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GesellschaftDeutschland

Männer als Opfer: "Ich war wie gelähmt"

1. November 2020

Rund 20 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer - nicht nur in Deutschland. Hilfsangebote gibt es bislang kaum. Denn immer noch wird Männern die Verletzlichkeit abgesprochen. Das ändert sich langsam.

Tami Weissenberg
Bild: Robert Richter/DW

Am Anfang war da dieser typische Männergedanke: "Ich bin ihr Retter!", denkt Tami Weissenberg, als er seine neue Partnerin kennenlernt. Sie erzählt ihm von ihrer Gewalterfahrung. Von Schlägen in der alten Beziehung. Vom Unglücklichsein. Das berührt ihn. Er will ihr helfen, sie retten. Und ihr zeigen, dass Männer auch anders sein können. Verständnisvoll. Rücksichtsvoll. So wie er. "Dass das alles nur eine Masche war, um einen Menschen zu gewinnen, den man instrumentalisieren kann, das habe ich damals nicht gemerkt", erzählt Weissenberg heute. Und so lässt er sich für sechs fatale Jahre auf eine Beziehung ein.

Tami Weissenberg ist ein selbstbewusster Mann. Er ist ein Kerl wie ein Baum: groß, stattlich. Ein Macher. Seine Geschichte erzählt er ruhig und reflektiert. Tami das Opfer? Wenn er einem plaudernd gegenübersteht, kann man sich das nicht vorstellen. Aber das ist auch so ein typisches Klischee: dass ein Opfer klein, zart und schwach sein muss. Gerade, wenn es männlich ist.

Emotionale Abhängigkeit als Schlüssel der Gewalt

Tami und die Frau ziehen zusammen. Sie leben zusammen, wachsen zusammen. Er unterstützt sie. Auch finanziell. Er hilft ihr, ein neues, gutes Leben zu führen. Das ist ihm Belohnung genug in der Beziehung. Nach und nach verschränken sich ihre Leben: gemeinsame Wohnung, gemeinsames Konto, gemeinsamer Alltag. Und so sind sie längst in Abhängigkeiten verstrickt, als es das erste Mal passiert.

 "Es begann, als wir im Urlaub in ein Hotel gefahren sind, was nicht ihren Wünschen entsprach", erzählt Weissenberg, "und sie wollte nicht zahlen. Ich sollte sie dabei unterstützen und dem Hotelier sagen, was für eine Drecksbude er habe. Und das habe ich nicht gemacht, weil ich mich geschämt habe, den Mann runterzuputzen. Und stattdessen habe ich mich ins Auto gesetzt und sie das selbst machen lassen. Und als sie zurückkam, gab es eine gehörige Ohrfeige mit Anschreien. Und da dachte ich: 'Puh, das traust Du Dich nicht wieder, sie nicht zu unterstützen.'"

"Ich fühlte mich wie ihr Bediensteter"

Seine Freundin rechtfertigt den Ausbruch: Sie habe eine schwere Kindheit gehabt. Ohne Zuneigung. Ohne stabile Verhältnisse. Die Rechtfertigung akzeptiert er. Und so wächst die Abhängigkeit im Laufe der Jahre immer weiter: "Ich fühlte mich wie ein Bediensteter, der immer gefallen wollte. Das war immer an allererster Stelle: gefallen, gefallen, gefallen. Es war vorgegeben, welches Obst sie möchte, wie das gepflückt sein soll, wie das serviert werden muss. Und wenn das nicht richtig gemacht wurde, flog es einem an den Kopf. Es war dann immer dieser Drang, ich muss gefallen, weil ich dann meine Ruhe habe."

Tami Weissenberg (Pseudonym) wollte alles richtig machen und wurde damit zum OpferBild: Robert Richter/DW

Aber er gefällt nicht. Oder nicht ausreichend. Und die Erwartungen seiner Lebensgefährtin steigern sich. Die Gewaltexzesse auch. Tami Weissenberg muss mit Knochenbrüchen und Schnittwunden ins Krankenhaus. Trotzdem wehrt er sich nicht, schlägt nicht zurück. Er hofft all die Jahre, dass sie irgendwann merkt, dass es falsch ist, was sie macht. "Ich war ständig 24/7 unter Strom, zu funktionieren, Forderungen zu erfüllen, Fehler nicht wieder zu machen. Ich war ständig beschäftigt. Die Zeit, mich einsam zu fühlen, meine Situation zu reflektieren, war gar nicht da." Auch die Hoffnung auf Hilfe wird immer kleiner. Seine Freundin kontrolliert mittlerweile seine sozialen Kontakte. Menschen, die etwas von der Gewalt mitkriegen könnten, werden gemieden – bis hin zur eigenen Familie.

Verletzliche Männer gesellschaftlich nicht vorgesehen

Es geht ihm wie vielen der rund 26.000 Männer, die in Deutschland innerhalb eines Jahres offiziell als Opfer erfasst werden: Wer glaubt schon einem Mann, der sagt: "Ich werde von meiner Frau verprügelt?" Denn der verletzliche Mann, der nicht Täter ist, sondern Opfer, ist in der Gesellschaft kaum vorgesehen. Das belegen auch die Forschungen der Wissenschaftlerin Elizabeth Bates von der University of Cumbria in Großbritannien: "Im Fernsehen und in Comedy-Programmen ist Gewalt gegen Männer ein humoristisches Mittel. Wir können dann zwar über die Gewalt der Frauen gegen Männer lachen, aber das hat Folgen. Es gibt eine Reihe von Dingen, die Männer daran hindern, Hilfe zu suchen. Dazu gehört die Angst, dass einem nicht geglaubt wird. Und die Art, wie Medien über Gewalt berichten, kann diese Angst beeinflussen."

Elizabeth Bates von der University of Cumbria in Großbritannien forscht auch über die gesellschaftlichen Hintergründe von Gewalt gegen MännerBild: Privat

Bates Forschung zeigt, dass Männer sich durch diesen gesellschaftlichen Umgang oftmals gar nicht als Opfer häuslicher Gewalt erleben. Dabei sind die Kosten für die betroffenen Männer enorm: "Sie beschreiben langanhaltende mentale und körperliche Gesundheitsprobleme als Folge ihrer Gewalterfahrung."

Das Spektrum der Erfahrungen ist dabei groß. Am häufigsten ist leichte Gewalt: Jeder sechste Mann in Deutschland gibt laut einer Pilot-Studie des Bundesministeriums für Familie aus dem Jahr 2004 an, schon einmal von seiner Frau geschubst worden zu sein. Zehn Prozent wurden schon einmal leicht geohrfeigt, "schmerzhaft getreten" oder die Partnerin hat etwas nach ihnen geworfen, das sie verletzen konnte. Viel häufiger noch berichten Männer von psychischer Gewalt; dass die Partnerin aus Eifersucht soziale Kontakte unterbindet. Dass sie den Partner kontrolliert, ihn demütigt oder beleidigt, berichtet der Co-Autor der Studie, Ralf Puchert: "Ungefähr genauso viele Männer wie Frauen sagen, dass sie mindestens einmal im Leben Gewalt in der Partnerschaft erfahren haben – das reicht von geschubst werden bis schwere Gewalt. In Partnerschaften erleben Männer sehr viel seltener als Frauen schwere Gewalt, aber es sind auch nicht nur Einzelfälle."

Für Tami Weissenberg waren die Schläge nicht das Schlimmste. Die psychische Gewalt verfing viel tiefer: "Sie stand eines Tages vor mir und zog ihren Bademantel aus und war nackt. Dann fing sie an, sich selbst zu schlagen und zu kratzen und rief: 'Hör auf! Aua! Das tut weh!' Ich stand vor ihr und war völlig in mir gefangen und fragte mich: was wird das?" Als seine Lebensgefährtin fertig ist, zieht sie sich den Bademantel wieder an, greift in die Tasche und schaltet ein kleines Diktiergerät aus. "Das ist schon toll, so ein kleines Diktiergerät – das ist mein Joker", sagt sie ihm und geht. Sie droht ihn zu erpressen, sollte er die Gewalt öffentlich machen. Tami Weissenberg ist wie gelähmt: "Ich konnte keinen Schritt mehr tun. Ich hatte Angst davor, dann gesellschaftlich das Gesicht zu verlieren, beruflich zu verlieren und überhaupt nicht als Betroffener wahr genommen zu werden, sondern selbst als Täter. Und mit Angst kriegt man Menschen klein gehalten und eingesperrt."

Gewalt gegen Männer: weltweites Phänomen

Die Zahlen belegen: weltweit teilen Männer ähnliche Erfahrungen. In Mexiko sind laut offizieller Statistik rund 25 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt Männer. In Kenia; Nigeria oder Ghana sind Arbeitslosigkeit und Armut häufige Ursache für Übergriffe der Partnerin. Und weltweit fehlt es an speziellen Hilfsangeboten. In großen Städten gibt es zwar oftmals Männerberatungen, aber für viele Gewaltbetroffene auf dem Land ist der Weg zur Hilfe weit.

Das ändert sich langsam. Im Frühjahr 2020 wurde in Deutschland das erste Männerhilfetelefon in Betrieb genommen. Finanziert wird es durch die beiden größten Bundesländer, Bayern und Nordrhein-Westfalen. "Dass hier bei uns Männer als Betroffene ganz direkt angesprochen werden, das macht das Besondere aus", erzählt Andreas Haase von der Bielefelder Beratungsstelle man-o-mann, die das Telefon betreibt. "Männer suchen sich eine Stelle, wo sie gehört werden und wo sie nicht das Gefühl haben: Ich werde gleich wieder abgebügelt."

Seit Frühjahr gibt es in Deutschland das erste MännerhilfetelefonBild: MHKBG NRW/OBprod - stock.adobe.com

Die Nachfrage ist groß. Dutzende Männer rufen Woche für Woche an und fragen nach Hilfe. Wie Tami Weissenberg stecken die Anrufer in einer scheinbar ausweglosen Situation: "Viele Männer, die anrufen, haben Angst vor Veränderung. Und sie denken: Wenn ich jetzt gehe, dann macht meine Frau mich richtig fertig." Oftmals sind sie Väter und haben Angst, dass sie den Kontakt zu ihren Kindern verlieren könnten, wenn sie aus der unheilvollen Beziehung aussteigen. "Viele sehen sich selbst gar nicht als Opfer von häuslicher Gewalt", berichtet Andreas Haase: "Unter Männern gehört Gewalterfahrung zum 'guten Ton'. Also, wenn ich Gewalt auf der Straße erfahre oder auf dem Schulhof, dann gehört das für Jungs dazu."

Heroismus als Definition von Männlichkeit

So wachsen Männer in einer Gesellschaft auf, in der 'männlicher Heroismus' ein wesentliches Element von Männlichkeit ist, analysiert der britische Kriminologe Antony Whitehead, mit der Folge, "dass Männer, die einen Konflikt oder Gefahr erleben, die daraus folgende Angst überwinden müssen, um zu verhindern, in die hochprekäre Rolle eines Nicht-Mannes zu geraten."

Forscher und Männertherapeuten sind sich einig, dass Männer aus dem Gefängnis dieser überkommenen Männlichkeitsbilder befreit werden müssen, und dass sie lernen: Du bist nicht allein. Beim Bielefelder Männerhilfetelefon geht es erst einmal darum, dass die Männer ihre Opferseite zulassen dürfen. Meist ist das bereits eine enorme Entlastung. Für Andreas Haase von "man-o-mann" ist das Ziel, "dass die Männer in einen Prozess kommen, der ihre Handlungsspielräume größer macht. Und dass sie überhaupt erstmal ihre Gefühle wahrnehmen können."

Dieses klare Gefühl, dass es so nicht weitergeht, kam bei Tami Weissenberg wie aus heiterem Himmel: "Der Wendepunkt war, als ich einmal Halsschmerzen hatte und von der Arbeit nach Hause gefahren bin und eigentlich in die Apotheke gemusst hätte. Das war aber nicht möglich, weil der Nachhauseweg minutiös durchgeplant war und fast immer auch von einem durchgehenden Telefonat begleitet wurde. Und das hat mich so hilflos gemacht: Was ist das eigentlich für eine Situation? Und dann bin ich nicht mehr nach Hause gefahren. Nie mehr.“

Weissenberg hat sich selbst aus seiner toxischen Beziehung befreit. "Mir hat damals wahnsinnig ein Anlaufpunkt gefehlt, an den ich mich mit meinen Ängsten und Sorgen speziell als Mann wenden kann. Deswegen habe ich dann später auch eine Selbsthilfegruppe gegründet. Und da habe ich gemerkt, dass es ganz viele Männer gibt, denen es auf unterschiedliche Art auch so geht." Aus der Selbsthilfegruppe ist inzwischen der Verein "Weissenberg e.V." geworden. Neben Beratung für Männer in Krisensituationen bietet er mehrere Schutzräume für Männer mit Gewalterfahrungen an. Er selbst lebt heute in einer neuen Beziehung.

Kontakt ist nie abgerissen

Sein Name, Tami, ist ein Pseudonym. Denn der Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens will mit seiner Ex-Freundin nicht abrechnen. Er will sie nicht vorführen oder anklagen. Wenn er seine Geschichte erzählt, erklärt er sie viel und nimmt sie bis heute immer wieder in Schutz. Trotz aller Abgründe ist der Kontakt zu seiner Ex-Freundin nie abgerissen: "Sie hat wirklich sehr viel Verlust und Ablehnung erfahren. Und ihr Traum war es, dass durch materielle Besitztümer zu kompensieren. Sie musste immer Bewunderung kriegen. Und das war wie eine Sucht. Und dementsprechend war auch die Angst groß, dass zu verlieren."

Weissenberg erlebt eine Spirale der Gewalt, aus der er spät herausfindetBild: Robert Richter/DW

Für Weissenberg geht es in der Debatte um häusliche Gewalt nicht um ein Gegeneinander von Männern und Frauen. Er und die zahlreichen Männerberatungsstellen weisen immer wieder darauf hin, dass Frauen am Ende sehr viel häufiger Opfer häuslicher Gewalt werden, und dass die Folgen für sie oftmals weit dramatischer sind. Und er sagt: Die Frauenbewegung und ihr Kampf für Gleichberechtigung habe das Bewusstsein für Gewalt gegen Männer erst möglich gemacht. Weil die Frauen weit vor den Männern angefangen hätten, die Rollenbilder der Geschlechter in Frage zu stellen. Für ihn ist dieser Kampf noch nicht zu Ende.

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