Mädchen in Ägypten boxen gegen Gewalt und Vorurteile
11. März 2026
"Ich werde nicht aufhören, bis ich ein Champion bin." Diesen Satz hört man oft, wenn man die Mädchen, die an der Impact Academy in Kairo das Boxen lernen, nach ihren Zielen fragt.
Alle wirken entschlossen, selbstsicher, schäkern miteinander wie alte Freundinnen. Es könnte eine alltägliche Szene sein, ein Training wie jedes andere - doch das ist es nicht.
Viele der Mädchen hier im Süden Kairos stammen aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Oft erfahren sie geschlechtsspezifische Gewalt und werden sehr früh zum Heiraten gedrängt - meist auf Kosten ihrer Bildung und Selbstständigkeit.
Dass gerade sie Boxen lernen, einen männlich geprägten Sport in einer traditionellen Gesellschaft, gleicht einer Rebellion. Dabei bietet die Impact Academy den Mädchen viel mehr als reines Training: Sie ist ein Safe Space, in dem sie zusätzlich psychische Begleitung bekommen.
"Ich war früher ziemlich feige, jetzt habe ich mehr Selbstvertrauen", erzählt Salma. Die 17-jährige ist seit 2023 an der Akademie. Früher wurde sie von vielen gemobbt, auch weil sie eine dunklere Haut hat als viele andere, und missbraucht.
Seit sie hier boxt, hat sie zumindest vor ihren Mobbern Ruhe, sie haben nun Angst vor ihr. Und von ihren Mitstreiterinnen in der Akademie fühlt sie sich akzeptiert, wie sie ist. Mehr noch: "Ich fühle mich von meinen Freundinnen hier uneingeschränkt geliebt."
Ein "gutes Leben" für die Mädchen
Die Idee der gesamtheitlichen Herangehensweise der Akademie stammt von Sally Hassona. Die 49-jährige Trainerin kommt selbst aus dem Boxen, ist hauptberuflich Sportlehrerin an einer privaten Schule und Mitglied des Auswahlkomitees des ägyptischen Sportministeriums, das Box-Talente für das Olympia-Team des Landes ausbildet.
2017 gründete Hassona die Akademie, in der die Mädchen dreimal die Woche trainieren können - in einem gebrauchten Boxring und an ein paar alten Sandsäcken. Etwa 25 Mädchen und junge Frauen zwischen zwölf und 23 Jahren sind dabei, aber nicht jede kommt zu jedem Training.
Bezahlt wird Hassona für ihre Arbeit nicht. Aber um Geld geht es ihr auch nicht. "Ich will einfach, dass die Mädchen ein gutes Leben haben, von ihrem Stigma wegkommen", sagt sie.
"Boxen gibt uns Selbstvertrauen"
Frauen in Ägypten sind weiterhin strukturell benachteiligt und sehr häufig sexueller Belästigung ausgesetzt. Die letzte umfassende Studie dazu erschien 2013 von der UN Women.
Darin gaben 99,3 Prozent der ägyptischen Mädchen und Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. 91 Prozent fühlten sich nicht sicher auf den Straßen.
"Hier ist vieles gefährlich für Frauen und Mädchen. Boxen gibt uns Selbstvertrauen und macht, dass wir uns stark fühlen. Es tut gut zu wissen, wie man mit jemandem kämpft", sagt Hana Abdel Bary, eine der Team Captains der Akademie. "Wir lernen aber auch, Grenzen zu setzen, und uns zu beschützen."
Denn obwohl die Mädchen im Ring jemanden k.o. schlagen können, rät Hassona ihnen, gefährliche Situationen zu vermeiden und lieber wegzulaufen.
Dass es für Mädchen nicht "normal" ist zu Boxen, erfährt Abdel Bary immer wieder. "Jedes Mal wenn ich zum Arzt gehe, und sage, dass ich boxe, kommentieren sie das", sagt sie. "Manche sind stolz, aber einige andere sagen schlimme Sachen."
Von zu Hause bekommt sie jedoch Unterstützung: Ihr Vater war der Boxer Saleh Abdel Bary. Er nahm zweimal für Ägypten an den Olympischen Spielen teil.
Ausbildung für selbstständiges Leben neben dem Boxen
Wenngleich der Sport im Vordergrund steht, ist es nicht das Einzige, was die Mädchen an der Akademie lernen. "Sally betont immer wieder: Boxen ist kein Beruf. Sie pusht uns, Sprachen zu lernen, oder was auch immer", sagt Hana.
Hassona versucht, gemeinsam mit den Mädchen herauszufinden, was ihnen Spaß macht, welche Ziele sie haben, und ermutigt sie, sich in den männlich geprägten MINT-Feldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu versuchen.
Hanin zum Beispiel will Elektrotechnikerin werden. Gerade macht sie ein Praktikum bei einer Firma, die Klimaanlagen baut. Und sie wird dafür bezahlt. Für sie ist das ein wichtiger Punkt. "Wenn die Eltern kein Geld haben und sich ihre Kinder nicht mehr 'leisten' können, versuchen sie, sie so früh wie möglich zu verheiraten", sagt Hassona.
Mentale Gesundheit im Fokus
Mit der Academy bewirbt sich Hassona immer wieder für verschiedene Förderungen. Aktuell wird sie vom "Canada Fund for Local Initiatives" finanziell unterstützt, einem Förderprogramm der Regierung Kanadas für lokale Projekte weltweit. Die Förderung umfasst 31.000 kanadische Dollar (ca. 19.800 Euro).
Unter dem Namen "Play It Brave" dreht sich an der Impact Academy alles um mentale Gesundheit und geschlechtsspezifische Gewalt. Mehrere mentale Coaches, eine Psychologin und eine Ärztin klären die Mädchen auf über Hygiene, Gesundheit und Menstruation. Letzteres sei immer noch ein großes Tabu in Ägypten. "Viele denken, sie können oder dürfen nicht zur Schule, wenn sie ihre Tage haben", sagt die Ärztin.
16-Jährige als große sportliche Hoffnung
Über die Jahre haben bereits etwa 400 Mädchen die Academy durchlaufen. Die 16-Jährige Aya Hassan Najjar ist eine der großen Hoffnungen von Hassona. Seit sie vor etwa fünf Jahren zur Akademie gestoßen ist, hat sie zweimal den ersten Platz in einem nationalen ägyptischen Wettkampf belegt, und einmal den dritten in einem afrikanischen.
"Natürlich will ich professionelle Boxerin werden, aber ich will mein Englisch und Deutsch perfektionieren", sagt Aya. Ihr Ziel sei es, nach Deutschland zu gehen, um dort Medizin zu studieren und Tierärztin zu werden. "Ich will den Straßenkatzen und -hunden hier in Ägypten helfen. Die Tiere können ja nicht für sich selbst sprechen", sagt sie.
Erst im September 2025 hat das ägyptische Sportministerium bekräftigt, dass es daran arbeite, die Teilnahme von Frauen am Sport durch spezielle Initiativen zu erweitern, wie die ägyptische Zeitung "Ahram Online" schrieb.
Doch eine tiefergehende strukturelle Änderung in der Gesellschaft braucht Zeit. Davon träumt Hassona nicht einmal. Sie wünscht sich ein eigenes Gebäude.
"Wie das hier, hinter dem Fußballfeld", sagt sie und zeigt auf ein schlichtes, langes Haus. Mit einem Raum fürs Training, einen für die Erholung, eine Sauna. "Vielleicht könnte ich das Konzept auf Rugby ausweiten", überlegt sie.