Marina Abramović legt ihre legendäre Performance "The Artist is Present" von 2010 neu auf und versteigert Tickets für die New Yorker Sean Kelly Gallery. Der Erlös geht an eine Hilfsorganisation für die Ukraine.
Mehr als 700 Stunden lang saß Marina Abramović 1675 Besuchern des New Yorker MoMA gegenüber (2010)Bild: Marco Anelli/Marco Anelli/Courtesy of Marina Abramovic/dpa/picture alliance
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"Ich frage mich, was im Moment die Aufgabe von uns Künstlern ist, überhaupt von uns Menschen, wie können wir helfen?" Marina Abramović spricht in diesem Interview mit der DW (16.3.2022) emotional und eindringlich. Das tut sie meist, aber der Krieg in der Ukraine berührt sie ganz offensichtlich sehr. Bereits einen Tag nach Kriegsbeginn hat sie mit einer Video-Botschaft reagiert, in der sie sagt: "Ein Angriff auf die Ukraine ist ein Angriff auf uns alle. Es ist ein Angriff auf die Menschheit und muss gestoppt werden." Gewalt und Krieg, klar, da ist sie dagegen. Aber anders als die früheren Kriege in Afghanistan, Irak oder Syrien sei dieser gefühlt ganz in der Nähe, quasi im eigenen "Hinterhof".
Darum belässt sie es nicht bei Worten, sondern findet einen Weg, durch Kunst eine Hilfsorganisation mit Geld zu unterstützen. In der Neuauflage ihrer 2010 so erfolgreichen Performance "The Artist is Present" dürfen ihr am 16.4.2022 in der New Yorker Sean Kelly Gallery jene drei Personen exklusiv gegenübersitzen, die in einer eigens dafür eingerichteten Auktion am meisten zu geben bereit waren. Die Versteigerung auf der Plattform Artsy endete am 25.3., der Erlös ist bislang nicht bekannt gegeben worden.
Marina Abramović: Schon vor dem Krieg in der Ukraine aktiv
Für eine Künstlerin, die in New York lebt, mag die gefühlte Nähe des Krieges angesichts der geografischen Entfernung merkwürdig klingen. Doch Abramović ist erstens als Tochter von Partisanen im jugoslawischen Serbien aufgewachsen und zweitens war sie mehrmals in der Ukraine. Gerade noch vergangenes Jahr, in der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar außerhalb von Kiew.
Dort ist im Oktober 2021 ihre bisher raumgreifendste Installation eingeweiht worden. "The Crystal Wall of Crying" (bedeutet auf Deutsch so viel wie "Die kristallene Mauer des Weinens") ist eine 40 Meter lange, interaktive "Klagemauer" aus Kohle, gespickt mit riesigen Quarzkristallen. Sie erinnert an den Ort einer der größten Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg: An zwei Tagen im September 1941 wurden in der "Weiberschlucht", wie Babyn Jar auf Deutsch heißt, mehr als 33.000 Menschen, hauptsächlich jüdische, von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht und dem Sonderkommando SS ermordet.
Die "Mauer des Weinens" als Mauer der Heilung
Marina Abramović in Babyn Jar vor der von ihr entworfenen "Crystal Wall of Crying" im Oktober 2021Bild: Irina Yakovleva/dpa/TASS/picture alliance
Unweit der Gedenkstätte ist am 1.3.2022 der Fernsehturm von Kiew von einer Rakete getroffen worden. Es grenzt fast an ein Wunder, dass die Mauer nicht beschädigt wurde. Wenn die "Crystal Wall of Crying" diese Hölle unbeschadet überstehe, dann, so meint die Künstlerin, bekäme sie einmal mehr eine doppelte Bedeutung. Ein Ort für Trauer und Erinnerung, aber auch ein Ort der Heilung, so sieht es die Künstlerin und zitiert den Dalai Lama: "Der einzige Weg, das Töten zu überwinden, heißt Vergebung." Und sie ergänzt, dass das der Schlüssel zur Menschlichkeit sei.
Nicht ganz leicht angesichts der täglichen Eskalation des Krieges, der zahlreichen zivilen Opfer und Millionen Menschen, die sich auf der Flucht in und aus der Ukraine befinden. Vergebung ist ein großes Wort - was zähle, sei sich jetzt zu positionieren. Für Abramović ist klar: Russische Künstlerinnen und Künstler, die sich nicht von Putin distanzieren, sollten boykottiert werden.
Kunst, die schmerzt
Künstlerische "Schnellschüsse" waren noch nie die Sache von Abramović. Ihre vielen Performances, in denen sie sich Verletzungen zufügt, wie in "Lips of Thomas" (1975/1993/2005), wobei sie sich den fünfzackigen kommunistischen Stern in den Bauch ritzt, sich dann auf Eis legt und mit einem Fön die Wunde zum Bluten bringt, suchen nie den "Kick", sondern die Transformation von Schmerzen. Ihre Performances sind vielfach eine persönliche Grenzüberschreitung, weisen aber auch darüber hinaus.
Marina Abramović: Eine lebenslange Performance
Sie hat mehrere Dekaden der Performance-Kunst geprägt und sie in die großen Kunstmuseen gebracht. Der Berliner Gropiusbau widmet Marina Abramović nun eine Retrospektive.
Bild: Marco Anelli /Marina Abramovic Archives
Körper als radikales Ausdrucksmittel
Sie legte sich nackt auf Eisblöcke, ritzte sich die Haut auf und schrie, bis ihre Stimme versagte: Wohl kaum ein Künstler setzt den Körper so radikal als Ausdrucksmittel ein wie Marina Abramović. Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" wirft einen Blick auf ihr Leben und Werk, das geprägt ist von ihrem fortwährenden Interesse an Ritualen, Erotik, Tod und dem Körper als Ort politischen Widerstands.
Es ist die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin seit den 1990er-Jahren. Entsprechend groß das Interesse am Eröffnungsabend: Die Schlange am Einlass war zeitweise bis zu 400 Meter lang. Ausgehend von der Folklore des Balkans - der Region, in der Abramović aufgewachsen ist - verbindet die Ausstellung filmische und skulpturale Installationen mit Live-Performances.
Seit 2005 arbeitet die Künstlerin an dem umfangreichen Werk "Balkan Erotic Epic", inspiriert von Volksliedern, Märchen und Mythen aus dem Balkan. 2025 griff sie die Idee erneut auf. Dazu zeigt die Berliner Ausstellung weitere Werke aus Abramovics Œuvre, die bis in die 1970er-Jahre zurückgehen, und verbindet sie mit moderner Performance und neuen Videoinstallationen.
Bild: Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Marco Anelli
1973: Grenzüberschreitung
Abramovićs Erweckungserlebnis war 1973 eine Performance mit zehn Messern und zwei Tonbandgeräten, eine Art slawisches Trinkspiel. "Ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war, dass Schmerz keine Rolle spielte, dass nichts eine Rolle spielte - und es war berauschend", schreibt Marina Abramović in ihrer Autobiografie. "In dem Augenblick wusste ich, dass ich mein Medium gefunden hatte."
Marina Abramović wuchs in Belgrad als Kind zweier Partisanen auf, privilegiert zwar mit früher Kunsterziehung, doch einsam und von der Mutter regelmäßig geschlagen. Die Unterdrückung im kommunistischen Jugoslawien unter Tito macht sie immer wieder zum Thema ihrer Arbeiten, die oft sehr riskant sind: Bei dieser Performance in Belgrad mussten Besucher sie vor den Flammen retten.
Bild: Nebojsa Cankovic/Marina Abramovic Archives
1975: Radikale Selbstinszenierung
Verletzungen durch Selbst- und Fremdeinwirken, Nacktheit oder Bewusstlosigkeit sind in ihrem frühen Werk eher die Regel als die Ausnahme. Mit ihren radikalen Performances begehrte die 1946 geborene Künstlerin gegen die dekorative Ästhetik auf, die ihre Jugend prägte: "Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass Kunst verstörend sein muss, dass Kunst Fragen stellen und zukunftsweisend sein muss."
Die Begegnung mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen) läutete eine neue Periode in Marinas Werk ein. Nicht nur, dass die beiden sich Hals über Kopf ineinander verliebten, sie arbeiteten fortan im Team. Den Auftakt machte eine Performance bei der Biennale in Venedig: Beide Künstler begegneten sich 58 Minuten lang immer wieder mit ihren nackten Körpern - Fleisch gegen Fleisch.
Bild: Ulay/Marina Abramović/Moderna Museet
1978: Kreative Verschmelzung
Zwölf Jahre lang lebten und arbeiteten die beiden Künstler zusammen. Zeitweise wohnten sie in einem kleinen Autobus, völlig vogelfrei, und reisten zu den Orten, an die sie für ihre gemeinsamen Performances eingeladen wurden. In "AAA-AAA" schreien sie sich 15 Minuten lang an.
Es war nur folgerichtig, dass auch ihre Trennung 1988 mit einer Performance besiegelt wurde. Die Wanderung aufeinander zu, entlang der Chinesische Mauer, war eigentlich als romantisches Manifest gedacht. Beim Zusammentreffen wollten die beiden heiraten. Doch war die Liebe in den Jahren zuvor auf der Strecke geblieben: Sie trennten sich - privat wie künstlerisch.
Die Trennung bedeutete für Marina Abramović Kunst keinen Rückschritt, im Gegenteil: 1997 wurde sie zur Biennale nach Venedig eingeladen, in die internationale Sektion des italienischen Pavillons. Mit ihrer Arbeit zu den Balkan-Kriegen, in der sie sieben Stunden am Tag Rinderknochen putzte, gewann die Serbin den Goldenen Löwen.
Die Knochen erinnerten auch an ihre frühere Video-Performance-Reihe "Cleaning the Mirror". Performances leben in dem Moment, doch sind Videos eine Möglichkeit, die flüchtige Kunst für die Nachwelt zu konservieren. Seit den 1990er Jahren bildet Marina Abramović auch Nachwuchskünstler aus.
Zur Jahrtausendwende zog Marina Abramović nach New York um und arbeitete weiterhin viel: Theaterstücke, Performances, Begegnungen mit anderen Künstlern. Langsam wurde auch das amerikanische Publikum auf ihre Kunst aufmerksam. In "House with an Ocean View" lebte die Künstlerin zwölf Tage in drei komplett einsehbaren Räumen. Die Idee: das Energiefeld zwischen sich und den Besuchern verändern.
Bild: Attilio Maranzano/Marina Abramovic Archives
2010: Aug in Aug mit der Künstlerin
Das Museum of Modern Art in New York widmete Marina Abramović 2010 eine umfassende Retrospektive, in der die Künstlerin erstmals Re-Performances ihrer bekanntesten Arbeiten zeigte. Sie selbst war drei Monate präsent. Besucher konnten ihr ins Auge schauen - ein Riesenerfolg. Der Medienrummel erweiterte ihr Publikum weit über das Bildungsbürgertum hinaus.
Bild: Marco Anelli /Marina Abramovic Archives
Die Kraft der sexuellen Energie
In Berlin kann die Künstlerin aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht selbst dabei sein. Doch per Videointerview erklärt sie den Hintergrund ihrer Inspiration: "Die Welt wird bewegt von sexueller Energie. Wir können sie nutzen und in etwas Wunderschönes verwandeln. Doch wenn wir sie unterdrücken, wird sie zu Aggression, Wut und Krieg." Die Schau ist bis zum 23. August 2026 im Gropiusbau zu sehen.
In "Balkan Baroque" schrubbt Marina Abramović auf der Biennale in Venedig 1997 tagelang in einem Kellerraum blutige, stinkende Knochen. Für diese drastische Antwort auf den Jugoslawien-Krieg, der sechs Jahre zuvor begonnen hatte, erhält sie mit dem "Goldenen Löwen" den Preis der Biennale. Von dem Blut der Opfer, kann man sich nicht reinwaschen, so die Aussage, die universelle Gültigkeit besitzt. Auch heute im Krieg gegen die Ukraine.
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"Kunst steht nicht an erster Stelle"
"Im Moment steht Kunst nicht an erster Stelle, tut mir leid, nein", sagt sie nachdrücklich. "Es gibt so viel dringlichere Dinge zu tun, wenn ich sehe, wie Krankenhäuser bombardiert werden, wie Babys rausgetragen werden. Die Frau, die in dieser Situation bei der Geburt stirbt, das ist so viel wichtiger als alles andere gerade."
Für sie steht die konkrete Hilfe jetzt an erster Stelle, Gelder für Medizin und Flüchtlingsunterkünfte. Man müsse helfen, Menschenleben zu retten. Sie hat sich entschieden, selbst aktiv zu werden und zwar finanziell. Mit einer Neuauflage ihrer Langzeit-Performance "The Artist is Present" von 2010.
Drei Monate lang saß Abramović schweigend, ohne ihren Stuhl zu verlassen, während der Öffnungszeiten im New Yorker Museum of Modern Art. Die Besucher konnten ihr gegenüber Platz nehmen. Mit "The Artist is Present" wurde sie endgültig zur Legende. Jetzt versteigert sie auf der Online-Plattform Artsy die Möglichkeit, am 16. April in der New Yorker Sean Kelly Gallery, wo gerade ihre Schau "Performative" läuft, mit ihr zu sitzen und sich schweigend in die Augen zu schauen.
Die drei meistbietenden Personen, eine einzelne und ein Paar, erhalten zudem ein signiertes Foto. Der Erlös geht an die Hilfsorganisation Direct Relief, die in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Gesundheitsministerium medizinische Hilfe sowie langfristige Unterstützung für die vom Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine leistet.
Die Situation ist so gefährlich wie nie zuvor
Ein Krieg, von dem nach wie vor nicht klar ist, wie er enden kann und wird. "Es könnte zu einem dritten Weltkrieg führen", sagt Marina Abramović. "Meine Generation wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, und ich habe so eine Situation nicht erwartet. Jetzt ist es richtig gefährlich, weil wir das Ego von Putin erschüttert haben, er kann nicht verlieren, er wird jeden einzelnen Stein in der Ukraine zerstören, bevor er rausgeht."
Die NATO, sollte sie sich einmischen, würde sie damit eventuell einen Dritten Weltkrieg, womöglich gar atomar, provozieren? "Die Situation ist viel gefährlicher als wir denken, für alle Menschen, für den ganzen Planeten." Damit hat Marina Abramović sicherlich recht.