965 wächst die westdeutsche Wirtschaft Jahr für Jahr und die Bundesbürger verbinden damit den Namen Ludwig Erhard.

Zwischen der belgischen Küste und der Schweiz: Graben- und Stellungskrieg im 1. WeltkriegBild: AP

Ludwig Erhard wird am 4. Februar 1897 in Fürth als Sohn eines Textilwarenhändlers geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre nimmt er am Ersten Weltkrieg teil. Seine schlimmsten Kriegserfahrungen sammelt er während der Schlacht bei Ypern. Der erbarmungslose Stellungskrieg wird ihn ein Leben prägen.

Zwischen Karriere und Wissenschaft

In der Weimarer Republik studiert er Nationalökonomie und erprobt sein theoretisch erworbenes Wissen als Geschäftsführer des elterlichen Betriebs. Parallel dazu interessiert ihn eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihn zwischen 1928 und 1942 als stellvertretender Leiter des "Instituts für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware" nach Nürnberg führt. Während des Zweiten Weltkriegs betreut er im Auftrag der deutschen Zivilverwaltung die lothringische Glasindustrie und gründet 1942 ein eigenes Konsumforschungsinstitut.

Carl Friedrich Goerdeler, der führende zivile Kopf des Attentats auf HitlerBild: picture-alliance / akg-images

In Gegensatz zum Nationalsozialismus gerät er mit einer Denkschrift zur "Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung". Darin geht er 1944 davon aus, dass Deutschland der Krieg verlieren wird - und er schickt den Text auch noch an Carl Goerdeler, einem der führenden Köpfe des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944. Das Attentat scheitert, die anschließenden Säuberungsaktionen übersteht Ludwig Erhard unbeschadet.

Soziale Marktwirtschaft

Nach dem Krieg wird er Wirtschaftsminister im bayrischen Kabinett unter Wilhelm Hoegner. Wirtschaftspolitisch schließt er sich dem "Ordoliberalismus" an. Diese Theorie reduziert den Staat darauf, eine politische Rahmenordnung aufzustellen und zu überwachen. Aus dem Wettbewerb soll sich der Staat heraushalten und stattdessen dafür sorgen, dass Monopole, Kartelle und andere Formen der Marktbeherrschung verhindert werden. Diese Theorie ist die Grundlage für die spätere "soziale Marktwirtschaft".

Das Buch zum Aufschwung: Ludwig Erhard veröffentlicht 1957 das Buch "Wohlstand für alle".Bild: picture-alliance / akg-images

Dem wirtschaftspolitischen Teil des Ordoliberalismus fügt Ludwig Erhard die soziale Komponente hinzu. Neben der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fällt dem Staat nun auch noch die soziale Fürsorge für jene zu, die aus unterschiedlichen Gründen am wirtschaftlichen Handeln nicht teilnehmen können. Erhard nennt das "soziale Marktwirtschaft". In den Düsseldorfer Leitsätzen übernimmt die CDU am 15. Juli 1949 sein Projekt in ihr Programm zur ersten Bundestagswahl. Die Propagierung einer Wirtschaftsordnung, die "Gerechtigkeit für alle bringt", verhilft der CDU zum Sieg bei der ersten Bundestagswahl 1949.

Kanzlerjahre

Die meisten Deutschen halten ihn für den "natürlichen Nachfolger" Konrad Adenauers, obwohl der kaum eine Gelegenheit auslässt, Erhard in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Dennoch wird er am 16. Oktober 1963 vom Bundestag nach Adenauers Rücktritt zum neuen Kanzler gewählt. Zwei Tage später kündigt er eine "Politik der Mitte und der Verständigung" an und verspricht einen neuen Politikstil.

Der alte und der neue Bundeskanzler: Ludwig Erhard und Konrad AdenauerBild: picture alliance / dpa

Trotz dieser Ankündigung ist nicht zu übersehen, dass sich bald nach Amtsantritt die Stimmung verschlechtert. Man wirft ihm die Abkühlung des deutsch-französischen Verhältnisses vor, weil er den Beziehungen zu den USA Vorrang gibt. Das von ihm aufgestellte Leitbild der "formierten Gesellschaft" jenseits des Klassendenkens als Gegenbild zu den demonstrierenden Studenten in Berlin und anderswo, stößt auf Ablehnung. Mehr noch: man wirft ihm eine Rückkehr zu autoritären Denkmustern der Vergangenheit vor.

Bundeskanzler Erhard beim Staatsbesuch in den USA. Neben ihm US-Präsident Lyndon B. JohnsonBild: AP

1965 fährt Ludwig Erhard für die CDU einen beeindruckenden Wahlsieg ein. Aber wenig später trifft ihn die Ironie des Schicksals: Ausgerechnet er, der "Vater des Wirtschaftswunders" muss mit der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit kämpfen. Das Land gleitet in eine Rezession mit steigenden Arbeitslosenzahlen ab. 1966 kommt noch hinzu, dass es ihm nicht gelingt, den deutschen Beitrag zu den Kosten des Vietnamkriegs bei einem Besuch in den USA zu senken. US-Präsident Lyndon B. Johnson erteilt ihm eine Abfuhr. Erhards Ansehen als Wirtschaftsexperte erleidet schweren Schaden. Als er anschließend wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Steuern erhöhen will, treten die FDP-Minister zurück und lösen eine Regierungskrise aus, die der Bundeskanzler nicht übersteht.

Am 1. Dezember 1966 muss Ludwig Erhard zurücktreten. Die CDU/CSU-Fraktion hatte sich vorher auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger als Nachfolger geeinigt. Erhard wird noch zweimal ins Parlament gewählt. Kurz vor seinem 80. Geburtstag eröffnet er als Alterspräsident die 6. Legislaturperiode. Wenige Monate später stirbt er an Herzversagen.

Autor: Matthias von Hellfeld

Redaktion: Dеnnis Stutе

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