Magdeburger Weihnachtsmarkt - ein Jahr nach dem Anschlag
19. Dezember 2025
Polizisten, einer davon mit einer Maschinenpistole im Arm, bewachen die Eingänge zum Magdeburger Weihnachtsmarkt. Gelegentlich werden Menschen angehalten und befragt. Rote und grüne Betonblöcke, Sandsäcke und Barrieren aus Stahl säumen die Zufahrtsstraßen zum Markt, der sich auf dem Platz vor dem Rathaus befindet.
Am 20. Dezember 2024 wurden hier sechs Menschen getötet, fünf Frauen und ein 9-jähriger Junge, und mehr als 300 verletzt, einige davon schwer. Taleb A., ein saudi-arabischer Staatsbürger, war mit einem Fahrzeug in die Menschenmenge gefahren. Noch heute leiden viele Menschen unter den Folgen.
Nur zwanzig Meter entfernt von der Stelle, an der die meisten Opfer ums Leben kamen, stand damals Mirko Stage. Gleich um die Ecke von seinem Stand mit gebrannten Mandeln und Waffeln findet man heute Gedenksteine, die mit Kerzen und Blumen geschmückt sind.
Stage, der in Magdeburg lebt, sagt, er habe vor der Eröffnung am 20. November diesen Jahres Bedenken gehabt. "Wir sind alle mit einem komischen Gefühl in diesen Weihnachtsmarkt reingegangen. Weil man natürlich nach den Ereignissen des letzten Jahres nicht wusste, wie wird es denn jetzt, wenn wir hier plötzlich wieder aufmachen?"
Stage erzählt von unerwartet positiven Begegnungen. Die Standbetreiber und Besucher begönnen nun, sich zu öffnen und ihre Trauer zu verarbeiten. "Man ist erst mal geschockt und bedrückt. Aber nach einer gewissen Phase beginnt dann, dass man darüber redet miteinander."
So hätten ihn etwa Menschen angesprochen, die damals als Ersthelfer an Ort und Stelle waren. "Genau diese Leute kommen hierher zurück, weil der Alte Markt das Wohnzimmer der Stadt ist. Wir wollen uns das nicht von irgendeinem irren Gewalttäter wegnehmen lassen".
Karim Champi, ein italienischer Standbetreiber mit tunesischen Wurzeln, sah, wie das Auto des Angreifers direkt an seinem Stand mit Kunsthandwerk aus Olivenholz vorbeifuhr. Sein Stand steht jetzt an einem anderen Ort. "Dieses Jahr es gibt nicht so viele Touristen", sagt er, und ihm treten Tränen in die Augen. "Die Leute haben Angst."
Weihnachtsstimmung trotz Tragödie?
Der Weihnachtsmarkt wurde in diesem Jahr umgestaltet, Stände an anderen Orten aufgestellt. Die optischen Veränderungen – zusammen mit den Sicherheitsmaßnahmen – sollen den Besuchern Ängste nehmen.
Nicht alle sind von den Veränderungen überzeugt. "Es ist wie in Fort Knox", sagt ein Besucher. Diese Absperrerei ist der Wahnsinn." Der 54-Jährige wohnt fast 60 Kilometer von Magdeburg entfernt, kam aber mit seiner Frau "aus Prinzip und aus reinem Protest" hierher. "Wenn wir nicht kommen, hat er gewonnen", fügte er mit Blick auf den Angreifer hinzu und nippt an seinem Glühwein.
Als die Dämmerung hereinbricht und die Lichter angehen, kommen immer mehr Menschen auf den Markt. Das Stimmengewirr, die adventliche Musik und die Fahrgeschäfte werden lauter. Paare, Familien und Freunde jeden Alters schlendern über den Platz oder stehen in Grüppchen beisammen.
Der Magdeburger Weihnachtsmarkt umfasst in diesem Jahr rund 140 Stände. Angeboten werden etwa traditionelle Weihnachtsdekorationen aus Holz aus dem Erzgebirge und beleuchtete Sterne. Aber auch jede Menge Essen – von deutscher Bratwurst und Weihnachtsplätzchen über Burger und belgische Waffeln bis hin zu Falafel, die es dieses Jahr neu gibt.
Marktgeschäftsführer Paul-Gerhard Stieger sagt, dass nicht alle mit der Entscheidung einverstanden waren, die Veranstaltung auch in diesem Jahr wieder durchzuführen. "Es gibt Betroffene, die natürlich sagen: Wie kann man das hier machen? Es gibt das auch in der Stadtgesellschaft. Es gibt aber auch Leute, die direkt betroffen waren, die uns hier angesprochen haben, die sagen: Es ist wichtig, dass der Weihnachtsmarkt hier stattfindet."
Weniger Besucher, aber mehr Standbetreiber
Die Besucherzahlen sind in diesem Jahr rückläufig. Dennoch seien sie besser als erwartet, so Stieger. Die Veranstaltung gleiche einem Balanceakt. "Ein Weihnachtsmarkt ist eine kommerzielle Veranstaltung. Diese Familien, gerade die Schausteller, leben natürlich davon. Und das ist die Hauptumsatzzeit."
Stieger sagt, dass nur zwei Standbetreiber abgesagt hätten – einer davon im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen. Und es gebe dieses Jahr sogar zehn Neuzugänge.
Unter ihnen ist Fares Saleh Aga, der vor acht Jahren aus Syrien in die Stadt kam und nun einen Falafel-Laden in der Stadt betreibt. Er sagte, er habe beschlossen, hierher zu kommen, um ein Zeichen zu setzen.
"Die Leute gehen an mir vorbei und sehen ein freundliches Gesicht. Die Bedeutung von Weihnachten ist Frieden. Ich bin so glücklich. Die Leute sind nett." sagt Aga. Er bietet den vorbeikommenden Besuchern herzförmige Kichererbsenbällchen zum Probieren an.
Fake News über abgesagte Weihnachtsmärkte
Frank Hakelberg, Geschäftsführer des Deutscher Schaustellerbunds, bestätigt, dass die Besucherzahlen auf den Weihnachtsmärkten in diesem Jahr in ganz Deutschland niedriger lagen als zuvor. Im Vorfeld der Feiertage scheinen sie jedoch wieder anzusteigen. Hakelberg macht eine Kampagne in den sozialen Medien mitverantwortlich für den schleppenden Start in die Saison.
Man habe Medienanfragen aus aller Welt erhalten, nachdem Gerüchte viral gegangen waren, dass Weihnachtsmärkte in Deutschland abgesagt würden. Tatsächlich, so betont er, seien nur einige wenige der 3.200 großen Weihnachtsmärkte im Land abgesagt worden. "Absolute Sicherheit gibt es in keinem Lebensbereich. Auch nicht auf dem Weihnachtsmarkt, aber auch nicht auf der Straße, auf dem Weg, auf dem Platz, sonstwo."
Erst am 12. Dezember dieses Jahres wurde in Magdeburg ein Mann festgenommen, der im Verdacht stand, ebenfalls einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt geplant zu haben.
Der Prozess gegen den Täter vom letzten Jahr läuft seit Oktober. Er ist wegen sechsfachen Mordes und 338-fachen versuchten Mordes angeklagt. Der heute 51-Jährige wurde wenige Minuten nach dem Anschlag festgenommen und hat zugegeben, den Mietwagen gefahren zu haben. Er scheint keine islamistischen Motive gehabt zu haben.
Am 20. Dezember, dem Jahrestag des Anschlags wird der Magdeburger Weihnachtsmarkt geschlossen bleiben. Stattdessen finden Gedenkveranstaltungen statt. Bundeskanzler Friedrich Merz und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, werden anwesend sein. Eine interreligiöse Initiative ruft dazu auf, eine Lichterkette um den Weihnachtsmarkt zu bilden.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.