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Manifesta 16 Ruhr: Das Erbe der Nachkriegskirchen

Katharina Abel
19. Juni 2026

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden im Ruhrgebiet rund 1000 neue Kirchen gebaut. Ihre Architektur ist ein Spiegel ihrer Zeit. Heute stehen etliche leer. Die Manifesta sucht nach neuen Wegen der Nutzung.

Erleuchteter Kirchenbau in der Abenddämmerung.
Die Liebfrauenkirche in Duisburg wurde 1961 geweiht und 2010 profaniert. Heute ist sie ein Kultur- und Veranstaltungszentrum - und Teil der Manifesta 16 RuhrBild: Fabian Strauch/Funke Foto Services/IMAGO

Die 16. Ausgabe der Manifesta, der europäischen Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst und Stadtentwicklung, findet in diesem Jahr im Ruhrgebiet statt. Der Titel des Hauptprogramms lautet "Das ist keine Kirche": Hier gestalten internationale Künstlerinnen und Künstler Auftragsarbeiten für zwölf leerstehende Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. So inszeniert etwa Emil Walde in der Duisburger Liebfrauenkirche eine raumgreifende Installation aus alten, beschädigten Drahtglasfenstern des Duisburger Hauptbahnhofs, die in den Beichtstühlen der Kirche neu arrangiert werden. Und in St. Anna (Gelsenkirchen) ist eine Ausstellung mit Werken von unter anderem Ming Wong, Philipp Gufler und Cana Bilir-Meier zu sehen. Zum Programm gehört am selben Ort auch ein Treff für alle, die schon einmal in einer Kirche Basketball spielen wollten.

Kirchen ohne Funktion

Der Mitgliederschwund der katholischen und evangelischen Kirchen macht auch vor den Gemeinden des Ruhrgebiets, dem größten Ballungsraum Deutschlands, nicht Halt: Dutzende Gotteshäuser pro Jahr werden derzeit profaniert. Sie haben nach wenigen Jahrzehnten ihre eigentliche Funktion verloren, doch ihre Architektur ist noch immer ein Spiegel der Zeit, in der sie gebaut wurden.

Heute ein viel genutzter Treffpunkt von Anwohnern und Kunstszene: die St. Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen (Baujahr 1963)Bild: Thomas Schmidtke/Funke Foto Services/IMAGO

Im Zweiten Weltkrieg war das westlich gelegene Ruhrgebiet immer wieder Ziel alliierter Bombenangriffe - nicht nur auf die dort ansässige Industrie, sondern auch auf die Innenstädte. Mit ihrer Zerstörung wollte man die Moral der Bürger schwächen. Die Schäden waren immens: Nach Kriegsende lagen ganze Stadtteile von Dortmund, Gelsenkirchen oder Bochum in Schutt und Asche, die meisten Innenstädte waren größtenteils zerstört oder schwer beschädigt. Auch die Kirchen waren nicht verschont geblieben. Zwar lag der Fokus beim Wiederaufbau vor allem darauf, möglichst schnell Wohnraum zu schaffen, doch auch Kirchen als Orte des Glaubens, des Trosts und der Begegnung waren wichtig.

Moderne Kirchenarchitektur als Aushängeschild der BRD

Hier konnte die junge Bundesrepublik (in der sozialistischen DDR wurden deutlich weniger Kirchen gebaut) auf eine große Zahl an Architekten zurückgreifen, die sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg vom Historismus verabschiedet und der Moderne zugewandt hatten. Angetrieben von gesellschaftlichen Umbrüchen und der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat hatte sich damals eine hochexperimentelle Phase des sakralen Bauens entwickelt. Viele dieser Architekten machten sich nun wieder ans Werk - für das Land auch aus politischen Gründen ein Glücksfall: "Die Bundesrepublik konnte sich damit auch international als ein progressives, offenes, modernes Land präsentieren”, sagt Manuela Klauser, Kunsthistorikerin und Mitglied der Forschungsgruppe Sakralraumtransformation an der Uni Bonn. Gerade im eher konservativen Kontext der Kirche habe man sich auf eine Zeit vor dem NS-Regime berufen können, "in der Deutschland diese offene Ideen schon vertreten hat, lange bevor alle anderen Länder das getan haben." 

Als US-Truppen 1945 die Ruhr überquerten, trafen sie auf viele zerstörte OrtschaftenBild: akg-images/picture alliance

Und so rekonstruierten Architekten zerstörte oder beschädigte historische Kirchen, planten neue Gotteshäuser und ließen sie errichten. Etliche der katholischen hat Rudolf Schwarz (1897 - 1961)konzipiert. Er notierte dazu 1957: "Wir bauen augenblicklich fast nur Kirchen, es ist jedes Mal eine schwere und verzweifelte Arbeit. Man möchte meinen, allmählich könnten wir das, aber in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt, es wird jedes Mal schwerer." Die hohe Dichte an Kirchen im Ruhrgebiet wurde von den Bischöfen ausdrücklich gewünscht, rund 1000 wurden gebaut. "Pantoffelkirchen" nannte man sie - erreichbar für alle Gemeindemitglieder in wenigen Minuten, zur Not auch in Pantoffeln, wenn man sonntags zu lange geschlafen hatte und schnell noch rechtzeitig zum Gottesdienst kommen wollte: "Die Kirche sollte das Herzstück ihres Lebens sein”, erklärt Manuela Klauser. "Dabei ging es nicht nur um den regelmäßigen Besuch Gottes, sondern ganz pragmatisch um soziale Angebote, die kleinere Einheiten von Nachbarschaften miteinander verknüpften, wie Stadtbibliotheken oder Senioren- und Kinderangebote."

Kirchen als Bausatz: Die Bartning-Notkirchen

Frisches Baumaterial war rar, was es dagegen im Überfluss gab, waren Schutt und Trümmersteine der Vorgängerbauten. Also griff man darauf zurück. So etwa bei der evangelischen Gethsemane-Kirche in Bochum, einer von 43 sogenannten Bartning-Notkirchen in Deutschland, benannt nach ihrem Architekten Otto Bartning (1883 - 1959). Er war wie Rudolf Schwarz einer der bedeutenden Vertreter des modernen Kirchenbaus in der Weimarer Republik und nach 1945. Das Besondere an den Bartning-Notkirchen: Sie wurden als Bausatz geliefert.

Eine Bartning-Notkirche: die Gethsemane-Kirche in Bochum. Hier finden noch Gottesdienste stattBild: Olaf Ziegler/Funke Foto Services/IMAGO

Ein in Serie gefertigtes hölzernes Tragwerk bildete zusammen mit der Dachkonstruktion das Grundgerüst, und die Gemeinde vor Ort ergänzte dann Fundament und Mauerwerk. Das Material für die Mauerausfachungen und Umfassungsmauern konnte sie selbst bestimmen und den Bau nach eigenen Vorstellungen weiterentwickeln und ergänzen. Damit habe das Notkirchen-Programm damals nicht nur architektonisch, sondern auch menschlich eine wichtige Funktion erfüllt, sagt Manuela Klauser: "Die Menschen wurden nicht durch eine fertige Architektur entmündigt, sondern sie wurden eingeladen, daran mitzuwirken. Durch dieses Gemeinschaftserlebnis des Bauens wurde auch die Gemeinde selbst gestärkt." 

Auf Augenhöhe mit den Menschen

Für Pomp und Pracht waren weder Geld noch Zeit da, es traf auch nicht den damaligen Zeitgeist in Deutschland. Man wollte dem einschüchternden Monumentalismus der NS-Zeit etwas entgegensetzen. Mit einem klassischen Präsentationsbau aus vergangenen Jahrhunderten, der mit seiner Schönheit Gott ehren soll, haben diese Kirchen sehr wenig gemein, manche wirken heute auffallend schmucklos. "Diese Kirchen wurden für neu entstehende Siedlungen entworfen, wo es auch darum ging, Menschen zur neuen demokratischen Idee hinzuführen und auf Augenhöhe mit ihnen zu bauen, mit Materialien, die sie aus ihrem Alltag kannten", erklärt Manuela Klauser. "Und die ästhetische Leere der Bauten war theologisch untermauert: Sie sollte den Menschen die Möglichkeit geben, sie mit eigener Spiritualität zu füllen." Doch gerade diese Schmucklosigkeit mache viele Menschen heute im Alltag hilflos. 

St. Antonius in Essen wurde von Rudolf Schwarz entworfen und 1959 fertiggestelltBild: Dennis Strassmeier/Funke Foto Services/IMAGO

"Ein Wesenszug heutiger Kirchbauplanung ist zweifellos der Gedanke: Wir bauen nicht für die Ewigkeit (...), wie es vielfach die Absicht früherer Jahrhunderte war", heißt es 1963 in einem Artikel des evangelischen Sonntagsblatts "Der Weg". "Moderne Kirchbauer bauen Kirchen für den Menschen von heute. Das Morgen, nicht das Übermorgen wird dabei berücksichtigt."

Im Übermorgen angekommen stellt sich jetzt vielerorts die Frage, was mit diesen Kirchen geschehen soll. Die Manifesta will mit ihrem Programm Menschen einladen, gemeinsam Antworten darauf zu finden. Dazu hat in der Programmsparte "16+"eine Jury im Vorfeld 16 Projekte ausgewählt, die in zehn Ruhrgebietsstädten realisiert werden. Darunter "Catch the Light - Build Bridges" in der Christuskirche Herne, die mit dem experimentellen Tanztheater des Pottporus Young Ensemble zum interkulturellen Treffpunkt werden soll, oder "Go(o)d Kitchen: Gemeinsam Bauen und Kochen" in der Kirche Heilige Familie, seit 2007 Ausgabeort der Oberhausener Tafel. Hier soll mit Bau- und Kochworkshops für Jugendliche ein Raum für Lernen und Begegnung entstehen. 

Die Manifesta 16 Ruhr läuft vom 21. Juni bis 04. Oktober. Der Eintritt ist frei.

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