Unter der Leitung von Gastprofessorin Marina Abramović entwickelten 24 Studierende der Folkwang Universität der Künste in Essen Langzeit-Performances. Teil davon: gemeinsames Kartoffelschälen.
"Bist du hungrig" heißt die Performance von Aleksandar Timotic Bild: Sabine Oelze/DW
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Aleksandar Timotić sitzt an einem großen Tisch im Museum Folkwang und schält Kartoffeln. Der 31-jährige Opernsänger aus Serbien wurde ausgewählt, ein Jahr lang am interdisziplinären Performancekurs von Marina Abramović teilzunehmen. Die weltberühmte Künstlerin ist 2022 als erste Pina-Bausch-Gastprofessorin an der Folkwang Universität der Künste angetreten.
Sie hat mehrere Dekaden der Performance-Kunst geprägt und sie in die großen Kunstmuseen gebracht. Der Berliner Gropiusbau widmet Marina Abramović nun eine Retrospektive.
Bild: Marco Anelli /Marina Abramovic Archives
Körper als radikales Ausdrucksmittel
Sie legte sich nackt auf Eisblöcke, ritzte sich die Haut auf und schrie, bis ihre Stimme versagte: Wohl kaum ein Künstler setzt den Körper so radikal als Ausdrucksmittel ein wie Marina Abramović. Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" wirft einen Blick auf ihr Leben und Werk, das geprägt ist von ihrem fortwährenden Interesse an Ritualen, Erotik, Tod und dem Körper als Ort politischen Widerstands.
Es ist die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin seit den 1990er-Jahren. Entsprechend groß das Interesse am Eröffnungsabend: Die Schlange am Einlass war zeitweise bis zu 400 Meter lang. Ausgehend von der Folklore des Balkans - der Region, in der Abramović aufgewachsen ist - verbindet die Ausstellung filmische und skulpturale Installationen mit Live-Performances.
Seit 2005 arbeitet die Künstlerin an dem umfangreichen Werk "Balkan Erotic Epic", inspiriert von Volksliedern, Märchen und Mythen aus dem Balkan. 2025 griff sie die Idee erneut auf. Dazu zeigt die Berliner Ausstellung weitere Werke aus Abramovics Œuvre, die bis in die 1970er-Jahre zurückgehen, und verbindet sie mit moderner Performance und neuen Videoinstallationen.
Bild: Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Marco Anelli
1973: Grenzüberschreitung
Abramovićs Erweckungserlebnis war 1973 eine Performance mit zehn Messern und zwei Tonbandgeräten, eine Art slawisches Trinkspiel. "Ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war, dass Schmerz keine Rolle spielte, dass nichts eine Rolle spielte - und es war berauschend", schreibt Marina Abramović in ihrer Autobiografie. "In dem Augenblick wusste ich, dass ich mein Medium gefunden hatte."
Marina Abramović wuchs in Belgrad als Kind zweier Partisanen auf, privilegiert zwar mit früher Kunsterziehung, doch einsam und von der Mutter regelmäßig geschlagen. Die Unterdrückung im kommunistischen Jugoslawien unter Tito macht sie immer wieder zum Thema ihrer Arbeiten, die oft sehr riskant sind: Bei dieser Performance in Belgrad mussten Besucher sie vor den Flammen retten.
Bild: Nebojsa Cankovic/Marina Abramovic Archives
1975: Radikale Selbstinszenierung
Verletzungen durch Selbst- und Fremdeinwirken, Nacktheit oder Bewusstlosigkeit sind in ihrem frühen Werk eher die Regel als die Ausnahme. Mit ihren radikalen Performances begehrte die 1946 geborene Künstlerin gegen die dekorative Ästhetik auf, die ihre Jugend prägte: "Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass Kunst verstörend sein muss, dass Kunst Fragen stellen und zukunftsweisend sein muss."
Die Begegnung mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen) läutete eine neue Periode in Marinas Werk ein. Nicht nur, dass die beiden sich Hals über Kopf ineinander verliebten, sie arbeiteten fortan im Team. Den Auftakt machte eine Performance bei der Biennale in Venedig: Beide Künstler begegneten sich 58 Minuten lang immer wieder mit ihren nackten Körpern - Fleisch gegen Fleisch.
Bild: Ulay/Marina Abramović/Moderna Museet
1978: Kreative Verschmelzung
Zwölf Jahre lang lebten und arbeiteten die beiden Künstler zusammen. Zeitweise wohnten sie in einem kleinen Autobus, völlig vogelfrei, und reisten zu den Orten, an die sie für ihre gemeinsamen Performances eingeladen wurden. In "AAA-AAA" schreien sie sich 15 Minuten lang an.
Es war nur folgerichtig, dass auch ihre Trennung 1988 mit einer Performance besiegelt wurde. Die Wanderung aufeinander zu, entlang der Chinesische Mauer, war eigentlich als romantisches Manifest gedacht. Beim Zusammentreffen wollten die beiden heiraten. Doch war die Liebe in den Jahren zuvor auf der Strecke geblieben: Sie trennten sich - privat wie künstlerisch.
Die Trennung bedeutete für Marina Abramović Kunst keinen Rückschritt, im Gegenteil: 1997 wurde sie zur Biennale nach Venedig eingeladen, in die internationale Sektion des italienischen Pavillons. Mit ihrer Arbeit zu den Balkan-Kriegen, in der sie sieben Stunden am Tag Rinderknochen putzte, gewann die Serbin den Goldenen Löwen.
Die Knochen erinnerten auch an ihre frühere Video-Performance-Reihe "Cleaning the Mirror". Performances leben in dem Moment, doch sind Videos eine Möglichkeit, die flüchtige Kunst für die Nachwelt zu konservieren. Seit den 1990er Jahren bildet Marina Abramović auch Nachwuchskünstler aus.
Zur Jahrtausendwende zog Marina Abramović nach New York um und arbeitete weiterhin viel: Theaterstücke, Performances, Begegnungen mit anderen Künstlern. Langsam wurde auch das amerikanische Publikum auf ihre Kunst aufmerksam. In "House with an Ocean View" lebte die Künstlerin zwölf Tage in drei komplett einsehbaren Räumen. Die Idee: das Energiefeld zwischen sich und den Besuchern verändern.
Bild: Attilio Maranzano/Marina Abramovic Archives
2010: Aug in Aug mit der Künstlerin
Das Museum of Modern Art in New York widmete Marina Abramović 2010 eine umfassende Retrospektive, in der die Künstlerin erstmals Re-Performances ihrer bekanntesten Arbeiten zeigte. Sie selbst war drei Monate präsent. Besucher konnten ihr ins Auge schauen - ein Riesenerfolg. Der Medienrummel erweiterte ihr Publikum weit über das Bildungsbürgertum hinaus.
Bild: Marco Anelli /Marina Abramovic Archives
Die Kraft der sexuellen Energie
In Berlin kann die Künstlerin aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht selbst dabei sein. Doch per Videointerview erklärt sie den Hintergrund ihrer Inspiration: "Die Welt wird bewegt von sexueller Energie. Wir können sie nutzen und in etwas Wunderschönes verwandeln. Doch wenn wir sie unterdrücken, wird sie zu Aggression, Wut und Krieg." Die Schau ist bis zum 23. August 2026 im Gropiusbau zu sehen.
Die Professur, benannt nach der weltberühmten Folkwang-Alumna, schafft die Möglichkeit, international herausragende Künstlerinnen und Künstler aus allen Disziplinen als Gastprofessoren für jeweils ein Jahr an die Folkwang Universität der Künste zu berufen. Hier können sie gemeinsam mit den Studierenden neue Arbeitsweisen entwickeln.
"Bist du hungrig?"
Vor Timotić türmt sich ein regelrechter Kartoffelberg. Er hat viel Zeit mitgebracht. Sechs Stunden täglich sitzt erbis zum 9. Juli an diesem Tisch, schält Kartoffeln und singt Opernarien. Er lädt das Publikum im Museum Folkwang ein, sich zu ihm zu setzen, ihm zuzuhören und selbst zum Kartoffelschäler zu greifen.
"Bist du hungrig" heißt die Performance, die Timotić auch als Geschenk der Liebe an das Publikum bezeichnet. Er wisse zwar noch nicht, ob er die sechs Stunden durchhalte, sagt er. Aber Marina Abramović habe ihm beigebracht, keine Angst zu haben und an sich zu glauben. Ein Jahr lang hat die in New York lebende, international renommierte Künstlerin die Studierenden unterrichtet, in vielen Zoomkonferenzen, aber auch in persönlichen Treffen, um die Performances vorzubereiten.
Disziplin und Willensstärke gefragt
Um einen eisernen Willen zu bekommen, hat Marina Abramović ihren Studenten eine harte Schule verpasst, zu der auch ein einwöchiger "Cleaning the House"-Workshop in Griechenland gehörte. "Das Haus säubern" bedeutet vor allem, körperliche Entbehrungen in Kauf zu nehmen, sich körperlich zu stählen, sich und seine Bedürfnisse besser kennenzulernen. Sieben Tage dauerte dieses Trainingslager. "Fünf Tage davon gibt es nicht zu essen, reden ist verboten, dafür machen wir körperliche Übungen, um zu verstehen, was Zeit ist, was Präsenz bedeutet, und danach haben wir an dem gearbeitet, was jetzt hier als Ergebnis zu sehen ist", erklärt Marina Abramović. Die sechs Stunden, die ihre Studierenden nun täglich im Museum Folkwang in Essen performen, sind nicht vergleichbar mit ihrem eigenen Einsatz. Berühmt wurde sie, als sie für ihre Retrospektive "The Artist is Present" im Museum of Modern Art im Jahr 2010 600 Stunden lang auf einem Stuhl saß und den unterschiedlichsten Besuchern in die Augen blickte.
Marina Abramovic saß für "The Artist is Present" tagelang im Museum, ohne zu redenBild: Marco Anelli/Marco Anelli/Courtesy of Marina Abramovic/dpa/picture alliance
In Essen ist Marina Abramović nicht präsent
Die 76-jährige Abramović selbst kann die Performances nur live am Bildschirm verfolgen. Aus gesundheitlichen Gründen ist sie derzeit nicht reisefähig. Voller Stolz erzählt sie, wie sie versucht hat, den Studierenden ein Jahr lang die Erweiterung des Kunstbegriffs, die Einbeziehung des Publikums, Disziplin und Selbstüberwindung - alles Markenzeichen ihrer Kunst - zu vermitteln. Die Ergebnisse werden zum Abschluss der vierten und letzten Arbeitsphase vom 30. Juni bis 9. Juli 2023 im Museum Folkwang erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. "In solchen Langzeit-Performances kann man sich nicht verstellen, man wird verletzlich. So entsteht ein sehr emotionaler Dialog mit dem Publikum, das ist etwas Einzigartiges. Und das zeigen die Kunststudierenden jetzt", so Abramović.
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Eigene Erfahrungen in Kunst übersetzen
Ein Stuhl steht vor einer grünen Wand und lädt Besucher ein, Platz zu nehmen. Dahinter spielt Marija Radovanovic in einem grünen Satinkleid auf ihrer Geige. Man kann sie nicht sehen. Eine intime und zugleich sehr öffentliche Situation. "Ich wollte eine Möglichkeit schaffen, dass die Leute einfach nur da sitzen, ohne Handy, einfach nur auf eine Wand schauen, die Augen ausruhen", erklärt sie ihre Idee. Marina Abramović habe sie dabei unterstützt. Im Rahmen des "Cleaning-the-House"-Workshops habe sie gelernt, wie es ist, stundenlang nur dazusitzen und auf ein farbiges Blatt Papier zu sehen. "Ich würde mich freuen, wenn die Leute auch hier länger auf dem Stuhl sitzen und einfach nur zuhören, schauen und denken", sagt sie.
Marija Radovanovic leidet unter dem Perfektionszwang ihrer BrancheBild: Sabine Oelze/DW
Marija Radavanovic, 2001 in Belgrad geboren, klassisch ausgebildete Geigerin reflektiert in ihrer Performance auch den Druck, unter dem professionelle Musikerinnen wie sie stehen. Immer wenn sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügt, reißt sie eine Saite aus ihrem Bogen und wirft sie auf den Boden. "Besonders Streicher, wenn sie etwas nicht gut machen, wollen sich immer bestrafen, weil der Perfektionismus in diesem Beruf so stark ist, auch bei mir", sagt sie. So wie Marija Radovanovic kommen auch die meisten anderen Performer und Performerinnen nicht aus der bildenden Kunst, sondern aus den Disziplinen Gesang, Regie, Tanz oder Fotografie. Marina Abramović hat sie gelehrt, ihre eigenen Grenzen auszuloten.
Performances unter Live-Bedingungen
Die 24 sehr unterschiedlichen Performances finden parallel in eigenen kleinen Kojen statt, die Besucher und Besucherinnen wählen ihren eigenen Parcours. Vorbei am Italiener Francesco Marzano, der "Tabula rasa" macht - so der Titel seiner Performance - und aus seinen Tagebüchern laut vorliest, um die Seiten im Anschluss einzeln herauszureißen und zu vernichten. Vorbei an Camillo Guthmann, der sich beim Stepptanz auf Spiegelscherben verletzt.Gleichzeitig posiert Klara Günther auf einem Sockel, beschmiert sich genüsslich mit Rübenkraut, wälzt sich in Federn und verwandelt sich so in ein seltsames Vogelwesen. Marina Abramović ist begeistert, dass sich die Studierenden so weit vorwagen: "Ich fragte sie: 'Wovor hast du Angst?' Sie antwortete: 'Nackt und ein Huhn zu sein.' Ich antwortete: Lass es uns tun. Jetzt ist sie nackt und ein Huhn. Ich wollte sie ermutigen, ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Drama zu erzählen", erklärt Abramović.
Metamorphose zum Huhn: Klara Günther mit Federn bedecktBild: Sabine Oelze/DW
Camillo Guthmann tanzt auf einem ScherbenhaufenBild: Sabine Oelze/DW
"54 Hours" ist ein Workshop unter Live-Bedingungen. Die Studierenden zeigen selbstbewusst ihre wunden Punkte. So nah kommt man der Performancekunst im Museum wohl selten.