Maria Kolesnikowa in Berlin: Ein neues Leben nach der Haft
13. Februar 2026
Maria Kolesnikowa öffnet die Tür zu ihrer Berliner Wohnung. Ein Lächeln, ihr typischer roter Lippenstift, ein komplett schwarzes Outfit und eine herzliche Umarmung - so begrüßt sie die Journalisten, die sie zu einem Gespräch eingeladen hat. Auch die DW-Reporterin ist dabei. "Stört Euch klassische Musik?", fragt sie und wird sogleich gebeten, den Klassik-Sender leiser zu stellen, um Gesprächsaufnahmen zu ermöglichen.
Im Jahr 2020 führte Kolesnikowa in Belarus gemeinsam mit Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo Proteste gegen das Regime von Alexander Lukaschenko an. Auf dem Höhepunkt der Proteste wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und bis zur Grenze der Ukraine gefahren. Doch Kolesnikowa zerriss ihren Pass, sprang durch ein offenes Fenster aus dem Auto und machte sich zu Fuß auf den Rückweg nach Belarus. Schließlich wurde sie "wegen Verschwörung zur Machtergreifung" angeklagt und zu elf Jahren Haft verurteilt.
Mitte Dezember 2025 wurde Kolesnikowa aus einem belarussischen Gefängnis entlassen - als Ergebnis von Verhandlungen zwischen der US-Regierung und dem Machthaber Lukaschenko. Insgesamt kamen 123 politische Gefangene frei. Mehr als 1100 Menschen befinden sich jedoch weiterhin in Haft.
Was sie in Deutschland noch regeln muss
Heute lebt die Flötistin Kolesnikowa in einem Apartment von Freunden, sucht aber nach einer eigenen Wohnung in Berlin. Die einstige politische Gefangene kam auf Einladung der Bundesregierung nach Deutschland, wo sie zunächst medizinisch versorgt wurde. "Es gibt Gesundheitsprobleme, die mit der Zeit behoben werden. Ich fühle mich viel besser als in den letzten fünf Jahren", sagt sie. Im Gefängnis, wo sie oft in Einzelhaft saß und Monate in Isolation verbrachte, erkrankte sie lebensgefährlich und musste im Krankenhaus operiert werden. Vor ihrer Verhaftung war sie gesund.
Finanziell ist sie derzeit auf ihre Familie angewiesen, eine Unterstützung vom deutschen Staat erhält sie nicht. "Ich habe aber die Möglichkeit zu arbeiten, und natürlich werde ich das auch tun", sagt sie. Noch hat Kolesnikowa nicht alle Behördengänge erledigt. Einen Pass für Ausländer mit Visum besitzt sie aber schon und wird damit reisen können. Einen belarussischen Ausweis hat sie nicht. Bei der plötzlichen Freilassung wurden die politischen Gefangenen ohne Papiere des Landes verwiesen.
"Alle anderen Dokumente sind in Arbeit. Die deutsche Seite unterstützt mich sehr, wofür ich sehr dankbar bin. Man ist dabei, auch die Probleme mit der Bank zu lösen", sagt sie. Während sie in Haft saß, wurde ihr deutsches Konto gesperrt, denn als belarussische Staatsbürgerin ist auch sie von Sanktionen betroffen. Die EU hat wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Unterstützung der russischen Aggression durch Belarus eine Vielzahl von Strafmaßnahmen gegen beide Länder beschlossen.
Was Europa für die Belarussen tun sollte
Die Sache mit ihrem Bankkonto zeige jedoch, dass Sanktionen in erster Linie die einfachen Bürger treffen würden, betont Kolesnikowa. Sie träfen nicht Alexander Lukaschenko, Wladimir Putin oder deren Vertreter. "Ich kann nicht klagen, ich bekomme von so Vielen Unterstützung. Aber Tausende Belarussen bekommen sie nicht. In Europa und Deutschland kennen die Politiker den Schmerz der Belarussen nicht. Zwischen ihnen und einem belarussischen Flüchtling besteht eine riesige Kluft."
Um diese zu verringern, empfiehlt sie den europäischen Politikern "für den Zeitpunkt, wenn die Frage diplomatischer Initiativen zwischen der EU und Lukaschenko aufkommt", sich für drei Ziele einzusetzen: Die Freilassung Gefangener, die Beendigung der Repressionen und die Aufhebung der Isolation der Belarussen.
Jetzt sei das Wichtigste, so Kolesnikowa, die politischen Gefangenen freizubekommen, denn Menschenleben seien unbezahlbar. "Alle kritisieren mich dafür, dass ich Lukaschenko gedankt habe. Ich würde auch dem Teufel danken, wenn Menschen dafür freikämen", sagt sie zu ihren Äußerungen auf einer Pressekonferenz nach ihrer Freilassung.
Ferner warnt sie, dass die Isolation des Landes zu einer Orientierung der Belarussen in Richtung Russland führen könne. "Es ist wichtig, die Isolation des Landes zu beenden. Sie nützt, wie sich zeigt, nur Putin", sagt sie. Denn Belarussen, die nicht im Ausland studieren, nicht in die EU reisen und keine Verbindung zur europäischen Kultur unterhalten könnten, würden sich irgendwann dem Osten zuwenden. "Das ist ein großes Problem und das bedeutet nicht nur den Verlust der ökonomischen, sondern auch der gesamten Souveränität", so die Oppositionelle.
Ihre ungewohnte Popularität
Vor dem Jahr 2020 lebte Kolesnikowa 13 Jahre lang in Deutschland. "Ich bin gut in die deutsche Gesellschaft integriert und ich habe hier viele Freunde. Wir sind eine große Community von Künstlern, und das ist unsere Stärke. Sie haben in den letzten sechs Jahren an Dutzenden Projekten gearbeitet, die sie mir gewidmet und so auf die politischen Gefangenen in Belarus aufmerksam gemacht haben", erzählt sie.
Seit ihren Interviews mit deutschen Medien wird Kolesnikowa auf den Straßen Berlins immer häufiger erkannt. "Die Leute sprechen mich an und sagen, dass sie Belarus unterstützen und daran glauben, dass das Land frei sein wird. Ich bin so etwas nicht gewohnt. Aber natürlich ist es schön, wenn mich die Leute erkennen und sofort über Belarus sprechen", sagt Kolesnikowa. Sie fühle sich in Deutschland sicher, betont sie: "Ich habe hier keine Leibwächter, doch ich halte mich an gewisse Regeln."
"2020 waren wir einer Veränderung näher als je zuvor"
Im Gespräch mit Kolesnikowa geht es auch um die Proteste von 2020, die sich gegen die damals von Machthaber Lukaschenko gefälschte Präsidentenwahl richteten. In der Folge kam es zu beispiellosen Repressionen seitens des Regimes. Tausende von Menschen wurden inhaftiert und etwa eine halbe Million Belarussen floh aus Angst vor Verfolgung ins Ausland. Festnahmen für die Teilnahme an den Protesten finden in Belarus auch 6 Jahren danach immer noch statt.
Auf die Frage, inwieweit sie sich für die damaligen Ereignisse mitverantwortlich fühle, sagt sie: "Ich bereue nichts. Alle Belarussen sahen, dass wir 2020 einer Veränderung näher waren als je zuvor - und zwar nicht durch eine blutige Revolution, sondern über einen demokratischen Weg. Dass Lukaschenko so große Angst bekam und zu solcher Gewalt griff, ist eine andere Sache. Niemand von uns hat Schuld daran. Die Entscheidung, Menschen einzusperren, zu schlagen und zu misshandeln, wird von bestimmten Beamten, Sicherheitskräften und von Alexander Lukaschenko getroffen."
Drei Stunden dauert das sehr persönlich geführte Gespräch bereits, als Kolesnikowa den Gästen ihre Flöte zeigt. Das Instrument hat sie noch aus ihrer Zeit in Stuttgart, wo sie einst studiert und gespielt hat. Demnächst wird sie in Berlin ein Konzert geben. "Ich freue mich schon sehr darauf, Euch alle am 9. April wiederzusehen."
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk