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Machtgerangel in Asien

Alexander Freund16. April 2005

Die anti-japanischen Ressentiments kommen den Machthabern in China und Südkorea gerade recht. Sie nutzen sie, um ihre eigene Macht zu festigen. Japan gerät mehr und mehr an den Rand und ist dabei nicht ganz schuldlos.

Provoziert die Nachbarn: der Yasukuni-Schrein in TokioBild: AP

Die Rituale haben Tradition, neu ist jedoch die Vehemenz, mit der sich die anti-japanischen Proteste derzeit entladen: Bei einer der täglichen Protestaktionen vor der japanischen Botschaft in Seoul zündete sich kürzlich ein Demonstrant selber an, andere hackten sich vor der Gesandtschaft ihre Finger ab. Und auch in China flogen Steine und Flaschen gegen japanische Supermärkte, Restaurants und Banken, japanische Studenten wurden verprügelt und japanische Waren boykottiert. Eine solch massive Welle antijapanischer Proteste hat Asien schon lange nicht mehr erlebt: Es geht um ein Schulbuch, das mal wieder die japanische Aggression während der Besatzungszeit verharmlost, es geht auch mal wieder um den japanischen Anspruch auf kleine unbewohnte Inseln, es geht aber vor allem um den von Tokio angestrebten Sitz für Japan im UN-Sicherheitsrat.

Peking schürt alte Ressentiments

Der Katzenjammer in Japan ist groß und Tokio fand die verschiedensten Gründe für die anti-japanischen Ausschreitungen bei den Nachbarn, nur praktisch keinen auf Seiten Japans. Dass Japan die eigene Geschichte, besonders seinen Aggressionskrieg verklärt, ist kein neues Phänomen. Denn eine kritische Aufarbeitung hat im Land der aufgehenden Sonne nie stattgefunden. Gefährlich ist jedoch, wie die Nachbarn darauf reagieren. Denn das Regime in Peking ließ den anti-japanischen Krawallen nicht nur freien Lauf, es schürte auch noch die alten Ressentiments und heizte die Stimmung damit zusätzlich an.

Anti-Japan Proteste in PekingBild: AP



Mit "spontanem Volkszorn", wie es in den offiziellen Verlautbarungen heißt, hat das nicht viel zu tun, nicht in einem Land, in dem normalerweise schon die gemeinsame Meditation einer spleenigen Sekte Großeinsätze der Staatsmacht auslöst.

Südkoreas Abschied von der stillen Diplomatie

Schon seit einiger Zeit nutzen die Machthaber in Peking den Nationalismus als Instrument, um ihre Herrschaft zu stabilisieren. Ähnliches gilt auch für Südkorea. Natürlich sitzt die Schmach der harschen japanischen Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 noch immer tief. Doch ganz bewußt macht sich der angeschlagene südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun die alte koreanischen Wut über die Ignoranz der Japaner jetzt zu eigen und spricht auf einmal wieder von Reparationszahlungen für die erlittenen Gräueltaten.

Mit dieser Forderung verabschiedet sich Seoul von der bisher in dieser Frage verfolgten "stillen Diplomatie", denn eigentlich haben sich die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea ungeachtet der Streitthemen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Noch nie sind so viele japanische Touristen nach Südkorea gereist. Koreanisch ist neuerdings schwer angesagt in Japan, Essen oder Fernsehserien aus Korea sind "in". Umgekehrt ist japanische Mode und Musik bei der südkoreanischen Jugend schon seit Jahren äußerst beliebt.

Angeschlagen: Präsident RohBild: AP
Japanisches Kaufhaus in PekingBild: AP

Ähnlich eng verbandelt sind auch Japan und China, das geistige Mutterland der Japaner. Und auch die wirtschaftlichen Beziehungen sind hervorragend: Japan profitiert gewaltig vom chinesischen Boom und ist nun einmal der wichtigste Handelspartner der Volksrepublik.

Streit um Inseln

Trotzdem ist der alte Streit eskaliert, vordergründig ausgelöst durch zwei japanische Provokationen: Zum einen hat Tokio unnötig deutlich erneut seinen Anspruch auf zwei umstrittene Seegebiete unterstrichen und damit den Nachbarn vor den Kopf gestoßen. Kernpunkt des Streits ist eine von Japan gezogene Mittel-Linie im Ostchinesischen Meer, die die Nachbarstaaten nicht akzeptieren. Denn mit der Mittel-Linie würden nicht nur jene unbewohnte Felseninsel Japan zugeschlagen, die die Koreaner "Tokdo" und die Japaner "Takeshima" nennen, sondern auch eine kleine unbewohnte Inselgruppe nördlich von Taiwan, die auf Chinesisch Diaoyu und auf Japanisch Senkaku genannt wird.

Im Fall Takeshima/Tokdo machen Japan und Südkorea geschichtliche Gründe für ihre Ansprüche auf die Insel geltend, die nicht nur über reiche Fischgründe, sondern angeblich auch über Gasvorkommen verfügen soll. Japan hatte die 700 Kilometer von Tokio und 450 Kilometer von Seoul entfernte Insel während des russisch-japanischen Krieges 1904/05 aus strategischen Gründen einverleibt, doch seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhebt Südkorea Anspruch auf sie.

Während es im Fall Takeshima/Tokdo vorrangig ums Prestige geht, ist die Inselgruppe nördlich von Taiwan auch aus ganz handfesten wirtschaftlichen Gründen für Japan und China interessant, denn dort werden tatsächlich gewaltige Öl- und Gasvorkommen vermutet. Und der Streit könnte eskalieren, da beide Seiten mit Bohrungen möglichst schnell Fakten schaffen wollen.

Streit um Inseln und Seegebiete im Ostchinesischen MeerBild: AP/Kyodo News

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die territorialen Streitigkeiten durch ein neues Schulbuch angeheizt wurden und warum Japan der große Verlierer der Konfrontationen mit China und Korea sein könnte.

Streit um Schulbuch



Angeheizt wurden die territorialen Streitigkeiten durch die provokante Entscheidung Tokios, ein von nationalistischen Autoren zusammengestelltes Schulbuch zuzulassen, das die japanischen Kriegsverbrechen verharmlost. Kritisiert wird vor allem, dass in dem Buch niemals der Begriff "Invasion" für die Besetzung weiter Teile Asiens durch die japanische Armee genannt wird. Und dass ausgerechnet am Totengedenktag, an dem Chinesen die Gräber säubern und der vielen Millionen Kriegsopfer gedenken, ein solches Schulbuch genehmigt wurde, das unter anderem das von den Japanern verübte Massaker von Nanjing mit bis zu 300.000 Toten als "Zwischenfall" beschönigt, trieb die Empörung auf die Spitze. Denn die Einnahme der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanjing im Dezember 1937 gilt als besonders grauenvoll. Historiker sprechen von einer "Orgie von Plünderungen und Massenhinrichtungen".

Japanische Soldaten in Schanghai im Zweiten WeltkriegBild: AP



Neben dem Massaker von Nanjing werden Japan vor allem Kriegsverbrechen an Frauen in den besetzten Ländern vorgeworfen. Bis zu 200.000 Frauen sollen in Korea, China und auf den Philippinen verschleppt worden seien. Diese so
genannten Trostfrauen mussten den japanischen Soldaten in Bordellen zu Diensten sein.

Kein Wort für "Vergangenheitsbewältigung"

Tief sitzt bei den Nachbarn der Zorn darüber, dass sich Japan bis heute nicht angemessen für seine Invasion und Gräueltaten entschuldigt hat. Der sorglose Umgang mit der schuldbeladenen Geschichte ist nicht dazu angetan, bei den Nachbarn Vertrauen zu wecken. Bislang verfolgten die Nachbarn mit hilfloser Empörung, wenn Tokio etwas instinktlos die eigenen nationalistischen Kreise bedient, indem es geschichtsverzerrende Geschichtsbücher zulässt oder die territoriale Ansprüche herauskehrt. Oder wenn die japanischen Regierungschefs den Tokioter Yasukuni-Schrein besuchen, wo auch japanische Kriegsverbrecher verehrt werden.

Zwar gibt es auch in Japan kritische Stimmen. Doch es findet keine grundsätzliche politische Auseinandersetzung statt. Auf Betreiben der Amerikaner wurde Kaiser Hirohito nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zur Rechenschaft gezogen - so konnte gewissermaßen auch alle anderen keine Schuld treffen, abgesehen von einer Handvoll Sündenböcke, die "der Siegerjustiz zum Opfer fielen". Bezeichnenderweise gab es bis 1992 im Japanischen gar kein Wort für "Vergangenheitsbewältigung". Vielmehr wurde es mit "kako no kokufuku" umschrieben, was soviel wie "Vergangenheitsüberwindung" bedeutet. Wahrscheinlich, weil sich die meisten Japaner gar nicht vorstellen konnten, dass die Vergangenheit bewältigt werden muss.

Peking strebt nach Vormachtstellung

Hinter den alten Streitigkeiten stehen aber vor allem ganz aktuelle Konfliktlinien, die für die Zukunft der gesamten Region bestimmend sein werden. Mit Misstrauen beobachtet heute Peking, wie Ministerpräsident Junichiro Koizumi - auch auf Drängen der Schutzmacht USA - eine stärkere militärische Rolle Tokios auf internationaler Ebene anstrebt und damit den nationalistisch-konservativen Kreisen schmeichelt. Oder wie sich Tokio für Taiwan zuständig sieht und die Volksrepublik China als militärische Bedrohung beschreibt.

Getragen vom wirtschaftlichen Erstarken und massiver Aufrüstung fühlt sich Peking stark genug, in der ostasiatischen Nachbarschaft immer unverblümter seinen Vormacht-Anspruch anzumelden. Ermuntert von amerikanischer Zurückhaltung und zahllosen Ergebenheitsgesten aus Europa - nicht zuletzt vom Bundeskanzler - bekommt nun Japan die diplomatische Hemdsärmeligkeit der Chinesen zu spüren, denn Tokios strategischer Abschied vom Staatspazifismus ist in Peking mit großem Unmut registriert worden. Und die Ansprüche auf Inseln und Bodenschätze im Meer dienen China als Beweis für Japans anhaltende Expansionsgelüste.

Japan als Verlierer?

Die alten Streitereien werden also instrumentalisiert, in Südkorea, um das politische Überleben des Präsidenten zu sichern und in China, um die politische Vormachtstellung zu wahren. Und der Nationalismus füllt das ideologische Vakuum, das der Kommunismus hinterlassen hat. Doch trotz der Differenzen sind die Nachbarn wirtschaftlich so eng miteinander verflochten, dass es keinen Gewinner einer Konfrontation geben würde.

Aber einen klaren Verlierer. Nämlich Japan. Mit aller Macht will sich China als einzige asiatische Macht des 21. Jahrhunderts behaupten. Entsprechend wird der Wunsch Japans, einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhalten und damit zu den fünf "Großen" aufzusteigen, vermutlich an den chinesischen Vorbehalten scheitern.

Auf lange Sicht aber kann Japan erst dann in einem partnerschaftlichen Miteinander mit seinen Nachbarn leben, wenn es seine Vergangenheit aufarbeitet und eine überzeugenden Entschuldigung für die begangenen Gräueltaten ausspricht. Doch davon ist Tokio noch weit entfernt.

Militärmanöver in ChinaBild: AP
Japans Premierminister, Junichiro Koizumi, besucht den Yasukuni SchreinBild: AP
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