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Lukaschenko kündigt Ausreiseverbot an

14. Dezember 2004

- Tschernobyl-Kinder dürfen nicht mehr nach Deutschland

Bonn, 13.12.2004 DW-RADIO / Deutsch, Sebastian Schubert

Der weißrussische Staatschef Alexander Lukaschenko hat deutsche Familien gegen sich aufgebracht. Er will den Kindern seines Landes eine stramme patriotische Erziehung angedeihen lassen. Aufenthalte in Deutschland stören dieses Ziel beträchtlich. Deshalb hat Lukaschenko ein Ausreiseverbot für Kinder angekündigt. Das betrifft auch die Kinder, die sich bei deutschen Gastfamilien von den Spätfolgen der Tschernobyl-Katastrophe erholen. Sebastian Schubert berichtet:

Das Schicksal der weißrussischen Kinder bewegte die ganze Welt. Allein in Deutschland entstanden rund 800 Initiativen zur Unterstützung der so genannten Tschernobyl-Kinder. Bis heute kommen regelmäßig mehrere tausend weißrussische Kinder im Jahr nach Deutschland. Sie wohnen bei Gastfamilien, stärken ihr Immunsystem mit gesunder Nahrung und bekommen bei Bedarf ärztliche Hilfe.

Die Düsseldorfer Familie Vilé nimmt einmal im Jahr zwei weißrussische Mädchen auf. Sehr zur Freude der beiden eigenen Töchter. Florine ist acht Jahre alt. Zusammen mit ihrer siebenjährigen Schwester Lara schaut sie Fotos aus dem letzten

Sommer an. Fotos mit lachenden Kindergesichtern:

Florine:

"Auf dem Bild hier ganz unten, das ist die Alina. Das ist eins von den russischen Mädchen. Und die daneben, das ist meine Schwester Lara. Und neben der Lara da sitzt die Veronika, das ist auch eins von den russischen Mädchen."

Florine und Lara können sich noch gut an die letzten Sommerferien mit den beiden Mädchen erinnern. Eine schöne Zeit war das, sagt Florine. Verständigungsprobleme gab es nicht. Zur Not half eine Vokabelliste mit den wichtigsten Worten. Am Ende brachten Alina und Veronika den deutschen Mädchen sogar ein bisschen Russisch bei und umgekehrt.

Alina, Florine, Veronika und Lara sind dicke Freundinnen geworden. Besonders Florine fiel der Abschied schwer:

"Letztes Jahr, da habe ich auch geweint, als die gegangen sind, weil die mir in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen sind. Und dieses Jahr habe ich gedacht, endlich weine ich mal nicht. Und dann hab ich trotzdem angefangen zu weinen, als sie abgefahren sind."

Dass es ein Abschied für immer sein könnte, damit hatte Birgit Vilé, die Mutter von Florine und Lara, nicht gerechnet. Die Nachricht von den Plänen Lukaschenkos traf sie wie ein Schlag:

"Unfassbar eigentlich, einfach nicht vorstellbar. Also, wir dachten schon, oh Gott, wenn das nicht mehr ist, dann ist das schon ganz schade. Und dann sind wir sehr traurig."

Lara weiß, was sie will. Wie ihre Schwester möchte sie die Freundinnen möglichst bald wiedersehen. Doch dazu kommt es wohl nicht, wenn Lukaschenko tatsächlich Ernst macht.

Und das genau befürchtet Barbara Gladisch vom Verein Kinder von Tschernobyl: Zusammen mit ihren Freunden in Weißrussland will sie gegen das Ausreiseverbot Lukaschenkos kämpfen:

"Ich finde, das ist die schlimmste Maßnahme, die er sich je hat einfallen lassen. Denn Kinder gehören zur Familie. Die Eltern haben über das Wohl und Wehe der Kinder in erster Linie zu entscheiden. Und kein Präsident dieser Welt hat das Recht, zu bestimmen, was mit den Kindern in den Familien passiert."

Barbara Gladisch will vor allem auf diplomatischem Wege kämpfen. Man muss vorsichtig sein, um den Partnern in Weißrussland nicht zu schaden, glaubt sie.

Florine aber weiß ganz genau, was sie dem weißrussischen Präsidenten sagen würde, wenn der jetzt bei ihnen in Düsseldorf wäre:

"Ich würde sagen: Ich finde das sehr unfair, dass die Kinder jetzt nicht mehr nach Deutschland dürfen."

Wenn sich die Mädchen schon nicht sehen dürfen, dann wollen sie sich wenigstens Briefe schreiben. In den nächsten Tagen wollen sie sogar ein Weihnachtspaket schnüren, das dann von einem Hilfstransport mitgenommen und zu Alina und Veronika gebracht werden soll.

Schon jetzt freuen sich die beiden Mädchen auf die Antwort. Am schönsten aber wäre es wohl, wenn Alina und Veronika im nächsten Sommer plötzlich wieder vor der Tür stehen würden. (lr)