"Mein Freund": Macrons schwieriges Verhältnis zu Trump
21. Januar 2026
"Mein Freund, wir sind bei Syrien voll auf einer Linie, wir können Großes beim Iran erreichen. Ich verstehe nicht, was du in Grönland tust." Worte, die vertraulich bleiben sollten, doch Donald Trump veröffentlichte die Kurznachricht in der Nacht zu Dienstag auf seinem Netzwerk Truth Social. "Niemand will ihn, weil er bald aus dem Amt scheidet", spottete der US-Präsident zudem über Macron vor Reportern.
Ausgerechnet in dem Moment, in dem Emmanuel Macron die Gesprächsebene halten will, stellt Trump den Präsidenten öffentlich bloß. Trump imitiert bei Auftritten regelmäßig Macrons Akzent. Die Verstimmung gründet wohl auch auf einem Dokumentarfilm, der am Dienstagabend bei France 2 lief. Darin ist ein privates Telefonat während Macrons Kiew-Besuch am 10. Mai 2025 zu sehen, ohne dass Trump offenbar wusste, dass gefilmt wird.
Macron konterte Trumps Attacken am Dienstag mit Ironie. "Wir leben in einer Zeit des Friedens, der Stabilität und der Vorhersehbarkeit", sagte Frankreichs Präsident zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos und erntete Gelächter im Publikum. Doch der Ton der Rede kippte schnell: Der Präsident zeichnete das Bild einer Welt ohne Regeln und eines Europas, das sich neu behaupten müsse. Einen "neuen Kolonialismus" zu akzeptieren, ergebe keinen Sinn. Trumps Griff nach Grönland ist für den Franzosen das Musterbeispiel dieser Machtpolitik.
Militärische Signale an die Verbündeten
Schon wenige Tage zuvor hatten mehrere europäische NATO-Partner, darunter Frankreich als einer der ersten und sichtbarsten, in der Grönland-Krise reagiert. Auf Einladung Dänemarks entsandte Paris rund 15 Gebirgsjäger in die grönländische Hauptstadt Nuuk. Kurz darauf folgte ein Luftbetankungsmanöver über dem arktischen Territorium. Parallel dazu forciert Paris einen seit 2025 vorbereiteten Plan, in Nuuk ein Generalkonsulat zu eröffnen. Frankreichs Präsenz in der Region ist eine direkte Antwort auf Trumps aggressiv vorgetragenen Plan, Grönland unter US-Kontrolle zu bringen.
Der rabiate Ton aus Washington lässt auch den Ton in der französischen Außenpolitik rauer werden. Bei seinen Neujahrswünschen an die Streitkräfte auf dem Luftwaffenstützpunkt in Istres Ende vergangener Woche nutzte Macron martialische Worte: "Um frei zu bleiben, muss man gefürchtet sein, und um gefürchtet zu sein, muss man mächtig sein." Für Grönland kündigte der Präsident die Entsendung weiterer Land-, Luft- und Seestreitkräfte in die Region an, ohne dies aber bislang zu präzisieren.
Ein Handschlag und die Charme-Offensive
Schon als US-Präsident Trump den neu gewählten französischen Präsidenten Macron im Mai 2017 zum ersten Mal im Weißen Haus empfing, inszenierte der Franzose ein Kräftemessen. Macron, damals ein politischer Newcomer, hielt Trumps berüchtigt dominantem Handgriff fast eine Minute lang stand. Die Botschaft war eindeutig: Die Führung Frankreichs lässt sich nicht von einem US-Präsidenten einschüchtern, der Respekt mit Dominanz verwechselt. Gleichrangigkeit statt Unterordnung. In Paris war man überzeugt, dass Trump nur auf "Stärke" reagiere.
Macron setzte zugleich darauf, dass Trump in seiner Eitelkeit leicht zu treffen ist und besonders empfänglich für Schmeicheleien. Er lud ihn als Ehrengast zu seinem ersten Nationalfeiertag am 14. Juli nach Paris ein, inklusive Dinner auf dem Eiffelturm. Die symbolische Botschaft: Trotz Differenzen will Frankreich die enge Bande zu seinem Verbündeten halten. Macron setzte bewusst auf diplomatische Gastfreundschaft, um Trump für internationale Zusammenarbeit zu gewinnen und Frankreich als Brückenbauer zu positionieren.
Protest gegen Nationalismus
Eine dauerhafte Kurskorrektur in Washington konnte Macron damit nicht erreichen. Das Verhältnis der beiden Staatschefs verschlechterte sich. So sprach Macron am 11. November 2018 zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs in Trumps Anwesenheit über die Gefahren des Nationalismus. Der US-Präsident durfte das durchaus als kaum verhüllte Kritik an seiner "America First"-Strategie auffassen.
Mit seiner Analyse, die NATO sei "hirntot", sorgte Macron 2019 international für Aufsehen. Diese Aussage in einem Interview richtete sich weniger gegen die Allianz als gegen das Verhalten Trumps innerhalb des Bündnisses. Frankreich wollte damit eine Debatte erzwingen: Wie lange kann Europa sich auf einen Partner verlassen, der seine Verpflichtungen offen infrage stellt? Heute lassen sich die damals viel kritisierten Worte auch als Vorwarnung auf die aktuelle Krise lesen.
Grönland: Moment der Entscheidung?
Einen "Honeymoon" zwischen Macron und Trump gab es nach dessen zweitem Einzug ins Weiße Haus vor einem Jahr nicht. Bereits im Frühjahr 2025 verschärfte sich der Ton in den transatlantischen Beziehungen. Frankreich geriet ins Visier von Trumps Zollpolitik, nachdem Macron sich erneut für eine koordinierte europäische Digitalsteuer stark gemacht hatte. Trump drohte zunächst mit Strafzöllen auf französischen Wein und Luxusgüter, bevor er später auch andere europäische Produkte ins Visier nahm.
Frankreich und die EU reagierten mit scharfer Rhetorik und bereiteten Gegenmaßnahmen vor. Paris drängte darauf, dass Europa sich nicht nur auf Appelle und Verhandlungen verlässt, sondern im Ernstfall auch zu harten handelspolitischen Instrumenten greift. Macron formulierte damals den Anspruch, Europa werde sich "nicht diktieren lassen, wie es seine Steuersouveränität ausübt".
In Davos verwies der Präsident am Dienstag auf das EU-Anti-Coercion-Instrument gegen wirtschaftliche Erpressung, das Gegenmaßnahmen wie Zölle oder Marktzugangsbeschränkungen ermöglicht. In der politischen Debatte firmiert es als "Bazooka".
Macrons Schwäche
Macrons außenpolitische Stärkedemonstration steht derweil im Kontrast zu seiner Stellung in Frankreich. Innenpolitisch ist der Präsident kaum handlungsfähig. Seine Regierung hat den Haushalt für 2026 bislang nicht durchs Parlament gebracht. Auch in Europa muss Macron die Mehrheiten für seinen Kurs noch organisieren.
Während Macron die europäische "Bazooka" laden will, steht Berlin auf der Bremse. Bundeskanzler Friedrich Merz, ein überzeugter Transatlantiker, setzt in der Grönland-Krise stärker auf Deeskalation. Wo Macron von "wirtschaftlicher Erpressung" spricht und Zölle fordert, mahnt der Kanzler zur "Besonnenheit" und hofft, Trump durch Verhandlungen vom diplomatischen Abgrund zurückzuholen. Damit ringen Berlin und Paris wieder einmal um die Führung in Europa.
Europa ohne Taktgeber
Noch stärker als in der ersten Amtszeit prallen Macrons Initiativen allerdings immer häufiger in Washington ab. Seine bisherige Balance aus Dialog und Widerspruch gerät dabei an ihre Grenzen. Die Frage ist längst, ob Europa überhaupt noch einmal selbst den Takt setzen kann.
Jacob Ross, Frankreich-Experte der DGAP, sieht darin ein strukturelles Problem der europäischen Trump-Strategie: "Emmanuel Macron reagiert immer auf Trump." Weder er noch andere europäische Staats- und Regierungschefs hätten es bislang geschafft, selbst eine Agenda zu formulieren, die den Takt vorgibt - statt nur auf die nächsten Provokationen aus Washington zu antworten.